Ebola-Ausbruch in Zentralafrika – mehr als 10.000 nachgewiesene Infektionen
die Bundibugyo-Variante des Ebolavirus führt weiter zu zahlreichen Krankheits- und Todesfällen
ein spezifischer Impfstoff ist bislang nicht vorhanden, wird aber getestet; Hinweise auf möglichen Kreuzschutz des herkömmlichen Impfstoffs gegen Zaire-Variante
Infektionsdynamik ist Forschenden zufolge noch immer alarmierend, neben der Eindämmung sei auch eine bessere Vorbereitung auf weitere Erreger wichtig
In Zentralafrika grassiert weiterhin das Bundibugyo-Ebolavirus, vor allem im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Mittlerweile sind mehr als 10.000 Infektionen und rund 5000 Todesfälle offiziell dokumentiert. Der Ausbruch könnte sich zum bislang größten auf dem afrikanischen Kontinent entwickeln. Er ist bereits der größte der DRK. Bei der bis dato schwersten Ebola-Epidemie in Westafrika starben von 2014 bis 2016 insgesamt rund 11.300 Menschen an der Zaire-Virusvariante.
Der aktuelle Ausbruch beunruhigt die Fachwelt vor allem aufgrund seiner raschen Infektionsdynamik: Die derzeit rund 5000 registrierten Todesfälle wurden bereits gut fünf Monate nach dem offiziellen Ausbruchsbeginn im vergangenen Mai erreicht. Da zunächst die nötigen Testkits fehlten, um das Bundibugyo-Ebolavirus zu identifizieren, verbreitete sich die Virusvariante wohl einige Wochen weitgehend unentdeckt.
Bereichsleiter Tropenmedizin, Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie, Universitätsklinikum Düsseldorf, und Zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit
Bewertung der aktuellen Infektionsdynamik
„Die Dynamik des Ausbruchs ist alarmierend. Obwohl der Ausbruch jetzt bereits etwa ein halbes Jahr andauert, ist es noch nicht gelungen, ihn einzudämmen. Die Zahl der Neuinfektionen ist weiter sehr hoch und auch die regionale Ausbreitung im Kongo besorgniserregend. Wir sehen aber auch zunehmend einzelne Fälle in weit entfernten Ländern, ohne dass wir die Infektionsquellen immer nachvollziehen können. Bei dem zuletzt Tausende Kilometer vom Ausbruchsgeschehen entfernten diagnostizierten Fall in Nigeria handelt es sich um eine Patientin, die aus Uganda eingereist sein soll. Dort gibt es offiziell aber kein aktuelles Infektionsgeschehen. Hier ist die Aufklärung der Infektionsketten immens wichtig und Grundlage für eine effektive Kontrolle.“
„Im Juni ist ein infizierter Arzt nach einem humanitären Einsatz im Kongo in Frankreich eingereist. Die Fälle verdeutlichen, dass weltweit mit der Einreise von einzelnen infizierten Personen gerechnet werden muss. Bisher wurden Infektionsfälle in den vier betroffenen Ländern früh identifiziert. Ein kleinerer Ausbruch in Uganda konnte inzwischen beendet werden, in Kenia wurden aber Sekundärfälle gemeldet, sodass dort noch keine Entwarnung gegeben werden kann.“
Belastbarkeit der offiziellen Fallzahlen
„Die Fallzahlen geben die Dynamik des Ausbruchs einigermaßen verlässlich wieder. Wir wissen aber, dass es eine erhebliche Dunkelziffer und Lücken in der Überwachung gibt. Nach aktuellen Schätzungen könnte die tatsächliche Zahl der Infektionen zwei- bis dreifach über den offiziellen Zahlen liegen. Laut WHO gelingt eine Nachverfolgung von Kontaktpersonen nur bei etwa 80 Prozent der Kontaktpersonen. Mehr als die Hälfte der Todesfälle ist außerhalb von Behandlungszentren aufgetreten, wo jeder Todesfall ein hohes Infektionsrisiko für Familien und die Bevölkerung bedeutet. Diese Zahlen verdeutlichen die Lücken in der Überwachung. Die zunehmend kritische Sicherheitslage im Kongo mit Vertreibung von Bevölkerungsgruppen und eingeschränktem Zugang für Hilfsorganisationen erschwert die Überwachung und Bekämpfungsmaßnahmen weiter dramatisch.“
