Moderatorin [00:00:00] Ich begrüße Sie recht herzlich zum heutigen Press Briefing des Science Media Center. Mein Name ist Annegret Burkert, und ich bin Redakteurin für Medizin und Lebenswissenschaften hier am Science Media Center. Heute wollen wir über das Thema Affenpocken sprechen. Dazu haben wir vier Expert*innen eingeladen, die hier kurz und knapp den aktuellen Wissensstand der Forschung zusammentragen werden, einen Blick auf laufende Experimente und [zu] erwartende Entwicklung geben können. Und natürlich sollen wie immer hier heute Ihre Fragen beantwortet werden. Kurz und knapp zum aktuellen Stand: Das Affenpockenvirus hat sich jetzt in Europa weiter ausgebreitet. Aber auch global sind jetzt aktuell laut Global Health 332 Fälle bestätigt worden. Aus Kanada wurde das Virus bei einem Schulkind nachgewiesen. Und nachdem in Europa, in den USA und in Kanada vermehrt nichtreisebedingte Affenpockenfälle aufgetreten sind, deutet es darauf hin, dass sich auch dort die Fälle lokal ausbreiten. Todesfälle wurden bisher nicht gemeldet, und die Gefahr einer Ansteckung ist für die allgemeine Bevölkerung derzeit noch nicht besonders hoch. Allerdings sind noch sehr viele Fragen offen, und wir hoffen, dass wir heute ein paar davon klären können. Ihre Fragen können Sie gerne im Frage-und-Antwort-Tool stellen. Das finden Sie unten im Programm. Und bevor ich loslege, möchte ich Ihnen gerne einmal die heute hier anwesenden Expert*innen vorstellen. Als Erstes möchte ich begrüßen Prof. Dr. Gérard Krause. Er ist Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Weiterhin anwesend ist hier heute Prof. Dr. Mirjam Kretzschmar. Sie ist Professorin am Julius Center for Science Primary Care an der Universitätsmedizin Utrecht. Und sie ist Expertin für mathematische Krankheitsmodellierung am Rijksnstituut for Volksgezondheid in den Niederlanden. Gut, das habe ich jetzt nicht so perfekt ausgesprochen. Als dritten Experten begrüße ich Prof. Dr. Clemens Wendtner. Er ist Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen in München Klinik Schwabing. Und als letzten im Bunde begrüße ich Prof. Dr. Roman Wölfel. Er ist Oberstarzt und Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Herzlich willkommen in die Runde! Herr Wendtner, ich beginne mit einer Frage an Sie. Sie haben kürzlich in München den ersten in Deutschland bekannten Fall [mit] Affenpocken betreut. Können Sie uns kurz davon berichten? Wie hat sich dieser Patient angesteckt, und welchen klinischen Verlauf hat die Infektion genommen?
Clemens Wendtner [00:02:56] Ja, wir hatten am 20. Mai über diesen ersten bekannten Affenpockenvirus-Patienten berichtet, der keinen Kontakt ins Endemiegebiet nach Afrika hatte. Er ist bereits am 20. April nach Deutschland eingereist, hatte mehrere Städte besucht – Düsseldorf, Köln, Frankfurt – und ist dann um den 12. Mai in München aufgeschlagen und hatte sich dort, nachdem er Symptome entwickelt hatte, leichtes Fieber, Schluckstörungen, Myalgien, also Muskelschmerzen, und dann in der Folge auch Hautveränderungen, in einer großen Praxis in München am 19. Mai vorgestellt. [Die Diagnose Affenpocken] wurde dann – Herr Prof. Wölfel kann später dazu Stellung nehmen – mittels eines PCR-Tests im Institut für Mikrobiologie gestellt. Und der Patient wurde am 20.5. bei uns stationär aufgenommen. Das war auf Anordnung der Gesundheitsbehörden eine gewisse Vorsichtsmaßnahme, weil zu dem Zeitpunkt noch keine Regularien existierten. Der Patient ist in einem klinisch sehr stabilen Zustand. Man kann sagen, dass er eigentlich aus medizinischer Sicht keine Isolation in einem Kliniksetting benötigt. Er hat allerdings keinen festen Wohnsitz in Deutschland. Er ist brasilianischer Staatsbürger, und wir finden eine Unterbringung im Hotel in diesem Kontext nicht adäquat, und das ist auch im Einverständnis mit dem Patienten erfolgt. So klinisch noch ganz kurz: Der Patient hat einen sehr milden Verlauf, derzeit keine allgemeinen Symptome mehr, also kein Fieber et cetera. Er hat lediglich noch die typischen pockenartigen Hautveränderungen, die sogar jetzt langsam in ein Krustenstadium übergehen. Und er wird eben die Zeit der Isolation, die ja auf 21 Tage durch das BMG festgesetzt wurde, hier bei uns verbringen, das heißt bis Anfang Juni.
Moderatorin [00:05:06] Ja, wunderbar. Vielen Dank. Als Nächstes, Herr Krause, möchte ich Sie fragen. Sie haben 2017/ 2018 den Ausbruch in Nigeria epidemiologisch mitbegleitet. Wenn Sie da an die Daten zurückdenken und die jetzigen Erkenntnisse hier aus Europa kennen, inwiefern unterscheiden sich die Ausbrüche? Oder welche Gemeinsamkeiten gibt es? Ich hör sie gerade nicht. Das hatte jetzt im Vorgespräch so gut geklappt. Nein, Herr Krause, ich höre Sie gerade nicht. Dann springe ich erst mal weiter. Ich komm gleich noch mal zu Ihnen zurück. Frau Kretzschmar, dann machen wir mit dem Ausbruch bei Ihnen erst mal weiter. Wie schnell sich Affenpocken wirklich verbreiten können, ist noch nicht ganz klar. Bisher weiß man auch noch nicht so ganz genau, wie der R-Wert für diese Infektionen ist. Können Sie uns da schon etwas Genaueres sagen? Was ist bereits bekannt, und wovon geht man momentan aus?
Mirjam Kretzschmar [00:06:18] Wirkliche Schätzungen gibt es jetzt noch nicht, dazu gibt es noch zu wenig Daten im Moment. Man hat Schätzungen von der Situation in Afrika aus den letzten Jahrzehnten eigentlich, da war der R-Wert bisher immer unter eins, es gab immer nur kurzzeitige, kleinere Ausbrüche. Jetzt ist es aber so, dass die Pockenimpfung – die wirkt ja teilweise auch gegen die Affenpocken und in den letzten Jahrzehnten war ja immer noch ein Großteil der Bevölkerung gegen Pocken geimpft – immer weniger wird. Dadurch kann es sein, dass auch der Immunschutz in der Bevölkerung, also sowohl in Afrika als auch natürlich bei uns, mit der Zeit geringer wird und dadurch sich der R-Wert von Affenpocken erhöhen kann, weil eben weniger Menschen in der Bevölkerung noch geschützt sind durch Immunität. Inwieweit das jetzt genau der Fall ist, [weiß man noch nicht], oder Schätzungen hat man da auch noch nicht. Aber ich habe einen Artikel in der Literatur gefunden, in dem eine Schätzung für Affenpocken in einer völlig unimmunisierten Population von zwischen eins und zweieinhalb angegeben wird. Das heißt also, wenn die Immunität tatsächlich weg ist, dann könnten sich die Affenpocken eventuell ausbreiten. Aber ob das jetzt wirklich der Fall ist oder nicht oder ob es auf Risikogruppen beschränkt bleiben wird, das kann man im Moment noch nicht so absehen.
