Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES zu Business und Biodiversität
Bericht beleuchtet Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Unternehmen und Trends der Biodiversität und präsentiert 100 konkrete Maßnahmen für positive Verbesserungen
historisches und aktuelles Wirtschaftswachstum bereits mit massiven negativen Auswirkungen verbunden, die inzwischen systemische Rückkopplungen verursachen
befragte Fachleute betonen, dass es nicht ausreicht, auf freiwillige Maßnahmen der Unternehmen zu setzen und es daher Anreizsysteme braucht
Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat am 09.02.2026 seinen Bericht „Business and Biodiversität“ veröffentlicht. Dieser Report beleuchtet, welche Folgen Unternehmen aller Größen, Sektoren und Regionen auf die Biodiversität haben und auch wie sich die verändernde Biodiversität im Gegenzug auf die Unternehmen auswirkt (siehe Primärquelle). 79 Expertinnen und Experten aus 35 Ländern erarbeiteten das Assessment, das mehr als 100 konkrete Maßnahmen aufführt, mit denen die Auswirkungen gemessen und mit denen auf diese Veränderungen reagiert werden kann.
Der Bericht stellt fest: Jedes Unternehmen hängt von einer intakten Biodiversität ab, und jedes Unternehmen beeinflusst eben diese Biodiversität. Die bereits eingetretenen Veränderungen der Artenvielfalt sieht der Report inzwischen als kritisches und systemisches Risiko für das Wirtschaften, die Finanzstabilität und das menschliche Wohlergehen. Das historische Wirtschaftswachstum habe bereits immense Folgen für die Natur. Eingriffe oder gar Zerstörung von Landschaften, immer intensivere Formen der Landwirtschaft, stetig steigender Ressourcenverbrauch und Energieeinsatz, wachsende Abfallmengen, Schadstoffemissionen in die Umwelt und in die Atmosphäre, immer stärker verwobene Handelswege, nicht nachhaltiger Konsum zerstören Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Infolgedessen gehen die Verbreitung der Arten, die Anzahl der Individuen in den Beständen und die genetische Vielfalt der Populationen zurück. Andererseits sind die Unternehmen abhängig von den so genannten Ökosystemleistungen, etwa saubere Luft und Gewässer, Rohstoffe wie zum Beispiel Holz, ertragreiche Böden oder Bestäubung.
Vizepräsidentin für Forschung und Internationales, Professorin für Internationale Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit sowie allgemeine Betriebswirtschaftslehre, HSBA Hamburg School of Business Administration
Kernaussagen
„Der IBPES-Report entspricht weitgehend ähnlichen, umweltorientierten Governance-Bemühungen auf nationaler und europäischer Ebene. Ein zentraler Fokus liegt auf ‚Impact Measurement and Management‘, also der Erfassung unternehmerischer Auswirkungen auf die Biodiversität sowie Managementansätzen zur Herstellung von Transparenz, Identifikation von Risiken und Verringerung negativer Auswirkungen. Ähnliche Ansätze finden wir in der aktuellen Regulatorik, wie dem Lieferkettengesetz mit Fokus auf Menschenrechte in internationalen Lieferketten oder auch den europäischen umweltbezogenen Berichtspflichten für Unternehmen – der Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) und der Europäischen Lieferkettenrichtlinie (CSDDD) und so weiter. Auf nationaler und europäischer Ebene können wir hierbei aktuell ein zähes, unproduktives Gerangel zwischen Wirtschaft und Politik beobachten, wobei die Wirtschaft im Kern die erheblichen bürokratischen Implikationen solcher Regulierungsansätze beklagt.“
Relevanz für eine wirtschaftliche Transformation