Effektivität der Virusdiagnostik
„Technisch ist der Nachweis von Bundibugyo kein Problem mehr, die Tests funktionieren zuverlässig und auch die Testkapazität wurde erheblich ausgebaut. Limitierend ist oft noch die praktische Verfügbarkeit der Diagnostik. In entlegenen oder konfliktbetroffenen Regionen müssen Proben teilweise über weite Strecken transportiert werden.“
Studien für einen Bundibugyo-Impfstoff vor Ort
„Ausbrüche bieten die entscheidende Möglichkeit, die Schutzwirkung neuer Impfstoffe direkt unter realen Bedingungen zu untersuchen. Bei früheren Ebola-Ausbrüchen (mit dem Zaire-Ebolavirus) konnten bereits wissenschaftlich hochwertige Studien erfolgreich durchgeführt werden. So wurde 2015 in Guinea in einer Ringimpfstudie, bei der Kontakte infizierter Personen randomisiert geimpft wurden, die hohe Schutzwirkung des später als Ervebo zugelassenen Impfstoffs nachgewiesen .“
„Dass hochwertige klinische Studien auch unter schwierigen Bedingungen in Krisenregionen möglich sind, zeigte beispielsweise die randomisierte PALM-Therapiestudie während des Ebola-Ausbruchs von 2018 bis 2020 im Ostkongo . Ob das bei der zunehmend kritischen Sicherheitslage auch im aktuellen Ausbruch gelingt, bleibt abzuwarten. Erfreulicherweise konnte aber die wichtige Tumaini-Impfstudie kürzlich in Bunia im aktuellen Ausbruchsgebiet begonnen werden . Dabei wird zunächst Ervebo untersucht. Bundibugyo-spezifische Impfstoffkandidaten, die von Moderna und der Universität Oxford entwickelt wurden, sollen demnächst folgen.“
Erfolgschancen eines Bundibugyo-Impfstoffs
„Es gibt vielversprechende Impfstoffkandidaten, die in der jetzt gestarteten Tumaini-Impfstudie untersucht werden sollen. Dazu gehören spezifische Impfstoffkandidaten, die von Moderna und der Universität Oxford entwickelt wurden. Da ein Ende des Ausbruchs überhaupt nicht in Sicht ist, bietet sich hier die wichtige Gelegenheit, Wirksamkeitsdaten zu erheben. Dass diese Impfstoffe bei positiven Ergebnissen noch während des Ausbruchs in größerem Umfang außerhalb von Studien eingesetzt werden können, halte ich aber für unwahrscheinlich.“
Wirksamkeit von Ervebo gegen Bundibugyo
„Ervebo ist gegen das klassische Zaire-Ebolavirus, für das der Impfstoff entwickelt wurde, hochwirksam. Obwohl es vielversprechende Hinweise auf eine mögliche Kreuzprotektion gegen Bundibugyo gibt, haben wir noch keine belastbaren Wirksamkeitsdaten beim Menschen. Diese Daten sollen in den jetzt anlaufenden Studien gewonnen werden. Sollte sich eine relevante Schutzwirkung zeigen, könnte der Impfstoff aufgrund seiner Verfügbarkeit zum Einsatz kommen. Von einem sicheren Schutz ist allerdings nicht auszugehen, da inzwischen eine Reihe von Bundibugyo-Infektionen bei Personen, die zuvor mit Ervebo geimpft wurden, dokumentiert sind. Ein wichtiger Faktor beim Thema Impfungen ist das Vertrauen der Bevölkerung, das darf mit dem Einsatz von eingeschränkt wirksamen Impfstoffen nicht verspielt werden.“
Folgen des Ausbruchs für die Versorgung anderer Erkrankungen