Moderatorin [00:08:15] Wenn Sie jetzt Berechnungen anstellen, wovon gehen Sie denn aktuell aus? Welchen R-Wert würden Sie denn verwenden, um das zu modellieren? Von welcher Immunitätslage kann man denn aktuell ausgehen?
Mirjam Kretzschmar [00:08:26] Man kann davon ausgehen, dass die Bevölkerung, sagen wir mal ältere Menschen, die über 50 sind, noch zu einem großen Teil eine Grundimmunität von der Pockenimpfung hat, dass aber alle jüngeren Leute eben nicht immunisiert sind. Diejenigen, die noch immun sind, die haben einen Schutz, der auf 85 Prozent geschätzt wird. Ich würde, wenn ich das modellieren sollte, davon ausgehen, dass der R-Wert im Moment vielleicht um die eins ist, weil man sieht ja, dass es eben schon Infektionsketten gibt. Aber ich würde nicht davon ausgehen, dass es in der Allgemeinbevölkerung längere Infektionsketten geben kann. Ich würde davon ausgehen, dass der R-Wert nach wie vor noch unter eins liegt. Aber ich habe keine Schätzungen. Ich habe keine harten Daten dafür.
Moderatorin [00:09:29] Und die gibt es halt auch noch nicht …
Mirjam Kretzschmar [00:09:31] Die gibt es einfach noch nicht.
Moderatorin [00:09:32] Ja, Herr Krause, können wir Sie jetzt hören?
Gérard Krause [00:09:35] Können wir es machen?
Moderatorin [00:09:36] Ja, gut. Dann komme ich noch mal zurück zu meiner Frage: Inwiefern lässt sich Ihre Erfahrung aus Nigeria mit dem Ausbruch hier vergleichen?
Gérard Krause [00:09:50] Ich gehe davon aus, dass es doch eine ziemlich andere Dynamik ist. Die Ausbruchssituation in Afrika war so, dass sehr häufig ein direkter Zusammenhang zu einer Tierexposition festgestellt werden konnte, dass nur vereinzelt Mensch-zu-Mensch-Übertragung festgestellt wurde, insbesondere in einem Gefängnis. Was ähnlich ist, [ist,] dass tatsächlich Fälle ganz geografisch weit entfernt voneinander aufgetreten [sind]. Das ist ja jetzt ein bisschen ähnlich auf globalem Maßstab. Das ist schon sehr interessant und erstaunlich. Insofern ist es sehr wichtig, bei der Ausbruchsaufklärung jetzt wirklich eine sehr, sehr gute, lückenlose Reise- und Kontaktanamnese vorzunehmen. Das machen die Kollegen sicherlich auch in den verschiedenen Ländern, um darzustellen, wie die Infektionsketten sich erklären. Vermutlich ist jetzt der Ausbruch, den wir aktuell vor uns haben, nur zu einem sehr geringen Teil oder höchstens ganz am Anfang auf eine Tierexposition zurückzuführen und ganz überwiegend geprägt von Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Was noch ganz anders ist – ich gehe jedenfalls davon aus, dass es auch so bleibt –, ist die Sterblichkeit. Die war bei dem Ausbruch in Afrika deutlich höher, als jetzt zu erkennen ist. Und ich glaube auch, dass das sehr unterschiedlich bleiben wird, weil die grundsätzliche Versorgungssituation, die Vorerkrankungen, die hygienischen Verhältnisse bei dem afrikanischen Ausbruch ganz andere waren, als [sie] jetzt hier in der nördlichen Hemisphäre beobachtet werden. Ich gehe nicht davon aus, dass es ähnlich dramatisch ablaufen wird, und es wird auch insgesamt – da teile ich die Einschätzung von Frau Kretzschmar – ein Ausbruch sein, der eben nicht die allgemeine Bevölkerung insgesamt gleichmäßig betrifft oder ein gleiches Risiko [hat], sondern dass da schon Risikogruppen ziemlich klar identifiziert werden können und dass die Maßnahmen dort auch fokussiert werden können.
Moderatorin [00:11:53] Gefährlicher, vielleicht kann man das mal sagen, ist das Virus ja für Immungeschwächte und Kinder. Herr Wendtner, können Sie vielleicht noch mal genau sagen, wen das Virus stärker betreffen könnte?
Clemens Wendtner [00:12:05] Wie Herr Krause gesagt hat: Viele unserer Evidenzen beruhen ja auf den Endemiegebieten. Das heißt, wir haben natürlich noch nicht ein volles Bild über das Gefährdungspotenzial bei Immunsupprimierten im Kontext des aktuellen Ausbruchs. Aber, das kann man schon sagen, dass prinzipiell der Ausbruch bei Patienten mit einer eingeschränkten Immunität, zum Beispiel im Kontext einer HIV-Erkrankung, die nicht medikamentös kontrolliert ist, aber auch im Kontext zum Beispiel einer Tumorerkrankung, [bei der die Immunität eingeschränkt ist, gefährlicher ist]. Und da ist natürlich ein wenig die Befürchtung, dass hier andere, auch klinische Erscheinungsbilder apparent werden. Ich teile natürlich die Einschätzung auch von Frau Kretzschmar und Herrn Krause – Herr Wölfel wird sich dem, denke ich, auch anschließen –, dass es keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung gibt. Aber man muss trotzdem für Immungeschwächte einen besonderen Fokus auch in dem jetzigen Ausbruchsgeschehen sehen und auch präventiv hier Maßnahmen installieren. Das sind zum Teil auch nichtpharmakologische Interventionen, wie wir das ja dann in der Infektiologie nennen. Das ist auch ein präventives Sexualverhalten. Das kann aber auch dahin gehen, dass man sagt, man geht auch bis zur Impfung – darüber werden wir uns später noch im Detail unterhalten. Regelungsimpfungen für Risikogruppen, die eben exponiert waren und immunsupprimiert sind, um zurückzukommen auf Ihre Frage, Frau Burkert, das könnte ich mir vorstellen. Und bezüglich der Kinder: Ja, es gibt historische Daten aus Afrika, die zumindest in der spärlichen Literatur ein höheres Risiko, auch ein Sterblichkeitsrisiko für Kinder unter 16 Jahren beschreiben. Man sollte aber sehr vorsichtig mit diesen Zahlen sein, da [....] Medizin in Afrika erhoben worden und sind nicht eins zu eins natürlich in die westliche Welt zu übertragen. Die Kindersterblichkeit per se ist in Afrika auch sehr hoch, unabhängig von Affenpocken, und da sollte man jetzt auch keine Ängste schüren. Die pädiatrische Gesellschaft in Deutschland hat ja explizit noch mal darauf hingewiesen, dass eben auch bezüglich Affenpocken kein erhöhtes Risiko gerade für Kinder und Jugendliche besteht und die Eltern nicht in Sorge versetzt werden sollten.