„Wichtig ist, dass der politische Fokus nicht nur auf Problemminderung im Hinblick auf bestehende Wirtschaftsansätze gerichtet wird. Mindestens genauso wichtig ist es, innovative, regenerative Geschäftsmodelle zu identifizieren und zu fördern, um so insgesamt eine Transformation in ein nachhaltiges, regeneratives Wirtschaftssystem zu schaffen. Hierfür sind die entsprechenden Anreizsysteme und Förderung von Best-Practice-Ansätzen relevant. In diesem Kontext ist es wichtig und richtig, dass der Report förderliche Rahmenbedingungen – ‚enabling environment‘ – betont. Aber dieses muss deutlich stärker auf innovative, regenerative und transformative Geschäftsmodelle ausgerichtet sein, als es in dem Report bisher dargestellt ist.“
Dozent am Lehrstuhl für Ökologisches Systemdesign, Fachbereich Bau, Umwelt und Geomatik, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich, Schweiz, und Leitautor von Kapitel 4 „Approaches for measurement of business dependencies and impacts on biodiversity" des aktuellen Berichts
Kernaussagen
„Der aktuelle Bericht zeigt auf, was Konsens ist: Biodiversität ist ein großes Problem, das in der Wirtschaft nur sehr beschränkt beachtet wird. Während sehr viel Geld auf Kosten der Biodiversität generiert wird, fließt nur ein kleiner Teil in deren Schutz, auch weil Mechanismen fehlen. Der Bericht zeigt viele mögliche Maßnahmen auf und schlussfolgert auch, dass freiwilliges Handeln alleine nicht ausreicht – Internalisierung der externen Kosten auf Biodiversität sind im klassischen Business schwer zu rechtfertigen.“
„In meinem Bereich ist insbesondere aufgezeigt worden, dass es verschiedene Messgrößen gibt und je nach Kontext andere am meisten Sinn machen. Das ist sehr wichtig und auch überraschend, dass das so klar und in einem Framework herausgestellt werden konnte, insbesondere, weil es Erwartung an einheitliche einfache Lösungen gibt – wie beim Weltklimarat IPCC beim GWP100, dem Treibhausgaspotenzial über 100 Jahre. Da Biodiversität aber sehr regional ist, spielen die Größenordnungen der Entscheidung eine wichtige Rolle bei der Wahl der Analyseinstrumente. Dabei wurden auch die Integration von indigenem und lokalem Wissen (IPLK) herausgehoben, um lokales und indigenes Wissen und Bedürfnisse miteinzubeziehen.“
Neue Beschreibung der Zusammenhänge
„Es wird im aktuellen Bericht zum ersten Mal in einem Konsens klar aufgestellt, wie Business und Biodiversität im Zusammenhang stehen – nicht nur bezüglich der Auswirkungen, sondern auch der Abhängigkeiten und wie wenig dabei unternommen wird. Die Komplexität über ganze Wertschöpfungsketten aber auch verschiedene Aspekte – wie zum Beispiel nicht-materielle Beiträge der Natur für den Menschen (NCPs), was die Relevanz der Natur für Menschen über eine wirtschaftliche Ressource benennt.“
„Trotz des Berichts sind blinde Flecken weiterhin verbreitet und bedingen ein stärkeres Engagement der Wirtschaft und Politik in der Erfassung der Business-Biodiversität-Wechselwirkungen, um das Problem überhaupt genauer darzustellen und faire Handlungsempfehlungen abzuleiten. Der Bericht schließt eine Lücke, in dem er ein Schema bereitstellt, um Messgrößen dem Kontext angepasst zu wählen und zu entscheiden, wann richtungsweisende Daten ausreichen oder wann detaillierte ‚bottom up‘-Daten erhoben werden sollten. Die quantitative Aggregation von nicht-materiellen und materiellen Biodiversitäts-Messgrößen bleibt weiterhin Teil der offenen Punkte. Des Weiteren werden Szenarien nur selten benutzt, um Maßnahmen und deren Folgen langfristig zu bewerten. Das ist bei der Biodiversität aber wichtig, da kurzfristige Maßnahmen weniger relevant sind, um das Problem nachhaltig anzugehen.“
Relevanz für eine wirtschaftliche Transformation
„In der Summe zeigt der aktuelle Bericht auf, dass es mehr Diskussion über die verschiedenen Dimensionen der Natur und Biodiversität braucht und auch die Abhängigkeit und der Schaden zusammen betrachtet werden sollte. Das heißt, Klimawandel als Fokus alleine reicht nicht aus und eine ‚nature positive transformation‘ der Wirtschaft ist nötig – nicht nur auf dem Papier –, zumindest als Ziel, damit man teilweise dahin kommt.“