„Die indirekten Folgen des Ebola-Ausbruchs gehen weit über die unmittelbaren Erkrankungs- und Todesfälle hinaus. Das Gesundheitssystem war vor dem Ausbruch schon stark belastet. Durch den Ausbruch hat sich die Versorgung in anderen wichtigen Bereichen wie Geburtshilfe, Impfungen, Malaria und Masern, dramatisch verschlechtert. Die Sorge vor einer Infektion ist für die Beschäftigten der Gesundheitszentren angesichts der zahlreichen Erkrankungen und Todesfälle unter medizinischem Personal sehr real und verschärft den bereits zuvor bestehenden Personalmangel. Ressourcen werden dringend für die Ausbruchsbekämpfung benötigt und stehen dann für die reguläre Gesundheitsversorgung nur noch eingeschränkt zur Verfügung. Die Sorge vor einer Ansteckung und die angespannte Sicherheitslage können auch dazu führen, dass Patienten medizinische Einrichtungen meiden oder erst verspätet aufsuchen. Nach Angaben der WHO aus dem August war die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen in einigen betroffenen Regionen bereits um mehr als 40 Prozent zurückgegangen.“
Vorbereitung auf weitere Erreger
„Wir müssen uns besser vorbereiten, nicht nur auf Ausbrüche von Filoviren wie Ebola oder Marburg, sondern auch auf eine Reihe anderer Erreger mit Ausbruchs- oder Pandemiepotenzial wie Lassa-, Krim-Kongo- und Nipahviren. Forschung zu Erkrankungen durch hochpathogene Erreger und zur Pandemieprävention muss intensiviert und stärker gefördert werden. Wir kannten das Bundibugyo-Virus aus zwei vorangegangenen Ausbrüchen 2007 in Uganda und 2012 im Kongo. Wir hatten also genügend Zeit, um Impfungen und Therapieoptionen zu entwickeln, haben aber diese Gelegenheit nicht genutzt und damit im aktuellen Ausbruchsgeschehen wichtige Zeit verloren. Sinnvoll wäre es, für diese Erreger bereits im Vorfeld Impfstoffplattformen, klinische Studienprotokolle, Produktionskapazitäten und regulatorische Verfahren vorzubereiten.“
„Der aktuelle Ausbruch zeigt erneut, wie schwierig die Kontrolle von Ausbrüchen ist, wenn sie nicht früh erkannt und bekämpft werden, aber auch wie schnell sich Erreger international ausbreiten können. Wir sind in Deutschland gut auf den Import von Infektionen mit hochpathogenen Erregern wie Ebola vorbereitet, dürfen aber unsere Reaktionsfähigkeit nicht durch Sparmaßnahmen gefährden. Der beste Schutz vor Ausbrüchen dieser Art ist eine Stärkung der lokalen Gesundheitssysteme in den Endemiegebieten in Afrika. Internationale Zusammenarbeit ist daher nicht nur ein Zeichen von Solidarität, sondern auch im direkten Eigeninteresse der internationalen Gemeinschaft.“
Leiter der Forschungsgruppe „Infection and Immunity“, Institut für Infektions- und Tropenmedizin, Klinikum der Universität München (LMU)
Studien für einen Bundibugyo-Impfstoff vor Ort
„Es ist einerseits eine enorme Herausforderung, eine Phase-II/III-Wirksamkeitsstudie in einer Region durchzuführen, die seit Jahrzehnten von brutalen Konflikten geprägt ist. Gleichzeitig ist es auch eine Chance für die Zukunft, bessere Impfstoffe zu entwickeln, von denen wir wissen, dass sie funktionieren. Daran wird in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern vor Ort mit Hochdruck gearbeitet.“
Erfolgschancen eines Bundibugyo-Impfstoffs
„Ich gehe stark davon aus, dass die Bundibugyo-(BDBV)-Impfstoff-Kandidaten basierend auf mRNA, ChAdOx- oder auch VSV-Vektortechnologie schützen werden. Die Entwicklung zumindest des ChAdOx-Impfstoffs (Universität Oxford) ging bisher extrem schnell, was wirklich bemerkenswert ist. Wichtig ist jedoch auch, dass diese Impfstoffe im Falle eines erneuten BDBV-Ausbruchs zur Verfügung stehen oder sehr schnell bereitgestellt werden können. Das liegt im öffentlichen Interesse – sowohl der betroffenen Länder als auch darüber hinaus.“
„Der Einsatz eines möglichen Bundibugyo-Impfstoffs hängt stark von der Dynamik der Epidemie ab und davon, wie schnell die Wirksamkeit des Impfstoffs nachgewiesen und die Zulassung erreicht werden kann. Ich glaube, dass die Impfstoffe in dieser Epidemie noch einen Beitrag leisten werden. Und wenn nicht in dieser, dann bei der nächsten Epidemie, sofern sie dann zur Verfügung stehen.“