Moderatorin [00:14:49] Vielen Dank, Herr Wölfel, jetzt zu Ihnen: Sie haben das erste Genom der Affenpocken in Deutschland sequenziert und Sie haben generell auch einen guten Überblick über die bisher entzifferten Affenpockengenome. Sehen Forschende denn nun Hinweise darauf, dass sich das Virus eventuell verändert haben könnte und dass es vielleicht auch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar geworden ist?
Roman Wölfel [00:15:11] Bevor ich zu dieser Frage komme, erstmal zu dem Punkt überhaupt: Wie weist man die Affenpocken nach? Man weist die ja genauso nach, wie das SARS-Coronavirus nachgewiesen werden kann, auch indem man molekularbiologische Tests verwendet, Echtzeit-PCR in dem Fall. Und wir machen das bei uns am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr schon seit vielen Jahrzehnten, entsprechende Untersuchungen der Affenpocken durchzuführen, auch die Ausbrüche, die gerade schon erwähnt worden sind in Afrika. Davon sind zahlreiche Proben auch bei uns untersucht worden. Insofern haben wir auch einen guten Überblick darüber, wie das Setting natürlich auch immer wieder sehr unterschiedlich ist. Man muss allerdings auch sagen, auch im Bereich der Laboruntersuchungen oder der Untersuchung von Affenpocken mit ihrem Genom und der Veränderung des Genoms beruhen eben auch viele dieser Daten immer noch auf diesen Ausbrüchen aus Afrika, wo es dann aber natürlich schwierig ist, auch zu korrelieren zwischen dem Was-sehe-ich-im-Genom [und] Was-macht-das-im-Menschen, weil – das hat Professor Wendtner gerade schon angesprochen – da spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle. Die medizinische Versorgungssituation spielt eine Rolle. Das heißt, man kann nicht aus jeder Veränderung gleich auf eine Ursache im Genom Rückschlüsse ziehen. Das Genom von Affenpocken ist recht groß. Es ist sieben Mal größer als das von Coronaviren beispielsweise. Das bedeutet, da ist viel mehr Information drin, da ist viel mehr Plastizität drin, Beweglichkeit auch im Genom. Pockenviren im Allgemeinen sind in der Lage, auch Gene aus ihren Wirten aufzunehmen. Andererseits bestehen sie aus einem Genom, was viel weniger sich verändert als das eben zum Beispiel von RNA-Viren, das sind DNA-Viren. RNA-Viren verändern sich ständig. Diese Variantenbildung, die wir bei SARS-CoV-2-Viren sehen, die sehen Sie in dieser Form, bei Pockenviren im Allgemeinen und auch bei Affenpocken eher nicht. Die Genomdaten, die wir jetzt haben von dem ersten Patienten aus Deutschland, mittlerweile auch von weiteren Patienten, die werden gerade noch bioinformatisch untersucht. Es sind sehr große Genome, da muss sehr genau nachgeguckt werden in jedem einzelnen Fall, wenn sich an einer Stelle ein einziger Baustein verändert, welche Bedeutung das hat. Das ist eben ein relativ selteneres Ereignis als bei RNA-Viren. Aber man muss genau gucken: Hat sich da jetzt etwas getan? Hat sich hier eine neue genetische Komponente etwa hinzugefügt? Das haben wir bisher nicht gesehen. Da sind also keine großen Veränderungen, die sofort ins Auge springen, passiert. Es kann aber natürlich auch sein, dass kleine Veränderungen, ganz winzige, sogar ein einziges Nukleotid, ein einziger Baustein der Erbsubstanz, wenn er an der falschen Stelle sitzt, große Veränderungen bringen kann, wenn es zum Beispiel dazu führt, dass ein bestimmtes Gen des Affenpockenvirus dadurch blockiert wird oder entblockiert wird. Und das ist etwas, was noch Gegenstand der Untersuchungen momentan ist. Da muss man nämlich sehr genau unterscheiden, ob das jetzt ein zufälliges Rauschen des Messverfahrens ist – was zwar sehr selten ist, aber auch mal passieren kann –, oder ob man das bei mehreren Genomsequenzen sieht. Man hat auf alle Fälle bis jetzt auch in den ersten Untersuchungen in den anderen Ländern – Europa, Nordamerika – keine bahnbrechenden Veränderungen des Genoms gesehen, sodass aus unserer Sicht das auf jeden Fall wieder ein multifaktorielles Geschehen ist, also viele Einflussfaktoren da eine Rolle spielen, angefangen von Reisetätigkeit über bestimmte Personengruppen, die möglicherweise durch viele Kontakte einfach mal jetzt dem Ganzen einen Boost gegeben haben, bis hin zu einer Virusverbreitung, die möglicherweise schon seit mehreren Jahren auch möglicherweise unerkannt in einigen Ländern sich ausbreitet. Alles das sind Dinge, die jetzt genauer untersucht werden müssen. Es sind alles Hypothesen, die innerhalb der nächsten Wochen oder auch Monate erst einer weiteren Bestätigung oder auch eben Nichtbestätigung zugeführt werden können.
Moderatorin [00:18:55] Jetzt haben Sie mir schon einige Komponenten genannt. Das wäre nämlich auch meine nächste Frage gewesen: Bis jetzt geht man davon aus, dass es eigentlich nicht so leicht von Mensch zu Mensch zu übertragen ist. Und wie ist denn nun doch dieser recht rapide Anstieg zu erklären? Sie haben jetzt eben schon gesagt, vielleicht war es auch schon eine Weile unentdeckt. Welche Möglichkeiten gibt es noch? Die Frage geht an alle, weshalb das auf einmal so sichtbar wird. Herr Wendtner.
