Erbgut des Andes-Virus bei Schweizer Patienten entschlüsselt
erste vollständige Sequenz des Andes-Virus veröffentlicht
Sequenzdaten ermöglichen Rückschlüsse auf Übertragbarkeit und Infektiosität des Virus
Experte: Auf Basis der Daten kein Hinweis auf veränderte Übertragbarkeit, wichtig für das Kontaktpersonen-Management, weitere Informationen nötig
Im Falle des Schweizer Patienten, der sich nachweislich mit der Andes-Variante des Hantavirus infiziert hatte, wurde nun die vollständige Sequenz auf der Plattform virological.org online gestellt. Die Veröffentlichung des viralen Erbguts ermöglicht es Fachleuten nun, die Abstammung des Erregers nachzuvollziehen, mit Sequenzen aus vorherigen Ausbrüchen wie beispielsweise 2018 in Argentinien zu vergleichen und eventuell aufgrund von Mutationen im Erbgut Erkenntnisse zur Übertragbarkeit und Virus-Epidemiologie abzuleiten [I]. Nach einer ersten Auswertung kommentiert die Baseler Forscherin Emma Hodcroft in dem Expertenforum bei virological.org, dass es scheine, dass keine Neusortierung stattgefunden habe. Das bedeutet, dass es sich bei dem Virus um die bereits bekannte Andes-Variante handelt. Diese hat sich bisher offensichtlich nicht so stark verändert, dass sich ihr Infektionsverhalten von früheren lokalen Ausbrüchen mit Mensch-zu-Mensch-Übertragung unterscheiden würde.
Der infizierte Schweizer reiste im April mit der MV Hondius, verließ das Kreuzfahrtschiff aber bereits am 24. April 2026. Nachdem er vom Schiffsbetreiber kontaktiert wurde, meldete er sich im Züricher Universitätskrankenhaus. Dort wurde am 5. Mai die Infektion mit dem Andes-Virus bestätigt. Das Virus konnte aus Blutproben des Patienten vollständig sequenziert werden.
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
„Aus der jetzt veröffentlichten Schweizer Consensus-Sequenz ergeben sich nach meiner Einschätzung bisher keine belastbaren Hinweise auf eine veränderte Übertragbarkeit oder Infektiosität. Allein die Tatsache, dass das Virus sequenziert wurde, erlaubt keine Aussage, dass es sich um eine neue, besonders ansteckende oder besonders virulente Andes-Virusvariante handelt. Solche Schlussfolgerungen wären nur gerechtfertigt, wenn mehrere funktionelle Daten oder klare epidemiologische Hinweise auf ein verändertes Verhalten des Virus vorlägen. Das sehe ich derzeit nicht. Die veröffentlichte Konsensus-Sequenz wurde aus Blutproben mittels Illumina-Sequenzierung (Methode zur Sequenzierung von DNA; Anm. d. Red.) erzeugt. Das ist wertvoll für die phylogenetische Einordnung (evolutionäre Abstammung, um zum Beispiel Virusstämme zu unterscheiden; Anm. d. Red.), aber für die Bewertung einzelner Mutationen sollte man bei niedriger Sequenz-Abdeckung – hier ist es wohl noch so – vorsichtig sein. Einzelne Basenpositionen können dann noch unsicher sein. Für belastbare Aussagen über mögliche relevante Mutationen wären idealerweise zusätzliche Sequenzen, höhere Abdeckung und Rohdaten beziehungsweise bestätigende Analysen notwendig.“
„Für das Management der Kontaktpersonen hilft die Sequenz vor allem auf drei Ebenen: Erstens bestätigt sie den Erreger und damit die Notwendigkeit eines spezifischen Andes-Virus-Managements. Zweitens kann sie helfen, Infektionsketten besser zu rekonstruieren, wenn auch Sequenzen anderer Fälle vorliegen. Dann könnte man prüfen, ob die Fälle sehr eng miteinander verwandt sind und ob das eher für eine gemeinsame Quelle oder für nachfolgende Mensch-zu-Mensch-Übertragungen spricht. Drittens kann die Sequenz helfen, die Diagnostik zu verbessern und gegebenenfalls molekulare Testsysteme gezielt abzugleichen.“
„Für die praktische Kontaktpersonennachverfolgung ändert die Sequenz aber nicht alles grundlegend. Entscheidend bleibt die epidemiologische Risikobewertung: enger, längerer oder ungeschützter Kontakt zu Erkrankten, etwa Kabinenpartner, enge Reisebegleiter, Pflegekontakte oder medizinisches Personal mit Exposition, sind anders zu bewerten als flüchtige Alltagskontakte. Relevante Kontaktpersonen sollten wegen der langen Inkubationszeit über mehrere Wochen aktiv überwacht werden. Eine pauschale Quarantäne aller Personen unabhängig vom Expositionsrisiko halte ich nicht automatisch für verhältnismäßig. Sinnvoller ist ein risikoadaptiertes Vorgehen mit Isolation bestätigter oder hochverdächtiger Fälle, Symptommonitoring, rascher Diagnostik bei Symptomen und klaren Schutzmaßnahmen für medizinisches Personal.“