Relativ einfacher Verhandlungsverlauf
Auf die Frage, inwiefern das mehr als pünktliche Ende der Abschlussverhandlungen als eine breite Akzeptanz des Problems interpretiert werden könnte:
„Ich war nicht bei den Verhandlungen dabei, aber über den Chat meiner Kollegen habe ich auch mitbekommen, dass das Ganze relativ gut durchging. Ich fand auch schon die Review-Kommentare vorab relativ zahm. Ich denke, dass es primär damit zusammenhängt, dass bestehendes Wissen zusammengefasst wurde und eher vage Anleitungen gegeben wurden. Im aktuellen internationalen Kontext ist das wahrscheinlich schon ein Erfolg, weil der Bericht trotzdem klar aufzeigt: Wir haben ein Biodiversitätsproblem! Unternehmen sind in der Pflicht, weil sie viel von der bestehenden Biodiversität profitieren und wenig in den Schutz investieren. Und auch wenn es noch Forschungs- und Mess-/Monitoringbedarf gibt, ist die Richtung klar: freiwillige Maßnahmen reichen nicht aus!“
Schnittstelle zwischen Naturschutz und Forschung, Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg, und Co-Leitung des Transferbüros für marinen Biodiversitätswandel, und Koordinatorin des EU geförderten Knowledge Exchange Network for Marine Biodiversity
Kernaussagen
„Als Meeresbiologin steht für mich natürlich die Aussage zu den Politikfeldern im Vordergrund, die für die marine Biodiversität Bedeutung haben, und zeitgleich Einfluss auf unternehmerisches Handeln haben. Wie zum Beispiel die Raumplanung und Zoneneinteilung für Nutzung der Meeresgebiete, Genehmigungen für Geschäftstätigkeiten unter Berücksichtigung von Biodiversitätskriterien – einschließlich Umweltverträglichkeitsprüfungen, strategischer Umweltprüfungen und nationaler Biodiversitätsstrategien und -aktionspläne. Marine Biodiversität ist grundlegend für eine nachhaltige Wirtschaft. Marine biodiversitätsbezogene Sektoren – Fischerei, Tourismus, Energie – tragen Billionen zum Wert der marinen Biodiversität bei, sind aber gleichzeitig durch Verschmutzung und Überfischung stark gefährdet.“
Unternehmerische Relevanz
„Unternehmen erkennen zunehmend, dass der Verlust der Biodiversität Lieferketten und ihren Ruf bedroht. Der Schutz mariner Ökosysteme bietet beispielsweise bis 2030 einen Markt für Meeresfrüchte im Wert von schätzungsweise 730 Milliarden US-Dollar. Nachhaltiges Management, einschließlich Minderung, Reduzierung und Wiederherstellung, ist entscheidend für die langfristige operative Resilienz. Indem Unternehmen den ökonomischen, ökologischen und sozialen Wert der marinen Biodiversität verstehen und proaktive Maßnahmen zu ihrem Schutz ergreifen, können sie zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen und gleichzeitig ihre eigene Resilienz und ihren langfristigen Erfolg sichern. Damit das gelingt brauchen wir eine gemeinsam abgestimmte Umsetzung. Das vorliegende Assessment ist dafür eine sehr gute Grundlage.“
Neue Beschreibung der Zusammenhänge
„Der Bericht zeigt deutlich auf, dass Unternehmen Akteure von positivem und transformativem Wandel sein können. Hierzu bedarf es aber eines kontinuierlichen Dialogs, der Unternehmen unterstützt, die Auswirkungen und Risiken des Verlusts der Biodiversität zu berücksichtigen. Genau wie die Unternehmen finanzielle Risiken bewerten und managen, müssen sie nun auch die potenziellen Folgen des Artenverlusts für ihre Geschäftstüchtigkeit, Lieferketten und ihren Ruf betrachten.“
Professor für Böden und Biomasse, Geschäftsführer des Internationalen Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (IZNE), Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, University of Applied Sciences
Kernaussagen