Clemens Wendtner [00:19:25] Ich mach mal den Start. Wie ja Herr Professor Wölfel ausgeführt hat: Man muss, glaube ich, sehr in Ruhe noch mal abwarten, was die Genomsequenzierungen bringen. Das ist ja mal eine Hypothese, dass es vielleicht doch eine kleine Untervariante ist, aber ich teile seine Einschätzung, dass bei DNA-Viren die Mutationsfreudigkeit doch deutlich geringer ist, als wir das von RNA-Viren kennen. Aber das bleibt abzuwarten. Das kann auch noch Wochen dauern, bis man da eine klare Evidenz generiert. Frau Kretzschmar hatte ja auch schon den fehlenden Immunschutz, was die klassischen Pocken angeht, erwähnt. Seit 1982 wurden in Deutschland – wenn wir natürlich die östlichen Bundesländer, sprich: ehemalige DDR mit einrechnen – keine Pockenschutzimpfungen mehr flächendeckend durchgeführt. Das ist bestimmt auch noch zu bedenken. Gerade sehen wir ja auch eine gewisse Betroffenheit bei jungen Männern insbesondere. Das ist ein gewisser Fokus in dem jetzigen Ausbruch. Darüber hinaus muss man auch sagen, es ist auch ein gewisses Verhalten, das natürlich auch die Ausbreitung derzeit befördert. Generell gesprochen, sehen wir eine Verbreitung der Affenpockenviren nach, ich nenne es mal promiskuitivem, ungeschütztem Sexualkontakt. Das ist ein gewisses Muster, das wir erkennen. Ich nenne das bewusst auch unabhängig vom Geschlecht, weil die Affenpockenvirusinfektion kann prinzipiell jeden treffen. Zurzeit sehen wir einen Fokus in der MSM-Szene, aber es ist keine Stigmatisierung hiermit verbunden, sondern es geht letztendlich auch um den Schutz für diese Gruppe, die wir natürlich sehr auch im Fokus haben. Da machen wir uns viele Gedanken. Und eine neue Erkenntnis ist, das darf ich in dem Kontext auch erwähnen: In Zusammenarbeit mit Herrn Professor Wölfel ist es ja auch gelungen, bei unseren wenigen Patienten – in München sind es derzeit zwei, die versorgt werden/wurden, einer ist inzwischen wieder entlassen – konnten wir auch verschiedene Körperflüssigkeiten untersuchen, sprich: Im Institut für Mikrobiologie wurden entsprechende Analysen durchgeführt. Es ist eben neben der klassischen Schmierinfektion, neben der Tröpfcheninfektion auch ein Virusnachweis im Blut. Und jetzt ist das Neue auch im Sperma geglückt – Herrn Professor Wölfel und seinen Kollegen. Das heißt, wir haben es letztendlich auch mit einer sexuell übertragbaren Erkrankung zu tun. Das sind alles auch Erkenntnisse, die mit zum Schluss eine Rolle spielen. Und es würde mich nicht wundern, wenn wir auch in nächster Zeit Infektionen ganz unabhängig vom Geschlecht auch bei Frauen etcetera detektieren würden. Das ist auch meine Perspektive, was das Infektionsgeschehen angeht. Es wird begrenzt sein, aber bei Risikoverhalten wird es unabhängig vom Geschlecht auch zu Infektionen kommen.
Moderatorin [00:22:55] Herr Wölfel, kann man sagen, wenn Sie das Virus jetzt auch im Samen nachgewiesen haben, dass das definitiv auch ein Übertragungsweg sein kann?
Roman Wölfel [00:23:05] Da bin ich wissenschaftlich noch etwas zurückhaltend. Wir haben es tatsächlich nachgewiesen im Sperma, haben dort auch Viruskonzentrationen gefunden, die zum Beispiel höher waren als die im Blut. Insofern ist es jetzt nicht nur ein einfaches Durchdringen. Das Affenpockenvirus wie alle Ortho-Pockenviren des Menschen verbreitet sich eben im gesamten Körper. Es ist nicht eine lokale Infektion, es ist eine systemische Infektion. Die Verbreitung geschieht über das Blut. Und dann taucht natürlich ein Virus in verschiedenen Körperflüssigkeiten auf. Professor Wendtner hat es schon gesagt: Im Urin konnten wir es nicht nachweisen. Wir konnten es aber im Blut nachweisen bei den beiden Patienten, die wir untersucht haben. Wir haben auch bei einem dieser Patienten einen Nachweis in der Samenflüssigkeit gehabt, beim anderen Patienten jetzt nicht. Allerdings war der eine Nachweis tatsächlich deutlich höher als die Werte bei dem Betroffenen im Blut. Das ist natürlich auch unabhängig von den Laborwerten jetzt eine Angelegenheit, die man einfach auch mal unter ganz praktischen Aspekten sehen muss. Selbst wenn das Virus in sehr vielen Körperflüssigkeiten auftritt, es tritt auch in Hauteffloreszenzen auf, in diesen typischen Pockenpusteln. Und die bleiben über eine lange Zeit bestehen, sind oftmals auch bei Affenpocken nicht so zahlreich und fallen vielleicht auch nicht gleich so auf. Die sind auf jeden Fall infektiös. Und tatsächlich hat Sexualität ja nicht nur etwas mit dem Übertragen von Samenflüssigkeit zu tun, sondern in jedem Fall in den meisten Fällen mit engem Körperkontakt. Das bedeutet, das ist nicht so einfach zu sagen, dass es deswegen jetzt an der Übertragung über das Sperma gelegen hätte, sondern tatsächlich ist einfach enger Körperkontakt bereits etwas, was dazu führt, dass es zu diesen Übertragungen kommt. Bei den Ausbrüchen in Afrika, das wurde ja auch schon von Herrn Krause gesagt, sind auch zahlreiche Kinder betroffen gewesen. Da war Sperma definitiv nicht der Hauptübertragungsweg, sondern eben der Körperkontakt untereinander oder der Kontakt zu Tieren, also zum ursprünglichen Wirt. Das ist eine der vielen Fragen, die man genauer betrachten muss, bei der man auch die Abwägung finden muss: Ab wann informiere ich die Öffentlichkeit darüber, wann löse ich Besorgnis aus? Wann ist es aber auch einfach so, dass man erst mal harte Fakten braucht, um zu zeigen, dass das auch funktioniert?
Moderatorin [00:25:26] Wie genau kann man denn eigentlich eine Affenpockeninfektion detektieren und vielleicht auch bei sich selber detektieren? Wie können Betroffene selbst erkennen, dass sie eventuell davon betroffen sind? Herr Wendtner oder Herr Wölfel? Herr Wendtner.
Clemens Wendtner [00:25:46] Klinisch betrachtet war es ja auch so bei unseren Patienten und auch von dem, was wir aus anderen Zentren in Deutschland berichtet bekommen, dass die Patienten eigentlich mit der Hauteffloreszenz erstmalig ärztlichen Kontakt suchen. Fieber, Kopfschmerzen sind dann doch sehr unspezifische Primärsymptome, die einen selten zum Arzt führen. Die Kombination mit engem körperlichem Kontakt, nicht zuletzt auch ungeschütztem, promiskuitivem Sexualkontakt plus Hauteffloreszenzen sind natürlich die Dinge, die die Betroffenen wachsam werden lassen sollten. Und dann wäre auch spätestens der Zeitpunkt, sich fachärztlich vorzustellen. Das können große infektiologische Praxen sein, das kann aber auch primär mal der Hautarzt sein, der sich das anschaut. Man muss dazu sagen, die Pockeneffloreszenzen treten ja synchronisiert in verschiedenen Stadien auf. Am Anfang sind die Hautveränderungen sogenannte Maculae, die sich erst über Papulae, also Papeln, Vesikeln dann zum Schluss erst zu den Pusteln entwickeln. Das ist ein langsames Anwachsen der Hautveränderungen, und das führt die Patienten dann zum Arzt. Und da gibt es gewisse Differentialdiagnosen, ich nenne mal Windpocken. Dort ist es so, dass zum Teil verschiedene Hauteffloreszenzen eben nicht synchronisiert auftreten, also die beschriebenen Stadien auch sehr gut nebeneinander auftreten. Aber es kann auch die Syphilis sein, die sehr ähnlich aussieht, zumindest im Sekundärstadium. Und zum Teil sind auch Veränderungen, das ist vielleicht auch neu, in den Schleimhäuten, auch im Mund beobachtet worden, die eben auch zum Teil eher an andere Erkrankungen und nicht zuletzt auch an die Syphilis denken lassen könnten. Von daher wäre dann schon auch eine fachärztliche Vorstellung indiziert.