Wirksamkeit von Ervebo gegen Bundibugyo
„Die bislang wenigen präklinischen Impfstoffstudien zu Ervebo, die zwar mit relativ kleinen Tierzahlen, aber in stringentem Infektionsmodellen durchgeführt wurden, deuten auf einen protektiven Effekt hin: Die Impfung schützte vor dem Tod nach intramuskulärer Infektion. Im Menschen induziert dieser Impfstoff zudem BDBV-kreuzreaktive Antikörper und T-Zell-Antworten, was darauf hindeutet, dass er den Krankheitsverlauf abschwächen könnte .“
„Da während des letzten großen Ebola-Ausbruchs zwischen 2018 und 2020 bereits Hunderttausende Menschen – vor allem in der Region North-Kivu – mit Ervebo geimpft wurden, sollte sich eigentlich bereits jetzt oder sehr bald einschätzen lassen, ob und wie stark die Impfung schützen kann. Das wird derzeit systematisch erfasst. Dennoch wäre ein zugelassener spezifischer Bundibugyo-Impfstoff wichtig, da er vermutlich deutlich besseren Schutz bieten würde.“
Vorbereitung auf weitere Erreger
„Das kann und sollte man natürlich tun, und es wird auch gemacht – allerdings selten bis zur Impfstoffzulassung. Da große Epidemien selten sind, braucht es hierfür ein gut etabliertes und anerkanntes Immune Correlate of Protection, also beispielsweise einen Antikörpertiterwert, der mit Schutz korreliert. Auf diese Weise wurde zum Beispiel der Zabdeno/MVABEA-Impfstoff (Janssen-Cilag International NV) zugelassen (ein Impfstoff gegen das Zaire-Ebolavirus; Anm. d. Red.). Die Zulassung wurde aber im Mai 2026 aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr verlängert. Das ist bedauerlich.“
„Nach meinem Kenntnisstand ist das die erste große Epidemie mit einer anderen Ebola-Virusart. Optimalerweise entwickeln wir kreuzreaktive Pan-Ebola-Impfstoffe. Das sollte möglich sein und daran arbeiten auch wir derzeit. Solche Impfstoffe könnten den Bedarf an unterschiedlichen Impfstoffen senken und damit auch weitere Kosten, zum Beispiel für die Lagerung. Auch die Möglichkeit, gegebenenfalls das Verfallsdatum zu verlängern, sofern die Stabilität und Qualität des Impfstoffs weiterhin gewährleistet sind, kann für die Kosteneffizienz wichtig sein.“
„Eine weitere Frage ist, ob sich bei Nutzung bereits etablierter Impfstoffplattformen und nachgewiesener Wirksamkeit gegen Variante A die Zulassung eines adaptierten Impfstoffs gegen Variante B noch weiter beschleunigen ließe, ähnlich wie bei Influenza-Impfstoffen, einfach weil es wahrscheinlich ist, dass sie wirken. In einer Phase-IV-Studie nach der Zulassung könnte man dann Daten zur Wirksamkeit erheben, während der Impfstoff bereits verfügbar wäre.“
Vorstandsvorsitzender, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Bewertung der aktuellen Infektionsdynamik
„Bis zum 24. Oktober wurden bereits 9964 Fälle und 4851 Todesfälle in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) registriert. Damit ist es der größte bekannte Bundibugyo-Ausbruch und der zweitgrößte Orthoebolavirus-Ausbruch überhaupt. Es gab 1100 neue Fälle in knapp drei Wochen, im Schnitt etwa 60 pro Tag, vor einigen Wochen waren es teils rund 80 pro Tag. Etwa die Hälfte der Erkrankten überlebt die Infektion. Die Kurve flacht auf hohem Niveau leicht ab, aber bedeutet keine wesentliche Entspannung. Der Ausbruch breitet sich geografisch weiter aus mit teilweise weit entfernten neuen Infektionsherden, die sich manchmal weiter etablieren. Anfang Oktober kamen neue Fälle hinzu aus Sud-Ubangi, Nord-Ubangi, Bas-Uélé, Haut-Uélé, Nord-Kivu, Ituri und Tshopo. Es gab einen importierten Fall in Kenia – die Person ist verstorben – und acht Fälle bei Kontaktpersonen, von denen ebenfalls eine Person verstorben ist (Stand 23. Oktober). Ein neuer eingeschleppter Fall in Nigeria, der aus dem Kongo über Uganda eingereist ist, hat überlebt. Uganda hat den dortigen Ausbruch am 27. August für beendet erklärt. Von Eindämmung kann man also zusammenfassend nicht sprechen. In der DRK ist die Ausbreitung weiterhin nicht unter Kontrolle.“