Forschungsgruppenleiter am Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen, Universitätsklinikum Essen
„Nach den auf virological.org veröffentlichten Informationen handelt es sich um eine vollständige Konsensussequenz des Andes-Virus aus dem Schweizer Fall. Die dort gezeigte phylogenetische Einordnung auf Basis des S-Segments spricht dafür, dass die Sequenz innerhalb bekannter Andes-Virus-Sequenzen clustert. Aus den öffentlich sichtbaren Informationen – und ohne umfangreiche Analyse unsererseits – ergibt sich daher zunächst kein offensichtlicher Hinweis auf eine ungewöhnliche oder neuartige Virusvariante, aus der man allein eine veränderte Übertragbarkeit oder Infektiosität ableiten könnte. Das sollte man aber nicht überinterpretieren: Solche Eigenschaften lassen sich aus einer einzelnen Konsensussequenz nur sehr begrenzt vorhersagen.“
„Für das Management der Kontaktpersonen hilft die Sequenz vor allem bei der molekularen Bestätigung und epidemiologischen Einordnung des Falls. Sie kann unterstützen, Infektionsketten besser zu rekonstruieren und Fälle miteinander zu verknüpfen. Für die praktischen Maßnahmen — also Identifikation und Beobachtung enger Kontakte, Diagnostik bei Symptomen, Isolation symptomatischer Fälle und geeignete Schutzmaßnahmen im medizinischen Bereich — ändert die Sequenzinformation nach meinem Verständnis derzeit nichts Grundsätzliches.“
Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München, und Außerplanmäßiger Professor, Technische Universität München
„Die Sequenz muss in den kommenden Tagen selbstverständlich noch genauer analysiert werden. Dieser Prozess nimmt etwas Zeit in Anspruch. Das große Interesse an der Genomsequenzierung hatte ursprünglich allerdings vor allem einen anderen Hintergrund: Für die erste Identifikation des Virus wurde eine sogenannte Pan-Hantavirus-PCR verwendet, also eine Genus-spezifische PCR, die grundsätzlich alle Hantaviren erfassen kann. Zur eindeutigen Identifikation der konkreten Virusspezies sind anschließend weiterführende Untersuchungen erforderlich – in diesem Fall die Genomsequenzierung. Daher bestand ein besonderes Interesse an diesem Ergebnis.“
„Mit der nun erfolgten Bestätigung des Andes-Virus ist die Einordnung des Hantavirus insbesondere hinsichtlich der potenziellen Ansteckungsgefahr für Menschen jedoch eindeutig möglich. Mehr war zum jetzigen Zeitpunkt zunächst gar nicht erforderlich.“
„Ob das Virus im vorliegenden Fall genetische Besonderheiten aufweist, die möglicherweise mit der Infektion zusammenhängen oder diese begünstigt haben könnten, muss nun – wie gesagt – in Ruhe und detailliert analysiert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt lassen sich daraus noch keine belastbaren Schlussfolgerungen ableiten.“
„Für die Beurteilung von Kontaktpersonen beziehungsweise Quarantänefällen, also Personen mit möglichem Kontakt zu Erkrankten, die bislang jedoch keine Symptome zeigen, hat die Genomsequenz selbst derzeit keine besondere praktische Relevanz.“
Alle: Keine Angaben erhalten.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Martínez VP et al. (2020): “Super-Spreaders” and Person-to-Person Transmission of Andes Virus in Argentina. NEJM. DOI:10.1056/NEJMoa2009040.
[II] Weltgesundheitsorganisation (07.05.2026): WHO’s response to hantavirus cases linked to a cruise ship.
[III] Science Media Center (2026): Andes-Virus bestätigt: Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich. Statements. Stand: 06.05.2026.
[IV] UK Health Security Agency and Foreign, Commonwealth & Development Office: UKHSA update on the hantavirus cruise ship outbreak. Stand: 08.05.2026.
Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg
Dr. Roland Schwarzer
Forschungsgruppenleiter am Institut für die Erforschung von HIV und AIDS-assoziierten Erkrankungen, Universitätsklinikum Essen
Prof. Dr. Roman Wölfel
Oberstarzt und Leiter, Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, München, und Außerplanmäßiger Professor, Technische Universität München