Moderatorin [00:27:57] Frau Kretzschmar, ich wechsele [das Thema]. Was wären Hinweise darauf, dass das Virus außer Kontrolle gerät und auch hier endemisch wird, welche Szenarien wären vorstellbar?
Mirjam Kretzschmar [00:28:18] Ein Virus kann natürlich auch endemisch werden, wenn es innerhalb einer Risikogruppe beschränkt bleibt. Das sieht man ja auch mit HIV in europäischem Kontext, dass das HIV-Virus auch hauptsächlich auf bestimmte Risikogruppen beschränkt [ist]. Es kann dann trotzdem endemisch sein, wenn es in Gruppen, die viele wechselnde Kontakte haben, weitergegeben wird. Es kann endemisch sein und trotzdem innerhalb dieser Risikogruppe bleiben, weil es sich in die allgemeine Bevölkerung nicht weiter ausbreiten kann. So ein Szenario wäre hier denkbar. Das hat man bei HIV gesehen und es gab auch Ausbrüche von Hepatitis C in diesen Risiko-Populationen. Was auch diskutiert wird, ist, dass das Virus im Laufe der Zeit an den menschlichen Wirt besser anpasst und sich dadurch auch eventuell besser verbreiten könnte. Aber das ist im Moment rein spekulativ. Ich denke aber, dass man bei diesem Affenpocken-Virus natürlich in der guten Situation ist, dass die Übertragung und Krankheitsausbreitung, wenn man es mit dem Coronavirus vergleicht, relativ langsam vor sich geht und man dadurch zum Beispiel mit Maßnahmen wie Kontaktnachverfolgung und Quarantäne oder Isolation eine gute Chance hat, das in den Griff zu kriegen. Wenn man jetzt handelt, hat man eine gute Möglichkeit, das unter Kontrolle zu halten. Ich hätte erst Bedenken, wenn man in größerem Maßstab in der Allgemeinbevölkerung Übertragungen sehen würde.
Moderatorin [00:30:25] Herr Krause, wenn die Generationen mit Pockenimpfung jetzt immer weniger werden, könnte man sich vorstellen, dass so ein Pockenvirus wie jetzt die Affenpocken eine ökologische Nische besetzt und bräuchten wir dann vielleicht doch noch mal eine neue Generation von Pockenimpfstoff, müssten wir die Bevölkerung noch einmal mit Pockenimpfstoffen impfen?
Gérard Krause [00:30:50] Eine interessante Frage, aber ich glaube, es ist viel zu früh, darüber zu spekulieren. Ich denke, wir sollten erst einmal tatsächlich jetzt die uns verfügbaren gängigen Instrumente nutzen, die gerade auch Frau Kretzschmar wiederholt hat und auch, was Herr Wendtner sagte, eine Ringimpfung, eine Regelungsimpfung in einem bestimmten Setting, wenn zum Beispiel wieder mal ein Ausbruch in einem Gefängnis stattfinden sollte, dann würde man wahrscheinlich relativ niedrigschwellig die Entscheidung treffen, alle Bewohner*innen in dem Gefängnis zu impfen. In solchen Settings macht die Impfung sicherlich jetzt Sinn. Ob man das als generalisierte Impfung sieht, das ist, glaube ich, jetzt viel, viel zu früh, darüber zu spekulieren. Das möchte ich eigentlich jetzt nicht weiter diskutieren. Wichtig ist ein Punkt, der mir doch zu denken gibt: Wenn die öffentliche Diskussion sich jetzt in der Richtung Stigmatisierung weiterentwickelt, dann besteht ein Risiko, dass bestimmte Länder aufgrund der Stigmatisierung die Berichterstattung über diese Fälle zurückhalten. Und das wäre schlimm, weil nämlich dann auch die Aufarbeitung und die Bekämpfung dieser Fälle und die Eindämmungsmaßnahmen entsprechend unterminiert würden. Wenn also vor lauter Angst vor Stigmatisierung oder vor lauter Stigmatisierung selbst die eigentliche offene Herangehensweise an diesen Ausbruch unterwandert würde, weil einzelne Länder zum Beispiel nicht wahrhaben wollen, dass auch bei ihnen solche Fälle auftreten, dann könnte das die Unterbindung der Weiterverbreitung tatsächlich beeinträchtigen. Das hatten wir ja auch schon mal vor 30 Jahren oder vor 40 Jahren. Das wäre noch mal ein Appell, in Deutschland sehe ich da keine Gefahr, aber es gibt Länder und es gab Länder, die sich schwer tun mit einer offenen Kommunikation in solchen Situationen.
Moderatorin [00:32:47] Herr Wölfel, Sie wollen da noch was hinzufügen.
Roman Wölfel [00:32:51] Ja, weil es gerade schon darum ging, welche Gefahr möglicherweise bei einer weiteren Ausbreitung drohen würde und insbesondere die Frage, wird das dann hier vielleicht endemisch. Die Orthopockenviren, die wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben, sind ja immer Orthopockenviren, bei denen der Mensch der Fehlwirt ist. Die echten Pocken des Menschen, das sind unsere menschlichen Pocken, das Variola-Virus haben wir ja erfolgreich mit Impfkampagnen vor vielen Jahrzehnten ausgerottet. Das bedeutet, das, was wir momentan sehen, sind immer Fehlwirt-Infektionen, also Viren, die eigentlich im Tierreich vorkommen, bei bestimmten Tierarten und dann ab und zu mal auf uns oder auf andere Tiere wie bei den Affenpocken überspringen. Wenn man sich da jetzt Sorgen macht, kann das dann auch bei uns endemisch werden, muss man tatsächlich auch hier wieder sagen: Wissen wir noch nicht, ist aber mit gewissen Hintergrundinformationen zu bewerten. Was viele nicht wissen: Wir haben ja hier in Deutschland bereits andere Tierpocken, unter anderem die Kuhpocken, die auch nicht in Kühen tatsächlich immer vorkommen, sondern auch wiederum in Nagetieren und die von diesen Nagetieren immer wieder mal auf Kühe oder auch auf andere Tiere übertragen werden können und dann eben auch auf den Menschen und dann auch mal [in] einem kleinen lokalen Ausbruch, also zwei, drei Leute tatsächlich betreffen können. Das sind natürlicherweise in Deutschland vorkommende tierische Orthopocken-Virusinfektionen und die haben wir sowieso auch schon hier und die sind auch nicht so, dass die sich jetzt quer durch die gesamte Bevölkerung ausgebreitet haben, auch nicht nach Abnahme es Impfschutzes durch die Pockenvirusimpfung. Dementsprechend ist das alles mit einer gewissen Aufmerksamkeit, aber ohne Grund zur Panik weiterzuverfolgen.