Belastbarkeit der offiziellen Fallzahlen
„Die bestätigten Zahlen sind wahrscheinlich die untere Grenze. In den ersten Wochen lief der Ausbruch unerkannt: Erste Verdachtsfälle gab es Mitte April, eine Verzögerung von etwa einem Monat ließ den Ausbruch dann stark wachsen. Streiks im Juli haben vermutlich zusätzlich die Untersuchungsrate gesenkt. Unsicherheit, Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen und Fluchtbewegungen machen eine Kontaktverfolgung und Isolation sehr schwierig und an manchen Orten nahezu unmöglich. In Ituri gab es schon 2025 vielfach Angriffe auf Gesundheitspersonal. Die Problematik einer korrekten Fallerfassung zeigt sich auch bei der Veränderung der Sterberate unter bestätigten Fällen: Sie stieg über Wochen kontinuierlich auf über 47 Prozent, (von rund zwölf Prozent im Mai), was vermutlich zu einem großen Teil Meldeeffekte widerspiegelt. Es kann sein, dass es zur verzögerten Meldung neuer Fälle kommt, zur nachträglichen Klassifizierung verstorbener Verdachtsfälle sowie zu fehlenden Meldungen leichterer Verläufe, da sie nie getestet wurden. Fehlende Todesfälle in der Community würden die Rate dagegen eher senken. Eine seriöse Zahl für die Dunkelziffer ist schwer zu erheben und nicht bekannt.“
Diagnostik vor Ort
„Das Grundproblem war, dass das sogenannte GeneXpert-System, das die Basis der regulären kongolesischen Ebola-Surveillance ist, die seltene Spezies anfangs nicht erkennen konnte. Verdächtige Proben wurden deshalb für Untersuchungen nach Kinshasa geschickt, als klar war, dass es sich um einen Ausbruch mit einem anderen Erreger-Typen handelte. Verbessert hat sich die Lage vor allem durch weitere Test-Systeme, die Bundibugyo mit weniger Schulung und Ausstattung nachweisen können. Bereits im Juni konnten mehrere Präsenz-Labore und ein mobiles Labor zuverlässig testen – große Labore wie in Bunia über 100 Proben pro Tag. Für Bundibugyo gibt es noch keine zugelassenen Schnelltests. Diese wären für den Einsatz in Gemeinden und bei Verstorbenen wichtig. Der Probentransport ist ein zusätzliches Problem, da er Tage dauern kann, denn manche Gebiete sind kaum erreichbar.“
Studien für einen Bundibugyo-Impfstoff vor Ort
„Die sogenannte Tumaini-Studie startete am 23. Oktober (erster geimpfter Teilnehmer) in Bunia als randomisierte, verblindete und kontrollierte Phase-II/III-Studie zur Ringimpfung. Sie ist als adaptive Plattform angelegt, in dem flexibel mehrere Impfstoffe getestet werden können, und schließt Kinder ab einem Jahr ein. Methodisch ähnlich wurde im Ebola-Ça-Suffit!-Trial in Guinea die Wirksamkeit der Ringimpfung belegt . Bei rund 60 Fällen pro Tag gibt es genug Fälle für statistisch aussagekräftige Ergebnisse. Ein Problem kann die Kontaktverfolgung sein, die durch Konflikt und Misstrauen gestört ist, und für die Ringbildung notwendig ist. Sollte der Ausbruch abklingen, bevor genug Endpunkte zusammenkommen, endet die Studie womöglich ohne klares Ergebnis. Allerdings scheint dies im Moment unwahrscheinlich. Die WHO rechnet damit, dass es Monate dauern kann, bis sich zeigt, ob die Impfung schützt.“