„Der vorliegende IPBES-Report verdeutlicht, dass insbesondere Unternehmen des Agrifood-Sektors von zentraler Bedeutung für die Biodiversität sind. Neueste Studien zeigen, dass mehr als 50 Prozent der weltweiten Biodiversität sich in Böden befindet [1]. Die landwirtschaftliche Primärproduktion ist somit von zentraler Bedeutung für den Erhalt der Artenvielfalt. Eine nachhaltige Landnutzung, die Erosion vermeidet, Vielfalt fördert und Böden regeneriert, stärkt Erträge, Resilienz und Klimaschutz zugleich.“
Mögliche Anreizsysteme
„Der Bericht mach deutlich, dass durch naturverträgliche Produktionsweisen Risiken gesenkt und neue Geschäftsmöglichkeiten erschlossen werden können, zum Beispiel Agroforst. Wenn Politik schädliche Subventionen abbaut und gezielt Anreize für nachhaltige Bewirtschaftung setzt, wird ökologisch gutes Handeln auch ökonomisch attraktiv.“
Relevanz für die Land- und Forstwirtschaft
„Grundlage für eine nachhaltige Bewirtschaftung der land- und forstwirtschaftlichen Flächen ist die Bereitstellung und intelligente Nutzung von Umwelt- und Produktionsdaten. Die Autoren des Berichtes empfehlen, dass mit geeigneten Mess‑ und Monitoringsystemen Betriebe ihre positiven Beiträge zu Bodengesundheit und Biodiversität sichtbar machen und gezielt ausbauen können. Dabei eröffnet die Einbindung von lokalem und indigenem Wissen zusätzliche Wege, Landnutzung sozial gerecht und ökologisch wirksam zu gestalten. Die im aktuellen Bericht vorgeschlagenen Maßnahmen zeigen einen chancenorientierten Weg, Landwirtschaft, Bodengesundheit und Biodiversität gemeinsam zu stärken – in der Hoffnung auf möglichst schlanke, praxisnahe Vorgaben, die den Agrarsektor nicht mit zusätzlicher Bürokratie überlasten.“
Wissenschaftlicher Leiter des Synthesezentrums sDiv, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Kernaussagen
„Der aktuelle Bericht macht sehr deutlich, dass der stetige Verlust der Artenvielfalt – angetrieben durch die Landnutzung, direkte Ausbeutung der Natur, Klimawandel, Verschmutzung der Natur und invasiven Arten – alle Wirtschaftsbereiche beeinflusst und für diese starke Risiken für ihr Handeln und Wirtschaften darstellt. Artenverlust bedroht die gesamte Wirtschaft! Der Bericht macht ganz eindeutig klar, dass es politische aber auch aus der Wirtschaft kommende Regularien und Anreize geben muss, die biodiversitätsfördernde Maßnahmen belohnen. Der Bericht fordert sehr deutlich, das Wirtschaftsunternehmen über die Effekte ihrer Aktivitäten auf die Biodiversität berichten sollen.“
„Solch ein Pflichtberichtssystem ist leider gerade auf EU-Ebene fast gescheitert mit dem Omnibus-Verfahren zur Richtlinie für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) und betrifft nur noch die allergrößten Firmen. Da folgt die EU leider nicht der Konsensmeinung der globalen Expertise. Das ist meiner Meinung nach ein großer Fehler und eine verpasste Chance auch für die Wirtschaft. Man hätte einen Kompromiss finden müssen zwischen dem in der Tat anfänglich viel zu großen Berichtsumfang und der jetzt von WirtschaftsexpertInnen deutlich gemachten Notwendigkeit solcher Berichte, um wirtschaftliches Handeln nachhaltiger zu machen. Das hatten auch wir – internationale KollegInnen und ich – in einem Expertenbrief im vergangenen Jahr an die EU gefordert.“
„Es wird ganz klar gesagt: Alle Wirtschaftsbereiche sind und werden betroffen sein. Es ist nicht mehr ‚nur‘ die Landwirtschaft oder Wirtschaftsbereiche, die direkt mit Naturgütern handeln und arbeiten. Es betrifft jeden!“
Mögliche Signale an die Politik
„Ich hoffe, dass dieser Bericht, der ja von WirtschaftsexpertInnen geschrieben wurde, ein weiterer Anstoß ist und einen weiteren Lerneffekt bei EntscheidungsträgerInnen haben wird, die Biodiversitätskrise als fundamentale Bedrohung unseres Wirtschaftssystems zu erkennen und dahingehend zu diskutieren und regulieren. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos, wurde natürlich genau das gleiche gesagt. Es muss jetzt auch von politischer Seite Druck entstehen. Ich, als Wissenschaftler an einem Zentrum, das auch versucht mit der vorhandenen Expertise die Brücke von Wissenschaft zur Wirtschaft zu schlagen, hoffe auf mehr Möglichkeiten, mit dieser Expertise die nachhaltige Transformation von Unternehmen unterstützen zu können. Natürlich immer als Wissenschaftler, der ergebnisoffen, neutral und basierend auf Fakten und Evidenzen Fragen beantwortet. Unternehmen müssen die Risiken, die sich aus der Biodiversitätskrise ergeben, erkennen und behandeln.“