Moderatorin [00:34:38] Was passiert denn in Deutschland, um die Übertragungsketten aktuell zu unterbrechen? Gibt es eine gute Kontaktnachverfolgung und finden diese sogenannten Ringimpfungen, also das Impfen von Kontaktpersonen um die infizierten Personen herum überhaupt statt? Wissen Sie das, Herr Krause oder Herr Wendtner?
Clemens Wendtner [00:34:58] Es gibt selbstverständlich Kontaktnachverfolgung bei allen bekannten Infektionsfällen, auch bei unseren Fällen in München. Dazu muss man einschränkend sagen, dass zum Teil die Kontaktnachverfolgung schwierig ist, weil auch Berichte über anonymen Sex Verbreitung finden und Namen nicht bekannt sind. Das muss man auch in aller Offenheit ansprechen dürfen. Zu Ihrer zweiten Frage, Frau Burkert, die Regelungsimpfung für Immunsupprimierte, das würde ich genauso einschätzen wie Herr Krause. Wenn zum Beispiel künftig ein kleines Ausbruchsgeschehen [stattfindet], Herr Krause hatte zum Beispiel ein Gefängnis genannt oder in dieser Richtung, dazu sind Impfdosen mit Imvanex zumindest mal bestellt worden, 40.000 Impfdosen. Dazu muss man sagen, dass eine Impfung aus zwei Injektionen besteht, das würde also 20.000 Betroffenen helfen können. Die Impfungen sind aber noch nicht verfügbar, sie sind bestellt. Wenn das vorliegt, ist die Impfung, ich betone es noch mal, nicht für die Allgemeinbevölkerung, sondern für sehr definierte Gruppen in einem sehr definierten Setting eine Option, in der Postexposition helfen zu können. In der frühen Phase der Inkubationszeit wäre das eine Option. Darüber hinaus wird diskutiert, wie weit postexpositionell eine Therapie mit dem Tecovirimat eine Option darstellt. Da gibt es logischerweise wenig bis keine Daten. Tecovirimat ist am 6. Januar 2022 von der EU zugelassen worden, das bezieht sich auf den therapeutischen Einsatz und [ist] fokussiert auf die klassischen Pocken. Aber auch da hätte man prinzipiell eine Option im therapeutischen und auch im postexpositionellen Setting. Aber die Indikationsstellung ist auch, das ergänze ich noch, selbst durch einen Konsens innerhalb der Stakob – des ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren in Deutschland – so noch nicht fixiert.
Moderatorin [00:37:41] Sie sagten gerade, die Impfung ist noch nicht verfügbar. Das Tecovirimat, ist das verfügbar? Und wenn man es Betroffenen gibt oder Kontaktpersonen, könnte das dann vielleicht die Infektion komplett eingrenzen, ist das möglich oder kann das bei einer tatsächlichen Infektion sogar die Infektiösität verringern, so dass dann vielleicht eine Person, die als Kontaktperson oder als zweiter Infizierter infrage kommt, dann vielleicht selber nicht so infektiös ist.
Clemens Wendtner [00:38:17] Tecovirimat wird in Holland zur Verfügung gestellt von einer Firma. Es ist in einer Zulassung gedacht für Patienten mit Pockenerkrankung im Sinne einer Therapie. Darüber hinaus gibt es keine Zulassung. Das heißt auch in der Postexpositionsprophylaxe ist Tecovirimat nicht zugelassen. Es sind Überlegungen, die in gewissen Expertenkreisen diskutiert werden, dass es ergänzend auch eine Option darstellen könnte zu postexpositionellen Impfungen. Dazu muss man sagen, Tecovirimat ist auch im Kontext der Stakob in geringen Dosen verfügbar. Diese Dosen würden wir uns aber vorbehalten für Patienten mit einem schweren Verlauf der Affenpocken-Virusinfektion, sprich für Patienten mit schwerer Immunsuppression, die wir derzeit in Deutschland noch nicht sehen, aber das ist selbstverständlich vorgedacht.
Moderatorin [00:39:37] Ist denn bereits bekannt, wann der Impfstoff in Deutschland verfügbar sein wird und wann könnten eventuell erste Empfehlungen für Ringimpfungen herausgegeben werden? Weiß das jemand von Ihnen?
Clemens Wendtner [00:39:54] Der Impfstoff ist 2013 zugelassen worden, das heißt für die klassischen Pocken. Aber wann er konkret in Deutschland verfügbar wird, das ist nicht bekannt. Er wird in Dänemark produziert. Für den Impfstoff gab es historisch ganz andere Überlegungen, das kann Professor Wölfel vielleicht aus Sicht der Bundeswehr noch kommentieren. Ein Pockenimpfstoff hat ja auch eine gewisse Indikationsstellung im nichtzivilen Bereich. Das war eine Überlegung auch bei bioterroristischen Anschlägen, bei entsprechendem Einsatz von biologischen Kampfwaffen, dass man hier Militär und Bevölkerung durch Impfung schützt. Das waren Überlegungen auch des US-Militärs. Das hat auch kleine Firmen, die in dieser Nische produzieren, befördert.
Moderatorin [00:40:56] Frau Kretzschmar, wenn Impfung möglich sein würde, kann man die Interventionen von diesen Impfungen jüngeren, nicht gegen Pocken geimpften Bevölkerungsgruppen denn modellieren?
Mirjam Kretzschmar [00:41:13] Anfang dieses Jahrhunderts gab es diese Befürchtungen, dass die Pockenviren für bioterroristische Anschläge benutzt werden, und in der Zeit wurden auch verschiedene Modelle entwickelt, damals für die Ringimpfung bei Pocken, also bei menschlichen Pocken. Diese Modelle kann man leicht modifizieren, um die entsprechend für die Affenpocken wieder zu benutzen und die Effekte von Ringimpfungen und anderen Interventionen durchzurechnen. Das ist relativ schnell und gut zu machen. Damals wurde in den Modellen gezeigt, dass Ringimpfungen eine effektive Intervention sind, um eben solche Pockenausbrüche unter Kontrolle zu kriegen, wenn es welche gäbe.
Moderatorin [00:42:14] Herr Krause, bitte.