Erfolgschancen eines Bundibugyo-Impfstoffs
„Verschiedene Impfstoffe sind in klinischer Prüfung. Unter anderem hat die Universität Oxford im Sommer eine Phase-I-Studie mit dem Impfstoff ChAdOx1-BDBV begonnen und Moderna testet einen mRNA-Impfstoff (mRNA-1469; Phase I, erste Dosis am 3. August in Kanada). Zwei spezifische Kandidaten sollen nach den frühen Studienphasen in der Tumaini-Studie aufgenommen werden. Beide Plattformen sind schnell anpassbar und gegen Filoviren grundsätzlich sinnvoll mit guten Erfolgsaussichten. Ein Problem ist, dass eher Monate als Wochen vergehen, bis Phase-I-Daten vorliegen, Impfdosen produziert sind und die Impfstoffe in die Studie aufgenommen werden können. Ein breiter Einsatz im aktuellen Ausbruch ist kaum früher als Mitte 2027 realistisch. Im besten Fall stehen sie für künftige Ausbrüche bereit.“
Wirksamkeit von Ervebo gegen Bundibugyo
„Für einen Kreuzschutz gibt es nur wenige und kaum direkte Belege. In einer Studie bei Makaken deutete sich an, dass Ervebo teilweise gegen Bundibugyo wirksam sein könnte. Eine WHO-Beratergruppe sieht den Schutz vor Erkrankung und Übertragung als wahrscheinlich gering an, eventuell ist ein Schutz vor tödlichem Verlauf erreichbar. Breit geimpft wird meines Wissens bisher nicht und die WHO empfiehlt Ervebo nur im Rahmen von Studien. Es scheint ein Kontingent für Beschäftigte an vorderster Front vorgesehen zu sein. Eine Massenimpfung ohne Wirksamkeitsnachweis könnte falsche Sicherheit erzeugen, Vertrauen kosten und, falls sie nicht ausreichend schützt, eine Studie unmöglich machen.“
Folgen des Ausbruchs bei der Bekämpfung anderer Erkrankungen
„Es gibt erhebliche negative Folgen für das Gesundheitssystem, das ohnehin schwach und dadurch zusätzlich belastet ist. In den Hotspots Bunia, Mongbwalu, Nizi und Rwampara sank die Nutzung von Basis-Gesundheitsdiensten zwischen April und Juni um 42 Prozent, und in ganz Ituri um etwa 13 Prozent. In Mongbwalu ging die Rate der ersten Masernimpfung um fast 70 Prozent zurück. Die Müttersterblichkeit in Ituri hat sich seit Ausbruchsbeginn nahezu verdoppelt. UNICEF warnt vor schwerwiegenden Folgen für Malaria, Durchfallerkrankungen und andere – eigentlich behandelbare – Krankheiten, die häufige Todesursachen bei Kindern sind. Bei dem Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 bis 2016 waren solche indirekten Todesfälle etwa so häufig wie die direkten Ebola-Opfer. Zusätzlich sind fast zehn Millionen Menschen in der Region von akuter Ernährungsproblematik betroffen.“
Vorbereitung auf weitere Erreger
„Man kann und sollte sich vorbereiten, was auch dieser Ausbruch deutlich zeigt. Die Diagnostik war speziesspezifisch und hat den Ausbruch nicht angezeigt. Mit einem besseren Pan-Ebolavirus- oder Pan-Filovirus-Assay hätte man wichtige Zeit gewonnen. Es sollte für jede humanpathogene Virusspezies (Sudan, Bundibugyo, Taï Forest, Marburg) mindestens einen Impfstoffkandidaten mit abgeschlossener Phase I und vorab genehmigten Studienprotokollen samt Dosisvorrat geben. Dabei sind multivalente Ansätze sinnvoll, die mehrere Spezies abdecken. Dazu ist eine verlässliche Grundfinanzierung zwischen den Ausbrüchen notwendig. Wahrscheinlich wäre das insgesamt weniger finanzieller Aufwand als eine Notfallreaktion im Ausbruch. Vergleichsweise wenig Geld für die Vorbereitung verhindert sehr teure Ausbrüche.“
Dieses Statement entstand in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. César Muñoz-Fontela, Leiter der Arbeitsgruppe Virus-Immunologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg.