Impulse für öffentliche, mediale und politische Debatten
„Die Einbeziehung des Wissens und der Akteure lokaler, indigener Gruppen ist in diesem Bericht stark, richtig und wichtig. Außerdem ist der Ruf nach Biodiversitätsmonitoring auch hier laut. Aus deutscher Sicht ist das extrem wichtig, wenn man sich die leider immer noch sehr heterogene und komplexe Biodiversitätsdatenlandschaft in Deutschland anschaut. Mehr Daten bedeuten auch für Unternehmen weniger Unsicherheiten, bessere Bedingungen für potenzielle Managementenscheidungen. Wenn eine Firma überhaupt weiß, welche Arten und Ökosysteme durch deren Handeln betroffen sind, kann es bessere Entscheidungen treffen, zum Vorteil für die Firma und die Biodiversität. Die Gefahr zum Beispiel für Greenwashing wird dadurch viel kleiner. Aber momentan gibt es noch keine einfachen Möglichkeiten, an alle vorhandenen Biodiversitätsdaten in Deutschland zu kommen. Vor allen die durch ExpertInnen auf höchstem Niveau kuratierten behördlichen Daten sind immer noch sehr schwer und aufwändig zugänglich. Ein weiterer, wahrscheinlich noch völlig ungehobener Datenschatz, der hier wichtig wird, sind die Biodiversitätsdaten aus unzähligen Impact Asesssments, die die Firmen selbst in Auftrag gegeben haben, und die in deren Kellern schlummern. Diese müssen verfügbar gemacht werden.“
Wissenschaftiche Mitarbeiterin im Fachgebiet Mensch Umwelt Interaktionen, Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, Kassel Institute for Sustainability, Universität Kassel
„Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) hat heute einen bahnbrechenden Bericht veröffentlicht, der klarstellt: Jedes Unternehmen hängt von der Natur ab und beeinflusst sie. Wer die Natur ignoriert, riskiert nicht nur Umweltkatastrophen, sondern auch wirtschaftliche Existenzbedrohungen. Der neue Bericht ‚The Impact and Dependence of Business on Biodiversity and Nature’s Contributions to People’ wurde von 79 führenden Expert:innen aus 35 Ländern verfasst, von Wissenschaftler:innen und Expert:innen aus der Wirtschaft, in enger Zusammenarbeit mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften. Er macht deutlich, dass Naturverlust ein systemisches Geschäftsrisiko ist und dass Unternehmen, die Natur nicht integrieren, langfristig wettbewerbsunfähig werden.“
Kernaussagen
„Der Weltbiodiversitätsrat sagt deutlich: Biodiversität ist die Grundlage jeder Wirtschaft, von Rohstoffen über Klimaregulierung bis zu kulturellen Werten. Seit 1820 ist die Weltwirtschaft von 1,18 Billionen auf 130 Billionen US-Dollar gewachsen. Gleichzeitig ist natürliches Kapital um 40 Prozent gesunken. Die Risiken sind systemisch: Ein Verlust der Natur bedroht Finanzstabilität, Ernährungssicherheit und Menschenrechte. Unternehmen können jedoch schon jetzt handeln, mit vorhandenem Wissen und Methoden, so die Kernaussagen dieses Berichtes.“
„Die aktuelle IPBES-Bericht zu Business und Biodiversität ist aus verschiedenen Gründen so bedeutend. Es ist die erste umfassende, wissenschaftliche Bewertung, die die Abhängigkeit und Auswirkungen von Unternehmen auf Biodiversität und Ökosysteme systematisch analysiert, basierend auf über 5.000 Quellen. Gleichzeitig hat der neue Bericht eine globale politische Legitimität: Der Bericht wurde von über 150 Mitgliedstaaten der IPBES genehmigt – vergleichbar mit dem IPCC für Klima. Das verleiht ihm hohe politische und wissenschaftliche Autorität. Dieser neue Bericht wird als Grundlage für zukünftige Regulierungen, Investitionsrichtlinien und Unternehmensberichtspflichten dienen, insbesondere im Kontext der Global Biodiversity Framework-Ziele (Kunming-Montreal).“