Gérard Krause [00:42:17] Ich möchte noch einmal betonen, damit es nicht falsch verstanden wird: Die Impfung wird hier, soweit derzeit absehbar, immer nur eine Einzelfallentscheidung sein, die von dem jeweiligen Gesundheitsamt sicherlich auch in guter Abklärung mit dem Robert Koch Institut von Fall zu Fall entschieden wird. Es ist sicherlich keine Sache, die generell von der Stiko empfohlen und in der Breite angeboten werden wird. Das muss sehr, sehr stark getrennt werden, dass es nicht falsch verstanden wird. Das wird ein ganz spezielles, fokussiertes Instrument für ganz besondere Situationen sein. Die Situation muss so sein, dass man sehr gut definieren kann, wer die Personen sind, die unter Risiko stehen, die exponiert waren, dass man rechtzeitig da ist und dass man dann in dieser begrenzten, gut umschriebenen Population zusätzlich die Impfung einsetzt. Das sind also ganz bestimmte Settings, die geographisch, zeitlich und durch andere Kriterien definiert sind. Das ist nichts, wo man auf eine Empfehlung warten muss und der Amtsarzt das mal entscheidet oder macht, sondern das sind Einzelfallentscheidungen, die sehr gründlich abgewogen werden.
Moderatorin [00:43:26] Hier gibt es noch eine Frage zum Krankheitsbild. Bisher wird immer von milden Verläufen gesprochen. Erholt man sich denn nach der Erkrankung in der Regel komplett oder bleiben gegebenenfalls Narben zurück oder andere optische oder gesundheitliche Einschränkungen? Ist dazu was bekannt, Sie nicken, Herr Wendtner.
Clemens Wendtner [00:43:45] Es gibt Erkenntnisse aus den Endemiegebieten diesbezüglich, dass auch eine narbige Abheilung stattfinden könnte. Das ist relativ selten, aber auch das können wir nicht ausschließen, können wir auch bei den jetzigen Patienten nicht ausschließen. Das Risiko darüber hinaus aus klinischer Sicht sind eigentlich sogenannte Superinfektionen. Das heißt, dass sich Narben sekundär bakteriell infizieren in der Regel durch Bakterien und es dann zu anderweitigen Hautinfektionen kommt. Es gibt selten Berichte auch über Erblindung bei vom Affenpockenvirus infizierten Patienten. Das ist auch eine seltene Komplikation und meines Wissens ist das aus den nichtendemischen Affenpockenvirus-Fällen bisher noch nicht berichtet worden. Also insgesamt ein milder Verlauf. Man muss immer einschränken, wir kennen natürlich die Verläufe bei komplett Immunsuppremierten noch nicht ausreichend gut. Von daher ist auch das etwas, was natürlich aus klinischer Sicht sehr genau monitoren.
Moderatorin [00:45:07] Herr Wölfel, melden Sie sich immer noch, wollen Sie noch etwas hinzufügen?
Roman Wölfel [00:45:11] Ich habe noch einen Kommentar zu der vorherigen Frage. Da wurde ja auch auf Pockenimpfpläne und so etwas Bezug genommen. Es ist glaube ich sehr, sehr wichtig, das hat auch Herr Krause schon angedeutet, dass man das nicht missversteht: Die Affenpocken sind nicht die echten Menschenpocken, das ist eine Erkrankung, die hat sehr viel Ähnliches, ist aber eben sehr viel milder. Das war ja auch eine Frage, was ist denn mild, also im Sinne des Vergleichs mit den echten Pocken, die eine tödliche Krankheit des Menschen sind. Das sind eben unsere echten Pocken gewesen und alle die Planungen, die es im nationalen oder im internationalen Maßstab für einen Pockenausbruch gab, mit allen Notfallplänen, mit allen Impfstoffvorräten und Impfkonzepten, die dann in der Regel auch auf hohe Schnelligkeit, hohe Umsetzung ausgerichtet waren, auch gewisse Risiken dann in Kauf genommen hätten in der Bevölkerung, weil das Risiko der echten Pocken viel, viel, viel höher gewesen wäre - alle die kann man jetzt nicht als Maßstab für die Eindämmung der Affenpocken nehmen und auch nicht für die Indikationsstellung der Impfung. Die Affenpocken sind eine andere Krankheit. Es sind Tierpocken, die auf den Menschen bisher nur sehr selten übergetreten sind, sich jetzt momentan in begrenztem Maße in verschiedenen Ländern verbreiten, aber jetzt die alten Katastrophenpläne und die Pockenimpfpläne der vergangenen Jahrzehnte herauszuziehen, das wäre sicherlich eine nicht richtige Ableitung. Danke.
Clemens Wendtner [00:46:46] Dazu ergänzend muss man sagen: Pockenvirusimpfstoff, der ja auch in Deutschland entsprechend gelagert wurde für die klassischen Pocken, wie Herr Prof. Wölfel ja auch sehr korrekt betont hat, auch im Sinne des Zivilschutzes, nicht im Kontext eines Pockenangriffes, das sind Impfstoffe, die natürlich nicht geeignet sind, um [für] diese sehr, sehr begrenzten Ring- oder Regelungsimpfungen, über die wir uns gerade unterhalten haben, eingesetzt [zu] werden. Die Pockenimpfstoffe der ersten und zweiten Generation basieren auf einem Lebensimpfstoff und es ist eben kein attenuiertes, kein abgeschwächtes Virus und die sind sehr schlecht verträglich. Da braucht man wirklich die neue MVA-Technologie, das Imvanex ist der einzige Pockenimpfstoff der dritten Generation – wie wir ihn nennen – und der ist sehr gut verträglich. Aber, da sind wir uns alle hier glaube ich einig, das es eine sehr, sehr schmale, fokussierte Indikationsstellung geben könnte – bei kleineren Ausbruchsgeschehen im sehr definierten Kontext.
Moderatorin [00:47:59] Frau Kretzschmar.
Mirjam Kretzschmar [00:48:01] Ich wollte noch mal sagen, dass ich Herrn Wölfel da vollkommen zustimme. Weil ich vorher diese Pockenmodelle genannt habe, will ich noch einmal sagen, dass man diese Modellstruktur übernehmen kann, aber die müssen natürlich dann entsprechend parametrisiert werden, um für die andere Krankheit, die Affenpocken, zu gelten. Die Modellstruktur kann man von damals übernehmen, aber die Modelle müssen natürlich neu parametrisiert werden, um dieser neuen, anderen Krankheit Rechnung zu tragen. Das wollte ich nur noch mal klarstellen. Nicht, dass der Eindruck entsteht, ich denke, dass wir das von den Pocken direkt übernehmen könnten.
Moderatorin [00:48:47] Wir müssen leider schon zum Ende kommen. Die 50 Minuten sind fast vorbei. Ich würde Sie gern fragen: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Fragen, die es jetzt auf jeden Fall aus der Forschung zu klären gibt? Ich fange mal bei Ihnen an, Herr Krause.
Gérard Krause [00:49:12] Im Vordergrund steht jetzt Forschung im Sinne von Ausbruchsuntersuchungen, darauf möchte ich mich fokussieren: Intensive, international gut abgestimmte Kontaktpersonen-Nachverfolgung und Austausch von Informationen über die Exposition und daraus dann eben die Ableitung der Risikoprofile und der Verbreitungswege beziehungsweise der wesentlichen Übertragungswege, was dann wiederum direkt zu den Hygiene-Empfehlungen führt und zu den Maßnahmen. Das steht für mich jetzt im Vordergrund. Dazu kommt die molekularbiologische Aufarbeitung, [das ist] sehr wichtig, weil sie uns auch Aufschluss darüber gibt, wie diese Zusammenhänge dieser international zeitgleich auftretenden Fälle erklärt werden können. Diese beiden Informationsquellen müssen gut Hand in Hand ausgetauscht werden.