Juniorprofessorin für die Entwicklung von immuntherapeutischen Wirkstoffen, Institut für Wirkstoffentwicklung, Universität Leipzig
Bewertung der aktuellen Infektionsdynamik
„Die aktuelle Situation ist sehr kritisch, mit hohen Fallzahlen in der Demokratischen Republik Kongo. Besonders besorgniserregend ist, dass jetzt auch vereinzelt Fälle außerhalb des Ausbruchsgebiets zu beobachten sind, zum Beispiel durch Reiserückkehrer in Uganda, Kenia oder Nigeria. Wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind, ist ganz schwer zu sagen. Wir können sicher davon ausgehen, dass eine Dunkelziffer gibt.“
Diagnostik vor Ort
„Im Akutfall sind vor allem PCR-Testsysteme wichtig. Diese lassen sich zügig und zielgerichtet neu anpassen und stehen inzwischen von mehreren Anbietern spezifisch für das Bundibugyo-Virus zur Verfügung. Damit ist eine akute und spezifische Diagnostik möglich.“
Erfolgschancen eines Bundibugyo-Impfstoffs
„Es sind mehrere Kandidaten kürzlich in Phase-I-Studien gestartet. Das erfolgreiche Absolvieren solcher Phase-I-Studien ist für Impfstoffe, die mit etablierten Plattform-Technologien arbeiten, eigentlich zu erwarten. Dann geht es viel um Verfügbarmachung, die Möglichkeit schnell größere Mengen in pharmazeutischer Qualität bereitzustellen, für anschließende Phase-II-Studien. Zwei von CEPI geförderte Kandidaten können dies wahrscheinlich leisten: einmal der von der Universität Oxford entwickelte Adenovirus-Impfstoff, der auch Grundlage des Astrazeneca-COVID19-Impfstoffs war, und die mRNA-Technologie von Moderna. Beide Technologien lassen sich akut recht gut skalieren. Oxford ist bereits eine Partnerschaft mit dem Serum Institute of India, einem der größten Impfstoffhersteller der Welt, eingegangen, um eine hohe Anzahl an Dosen liefern zu können. Dies sind allerdings typische Impfstoffe für Notfälle.“
Wirksamkeit von Ervebo gegen Bundibugyo
„Ervebo wird nun aktiv getestet als Impfstoff gegen Bundibugyo in einer Phase-II-Studie. Dies wird es ermöglichen, eine genaue fachliche Einordnung über die Effektivität von Ervebo zu geben. Meine fachliche Meinung ist, dass ein Bundibugyo-Impfstoff selbst eine höhere Effektivität haben wird. Ervebo ist außerdem ein typischer Notfall-Impfstoff. Für den flächendeckenden Einsatz als Schutzimpfung ist er meines Erachtens keine optimale Wahl.“
Folgen des Ausbruchs bei der Bekämpfung anderer Erkrankungen
„Es sind nie gute Folgen zu erwarten, vor allem wenn Patienten Krankenhäusern aus Sorge vor Infektionsgefahr fernbleiben. Wir haben inzwischen gelernt, dass kein Land vor den Nachwirkungen einer Pandemie gefeit ist, und verstehen zu wenig darüber, wie sich diese Folgen auch langfristig auswirken.“
Vorbereitung auf weitere Erreger
„Das Problem in der Impfstoffentwicklung ist oft nicht die Zeit der Not selbst, sondern die gefährlichen Ruhezeiten – eigentlich ein guter Moment, um sich vorzubereiten! Wir haben dies bei Ebola sehr gut beobachten können. Nach den Ausbrüchen mit Ebola 2014 bis 2016 gab es große Bestrebungen, Filovirus-Impfstoffe zu entwickeln und bereitzustellen. Und nun fast zehn Jahre später ist die Situation nicht so anders als beim letzten großen Ausbruch. Zugegebenermaßen muss man vielleicht sagen, dass das Bundibugyo-Virus nicht der erste Kandidat auf der Liste für Filovirus-Impfstoffe war, aber so ist es eben: Es bricht nicht unbedingt das Virus aus, mit dem man gerechnet hat.“