Neue Beschreibung der Zusammenhänge
„Die Wissenschaft sagt klar: aktuelle Rahmenbedingungen begünstigen das ‚Business-as-usual‘ und schaden der Natur. Falsche Anreize und schädliche Subventionen, aber auch Zeitdruck, Quartalsberichte und Kurzfristdenken stehen im Widerspruch zu ökologischen Regenerationszyklen. So haben wirtschaftliche Aktivitäten direkt Einfluss auf den Zustand von Ökosystemen und Biodiversität. Aber der Bericht zeigt auch: Jedes Unternehmen trägt Verantwortung und kann jetzt handeln. Es gibt bereits einige Messmethoden, um den ökologischen Fußabdruck zu messen. Hier sind Kombination von Wissenschaft und indigenem Wissen notwendig, um alle Werte der Natur abzubilden.“
Mögliche Anreizsysteme
„Aktuell sehen wir: Was gut für die Natur ist, ist oft nicht profitabel, und umgekehrt. Dabei muss das Ziel sein: Was gut für die Natur ist, muss auch gut fürs Geschäft sein. Dazu braucht es zum Beispiel Reformen der Subventionen, verbindliche Berichtspflichten und neue Wirtschaftsmodelle, wie zum Beispiel Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie. Denn transformativer Wandel ist möglich, wenn Anreize stimmen.“
Relevanz für Deutschland
„Für Deutschland bedeutet das zum Beispiel, dass Umweltrecht – wie die EU-Wiederherstellungsrichtlinie und natürlicher Klimaschutz – nicht nur aus ökologischer, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive dringend umgesetzt werden muss, denn Biodiversitätsverlust ist ein systemisches Risiko für Unternehmen und Volkswirtschaft. Der neue IPBES-Bericht untermauert, dass auch deutsche Unternehmen ihre Auswirkungen auf die Natur messen und in Strategien wie Lieferketten oder Renaturierungsprojekten integrieren sollen. Gleichzeitig stärkt der aktuelle Bericht politische und finanzielle Investitionen, zum Beispiel in natürlichen Klimaschutz. Als wissenschaftliche Grundlage für globale und nationale Politik zeigt der Bericht: Wirtschaft, Natur- und Klimaschutz sind untrennbar. Auch Deutschland muss jetzt handeln, um langfristig Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zu sichern.“
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Umweltpolitik, Themenbereich Umwelt und Gesellschaft, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig
Kernaussagen
„Das IPBES Business and Biodiversity Assessment hebt die Erkenntnisse des UNEP State of Finance for Nature Report 2026 als zentrale Herausforderung hervor: Investitionen von 7,3 Billionen US-Dollar in naturschädliche Investitionen stehen nur 220 Milliarden US-Dollar private und öffentliche Mittel gegenüber, die in den Erhalt und die Wiederherstellung der Biodiversität fließen. Dies ist ein massives Ungleichgewicht in den Finanzströmen von etwa 30 zu 1. Für jeden Dollar, der in den Erhalt von Natur fließt, werden 30 Dollar in Naturzerstörung investiert. Weltweit haben Zentralbanken bereits den Verlust von Natur neben dem Klimawandel als systemisches Risiko für das Finanzsystem identifiziert. Ein Umlenken ist daher dringend notwendig.“
„Ein großer Anteil von 2,4 Billionen US-Dollar sind öffentliche Gelder, welche für umweltschädliche Subventionen ausgegeben werden. Es sollte ein zentrales Anliegen von Gesellschaft, Politik und Unternehmen sein, Subventionen so auszugeben, dass sie Anreize dafür schaffen, Natur als Grundlage für wirtschaftliches Handeln zu erhalten und somit auch für die Wirtschaft wichtige Ökosystemleistungen zu sichern.“
Neue Beschreibung der Zusammenhänge