Moderatorin [00:50:04] Frau Kretzschmar, welche wichtigen Fragen finden Sie, müssten noch geklärt werden?
Mirjam Kretzschmar [00:50:11] Einmal denke ich auch, die Kontaktnachverfolgung wird uns sehr wichtige Informationen liefern zum Beispiel über die Zahl der Sekundärfälle pro infizierte Person. Was auch sehr wichtig ist, ist eine genaue Bestimmung des sogenannten Generationsintervalls – also wie viel Zeit vergeht zwischen der Infektion eines Indexfalls und der Infektion der Sekundärfälle. Das ist ein sehr wichtiger Parameter, um die weitere Infektionsdynamik quantitativ gut einschätzen zu können. Es wäre sehr wichtig, dass man über solche Prozesse wirklich gute quantitative Daten erhebt.
Moderatorin [00:50:59] Herr Wendtner, aus ihrer Sicht, was muss auf jeden Fall noch geklärt werden?
Clemens Wendtner [00:51:03] Aus klinischer Sicht ist es natürlich wichtig, den Verlauf der Affenpockenviruserkrankung ohne Endemiebezug sehr genau zu studieren, zum Beispiel, wie entwickelt sich das Krankheitsbild bei Immunsupprimierten. Da könnte es ja durchaus Unterschiede geben. Für uns ist, das haben wir vorhin kurz angeschnitten, auch immer wichtig zu wissen: Wie ist der genaue Verbreitungsweg. Wir hatten über klassische Schmierinfektionen berichtet, aber uns interessiert natürlich auch, wie sieht es mit anderen Körperflüssigkeiten aus, wie lange zum Beispiel sind Pockenviren nachweisbar. Wir kennen [das von] Ebola, dass wir das zum Teil auch Monate nach einer Infektion noch nachweisen können – im Sperma zum Beispiel. Und dann haben wir natürlich auch ein großes Interesse, die Immunologie der Affenpockenvirusinfektion besser zu verstehen. Das heißt, wann treten Serokonversionen bei den Patienten auf, wie ist die Immunität nach einer Affenpockenvirusinfektion. Das sind Dinge, die natürlich den Mediziner auch interessieren. Und aus therapeutischer Sicht: man muss fairer Weise sagen, es gibt ja keine breite Erfahrung zu Tecovirimat. Es gibt keine breite Erfahrung selbst zu Imvanex bei Affenpockenviruserkrankungen. Auch das ist natürlich für einen Mediziner oder für einen Arzt von Interesse hier Daten im internationalen Kontext zu generieren.
Moderatorin [00:52:42] Vielen Dank, Herr Wölfel. Sie haben das Virus sequenziert. Welche Tests machen Sie auch gerade bei Ihnen im Institut?
Roman Wölfel [00:52:51] Im Moment machen wir tatsächlich einfach die molekularbiologische PCR-Diagnostik bei vielen Verdachtsfällen, vielen Menschen, die sich Sorgen machen, aber natürlich auch bei Kontaktpersonen, die wir ohnehin schon die ganze Zeit gemacht haben. Auf Ihre Frage zu kommen, was hier die nächsten Herausforderungen sind: Das Wichtigste für mich sind natürlich aus Sicht der medizinischen Virologie, die Fragen, die der Kollege Wendtner gerade aufgebracht hat, möglichst schnell auch in den Forschungslabors bearbeiten zu können, um dann schnell auch in der Diagnostik die entsprechenden Antworten liefern zu können. Der große Vorteil im Bereich der Pockenviren ist allerdings, dass es da schon seit vielen Jahrzehnten auch wissenschaftliche Erfahrung gibt auf der Welt. Hier ist es so, dass es viele Forschungsgruppen gibt, die über Jahrzehnte schon an Pockenviren, auch an Affenpocken gearbeitet haben und das jetzt auch schon laufend tun. Wir müssen hier natürlich mit dem besonderen Schwerpunkt noch mal genauer nachgucken. Und da gibt es zwei Bereiche, die uns interessieren. Das eine sind die schon eingangs angesprochenen molekularbiologischen Untersuchungen. Was für genetische Veränderungen finden wir möglicherweise? Was bedeuten die dann? Da muss man auch dran denken, dass reine Zahlen da nicht unbedingt immer eine Rolle spielen. Also zum Beispiel, wenn Sie 50 Veränderungen auf einem Pockengenom finden, was 200.000 Basen groß ist etwa, dann ist das natürlich erst mal eine relativ kleine Zahl, die eben keinesfalls so bedeutsam vielleicht erscheint wie bei einem wesentlich kleineren Genom, also Erbgut-Stück. Aber – ich sagte das auch schon am Anfang – wenn das eine einzige Mutation an der falschen Stelle ist, kann es wiederum doch große Auswirkungen haben. Also eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist, die aber jetzt gerade auch, während wir uns hier unterhalten, intensiv untersucht wird. Ein zweiter Punkt ist die Sache der Immunität. Die zelluläre und die Antikörper-vermittelte Immunität ist auch bei SARS-Corona-Virus oft diskutiert worden. Die spielt auch bei den Pockenvirusinfektion eine Rolle. Da haben die Affenpocken natürlich auch unterschiedliche Mechanismen, wie sie auf die Abwehr des Körpers reagieren. Und auch das muss man jetzt genauer betrachten, ob es da Veränderungen gibt. Da haben wir jetzt natürlich auch Patienten, Patientinnen auch – eher in geringerer Zahl, aber eben auch –, bei denen wir Proben bekommen können über längere Zeiträume, um genau diese Reaktion des Immunsystems zu betrachten. Und das wiederum ist dann auch die Grundlage für eine Bewertung: Wie gut sind Impfungen? Also es gibt eine Reihe von Forschungsfragen, die sich daraus ergeben. Pockenviren oder Pockeninfektionen sind aber zum Glück schon lange auch Gegenstand der wissenschaftlich virologischen Forschung. Deswegen bin ich sehr sicher, dass wir da in kürzerer Zeit auch weitere wertvolle Erkenntnisse bekommen können.
Moderatorin [00:55:25] Wunderbar. Ich danke Ihnen allen für die vielen Informationen, die Sie uns hier mit uns geteilt haben. Ich danke den Teilnehmer und Teilnehmerinnen für die vielen Fragen, die sie gestellt haben. Ich hoffe, die meisten konnten wir beantworten. Wie immer möchte ich darauf hinweisen, dass das Video in Kürze auf unserer Website verfügbar sein wird. Und auch ein Transkript stellen wir so schnell wie möglich aus, was Sie dann auch auf unserer Webseite finden können. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Danke Ihnen für die Teilnahme und ja, viel Spaß auch bei der Berichterstattung. Vielen Dank. Auf Wiedersehen.