„Ein großes Problem in der Impfstoffentwicklung ist außerdem, dass es keinen Markt für einen Impfstoff gegen ein Virus gibt, das nicht aktiv zirkuliert. Impfmüdigkeit und Impfkritik haben außerdem dazu geführt, dass es sich viele überlegen, Schutzimpfungen wahrzunehmen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Es werden außerdem kaum Impfstoffe entwickelt, die langfristigen Schutz bei einfacheren Lager- und Transportbedingungen bieten. Das würde günstigere Preise und Vorratshaltung erlauben. Dies ist ein wiederkehrendes Problem, über das wir als Gesellschaft entscheiden müssen.“
„Ich habe diesbezüglich keine Interessenkonflikte.“
„Funding und Drittmittel: European Vaccine Hub (Hadea), DZIF, DFG. Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.“
„Funding: BMG, BMFTR, BMZ, DFG, EU Horizon, EDCTP. Verbände: DNTDs, DTG, DGEpi, PEG, DPG. Beratung: Bundesregierung, Ministerien, Leibniz-Gemeinschaft, WHO.“
„Mein Labor wird von der Coalition of Epidemic Preparedness Innovation (CEPI) gefördert und designt computergestützte Impfstoffe.“
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Henao-Restrepo AM et al. (2017): Efficacy and effectiveness of an rVSV-vectored vaccine in preventing Ebola virus disease: final results from the Guinea ring vaccination, open-label, cluster-randomised trial (Ebola Ça Suffit!). The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(16)32621-6.
[] Mulangu S et al. (2019): A Randomized, Controlled Trial of Ebola Virus Disease Therapeutics. The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/nejmoa1910993.
[] Cepi (23.10.2026): First participant vaccinated in pivotal Phase 2/3 Bundibugyo vaccine trial in DRC. Pressemitteilung.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] Mayer L et al. (2026): Cross-reactive T-cell responses against BDBV in humans after rVSVΔG-ZEBOV-GP vaccination. The Lancet Infectious Diseases. DOI: 10.1016/S1473-3099(26)00529-3.
Prof. Dr. Torsten Feldt
Bereichsleiter Tropenmedizin, Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie, Universitätsklinikum Düsseldorf, und Zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe diesbezüglich keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Christof Geldmacher
Leiter der Forschungsgruppe „Infection and Immunity“, Institut für Infektions- und Tropenmedizin, Klinikum der Universität München (LMU)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Funding und Drittmittel: European Vaccine Hub (Hadea), DZIF, DFG. Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.“
Prof. Dr. Jürgen May
Vorstandsvorsitzender, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Funding: BMG, BMFTR, BMZ, DFG, EU Horizon, EDCTP. Verbände: DNTDs, DTG, DGEpi, PEG, DPG. Beratung: Bundesregierung, Ministerien, Leibniz-Gemeinschaft, WHO.“
Prof. Dr. Clara Schoeder
Juniorprofessorin für die Entwicklung von immuntherapeutischen Wirkstoffen, Institut für Wirkstoffentwicklung, Universität Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Mein Labor wird von der Coalition of Epidemic Preparedness Innovation (CEPI) gefördert und designt computergestützte Impfstoffe.“