„Nur durch ein Zusammenspiel von öffentlichen mit privatwirtschaftlichen Investitionen kann ein Umlenken im Finanzsystem in der notwendigen Dimension gelingen. Synergien von Investitionen in Natur und Wirtschaft gibt es durchaus. So können zum Beispiel beim Ausbau von Infrastruktur, Produktionsstandorten sowie in der Stadtplanung naturbasierten Lösungen standardmäßig mit integriert werden. Dies kann die Wirtschaftlichkeit von Investitionen erhöhen und gleichzeitig Risiken reduzieren. Hier gibt es insbesondere im Hochwasser- und Regenwassermanagement Potenziale, aber auch bei der Vermeidung von Hitzeinseleffekten. So können auch Standorte und Lieferketten resilienter gegenüber Extremereignisse aufgestellt und das Risikomanagement und Klimaanpassungsmaßnahmen von Unternehmen unterstützt werden.“
Relevanz für eine wirtschaftliche Transformation
„Um diese Potenziale zu ermöglichen, bedarf es unbedingt auch die Akteure im Finanzmarkt, welche in Unternehmen und Infrastruktur investieren. Ein systematisches Verständnis davon, welche Rolle der Verlust von Natur als systemisches Risiko für das Finanzsystem spielt und welche Chancen der Erhalt von Natur für eine resilientere Wirtschaft bietet. sind von zentraler Bedeutung für eine zukunftsfähige Wirtschaft.“
„Das aktuelle IPBES-Assessment für Business und Biodiversität liefert wichtige Erkenntnisse sowohl zu den wissenschaftlich erfassten Zusammenhängen von Natur und Wirtschaft und bietet eine Orientierung zu Methoden, welche für Unternehmen hilfreich sein können.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte.”
„Ich bin Leitautor von Kapitel 4 und Professor für Quantitative Nachhaltigkeitsbewertung an der ETH Zürich. Generell bin ich dabei unabhängig, aber habe an einigen Methoden, Publikationen und Datensätzen, welche in den Bericht eingeflossen sind, selbst mitgearbeitet, was eine gewisse Befangenheit bedeuten könnte (insbesondere im Bereich der Metriken und Wertschöpfungskettenanalyse).“
„Ich bin nicht Autor dieses IPBES-Berichtes oder anders eingebunden gewesen. Ich war zunächst Leit- dann Contributing Autor im EU & Central Asia Assessment. Ich bin Biodiversitätsforscher mit Fokus auf Biodiversitätswandel und deren Treiben, Invasionsbiologe und Wildtierökologe. Ich leite hauptberuflich einen wissenschaftlichen ThinkTank am iDiv (sDiv, das Synthesezentrum, der auch schon zu diesen Themen Projekte finanziert hat) und baue gerade am iDiv die iScience4Business Unit auf. Eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Business und Finanzwesen.“
„Ich war als Beobachterin am 12. IPBES Plenum in Manchester und Reviewerin zahlreicher IPBES-Berichte.“
„Meine Rolle in Bezug auf das IPBES Assessment: Reviewer des IPBES Business and Biodiversity Assessment, Beobachter der Verhandlungen vor Ort in Manchester. Zudem arbeite ich unter anderem mit Unternehmen daran, Natur mit ihrer Biodiversität und Ökosystemleistungen in strategische Entscheidungsprozesse zu integrieren. Ich bin auch Co-Autor des UNEP State of Finance for Nature Report 2026, auf welches sich das Summary for Policy Maker des IPBES Business and Biodiversity Assessment bezieht. Darüber hinaus bin ich Leiter für Nature bei der Value Balancing Alliance e.V. (VBA), ein Verein, in welchem die Mitgliedsunternehmen daran arbeiten, ihre Auswirkungen auf Natur und Gesellschaft zu erfassen, zu bewerten und in strategische Entscheidungsprozesse zu integrieren (Impact Accounting).”
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
IPBES (2026): Summary for Policymakers of the Methodological Assessment Report on the Impact and Dependence of Business on Biodiversity and Nature’s Contributions to People. DOI: 10.5281/zenodo.15369060.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Anthony MA et al. (2023): Enumerating soil biodiversity. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.2304663120.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Deutsche IPBES-Koordinierungsstelle (2014): Verfahren zur Erstellung von Assessments. Webseite.
[II] IPBES (2024): Summary for Policymakers of the Thematic Assessment Report on the Underlying Causes of Biodiversity Loss and the Determinants of Transformative Change and Options for Achieving the 2050 Vision for Biodiversity. DOI: 10.5281/zenodo.11382230.
dazu: Science Media Center (2024): Reaktionen zum IPBES-Report Transformativer Wandel. Statements. Stand: 18.12.2024.
Prof. Dr. Sarah Jastram
Vizepräsidentin für Forschung und Internationales, Professorin für Internationale Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit sowie allgemeine Betriebswirtschaftslehre, HSBA Hamburg School of Business Administration
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte.”
Prof. Dr. Stephan Pfister
Dozent am Lehrstuhl für Ökologisches Systemdesign, Fachbereich Bau, Umwelt und Geomatik, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETHZ), Zürich, Schweiz, und Leitautor von Kapitel 4 „Approaches for measurement of business dependencies and impacts on biodiversity" des aktuellen Berichts
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin Leitautor von Kapitel 4 und Professor für Quantitative Nachhaltigkeitsbewertung an der ETH Zürich. Generell bin ich dabei unabhängig, aber habe an einigen Methoden, Publikationen und Datensätzen, welche in den Bericht eingeflossen sind, selbst mitgearbeitet, was eine gewisse Befangenheit bedeuten könnte (insbesondere im Bereich der Metriken und Wertschöpfungskettenanalyse).“
Dr. Ute Jacob
Schnittstelle zwischen Naturschutz und Forschung, Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg, und Co-Leitung des Transferbüros für marinen Biodiversitätswandel, und Koordinatorin des EU geförderten Knowledge Exchange Network for Marine Biodiversity
Prof. Dr. Martin Hamer
Professor für Böden und Biomasse, Geschäftsführer des Internationalen Zentrums für Nachhaltige Entwicklung (IZNE), Fachbereich Angewandte Naturwissenschaften, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, University of Applied Sciences
Dr. Marten Winter
Wissenschaftlicher Leiter des Synthesezentrums sDiv, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin nicht Autor dieses IPBES-Berichtes oder anders eingebunden gewesen. Ich war zunächst Leit- dann Contributing Autor im EU & Central Asia Assessment. Ich bin Biodiversitätsforscher mit Fokus auf Biodiversitätswandel und deren Treiben, Invasionsbiologe und Wildtierökologe. Ich leite hauptberuflich einen wissenschaftlichen ThinkTank am iDiv (sDiv, das Synthesezentrum, der auch schon zu diesen Themen Projekte finanziert hat) und baue gerade am iDiv die iScience4Business Unit auf. Eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Business und Finanzwesen.“
Dr. Ina Sieber
Wissenschaftiche Mitarbeiterin im Fachgebiet Mensch Umwelt Interaktionen, Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften, Kassel Institute for Sustainability, Universität Kassel
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich war als Beobachterin am 12. IPBES Plenum in Manchester und Reviewerin zahlreicher IPBES-Berichte.“
Dr. Johannes Förster
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department Umweltpolitik, Themenbereich Umwelt und Gesellschaft, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Meine Rolle in Bezug auf das IPBES Assessment: Reviewer des IPBES Business and Biodiversity Assessment, Beobachter der Verhandlungen vor Ort in Manchester. Zudem arbeite ich unter anderem mit Unternehmen daran, Natur mit ihrer Biodiversität und Ökosystemleistungen in strategische Entscheidungsprozesse zu integrieren. Ich bin auch Co-Autor des UNEP State of Finance for Nature Report 2026, auf welches sich das Summary for Policy Maker des IPBES Business and Biodiversity Assessment bezieht. Darüber hinaus bin ich Leiter für Nature bei der Value Balancing Alliance e.V. (VBA), ein Verein, in welchem die Mitgliedsunternehmen daran arbeiten, ihre Auswirkungen auf Natur und Gesellschaft zu erfassen, zu bewerten und in strategische Entscheidungsprozesse zu integrieren (Impact Accounting).”