Maßnahmen für mehr Bewegung in Deutschland
weltweit bewegen sich Menschen trotz langjähriger Fördermaßnahmen zu wenig
etwa die Hälfte der Bewegungsempfehlungen internationaler Organisationen wird in etlichen Ländern nicht in Versorgungsstrukturen überführt, auch Deutschland weist Verbesserungspotenzial auf
Forschende erklären, wieso trotz nationaler Pläne die Umsetzung in Deutschland so schwierig ist und welche Lehren man aus anderen Ländern ziehen kann
Trotz einer Zunahme an Fördermaßnahmen für mehr Bewegung in den vergangenen 20 Jahren bewegen sich etwa 80 Prozent der jungen Erwachsenen weltweit weniger als von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Team an Forschenden im Rahmen einer qualitativen Fallstudie, die im Fachjournal „Nature Health“ als eine von drei Studien einer Serie veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).
Körperliche Inaktivität in der Bevölkerung ist mit einem erhöhten Risiko für die Gesamtsterblichkeit verbunden und ist weltweit für etwa fünf Millionen Todesfälle pro Jahr verantwortlich – vergleichbar mit der Zahl der Todesfälle durch Rauchen oder Übergewicht. Demgegenüber stehen laut der aktuellen Studie zahlreiche Maßnahmen, Förderinitiativen und Strategien in Zusammenhang mit körperlicher Aktivität, die zwischen 2004 und 2023 von internationalen Gesundheitsorganisationen empfohlen und erarbeitet wurden. Global seien allerdings weniger als die Hälfte dieser Empfehlungen umgesetzt und in Versorgungstrukturen überführt worden.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im WHO-Kooperationszentrum für Bewegung und Gesundheit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
„Die im Artikel beschriebenen internationalen Initiativen haben sicher einen Beitrag dazu geleistet, dass das Thema Bewegungsförderung an Bedeutung gewonnen hat. Jedoch übersetzen sich diese nicht automatisch in konkrete Aktivitäten in Deutschland – hierfür waren in der Vergangenheit häufig nationale Prozesse entscheidend.“
„Meilensteine waren die erstmalige Veröffentlichung der Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung 2016/2017 [1], die Verabschiedung des Nationalen Aktionsplans IN FORM (2021 aktualisiert) und die Ausrichtung des ‚Runden Tischs Bewegung und Gesundheit‘ durch das Bundesministerium für Gesundheit in den Jahren 2022 bis 2024. Dies hat Schritt für Schritt dazu beigetragen, die für Bewegungsförderung relevanten Sektoren – unter anderem Gesundheit, Sport, Verkehr, Stadtplanung, Bildung und Arbeit – stärker miteinander zu vernetzen.“
„Es gibt zahlreiche Initiativen zur Bewegungsförderung in Deutschland, die mit großem Engagement umgesetzt werden. Vor kurzer Zeit haben wir für das Bundesministerium für Gesundheit Bestandsaufnahmen zum Thema Bewegungsförderung erstellt und über 130 Einzelmaßnahmen identifiziert. Einige dieser Maßnahmen haben eine unglaublich hohe Reichweite, darunter zahlreiche Initiativen des organisierten Sports. Es gibt auch verschiedene Projekte für Schulen, die in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Kinder und Jugendliche erreicht haben – in diesem Kontext ist Bewegung häufig eines von mehreren Themen.“
„Unsere Daten weisen jedoch auf ein grundsätzliches Problem in Deutschland hin: Zum einen gibt es wissenschaftliche Pilotprojekte, die nachweislich Bewegung fördern, aber in der Regel eine geringe Reichweite haben. Zum anderen gibt es großflächige Maßnahmen mit einer hohen Reichweite, für die aufgrund fehlender Evaluationen unklar ist, in welchem Umfang sie Bewegung fördern. Nur wenigen Maßnahmen gelingt es, beide Aspekte – hohe Reichweite und nachgewiesene Wirksamkeit für Bewegungsförderung – miteinander zu verbinden.“
„Die Förderung eines positiven Verhaltens – wie mehr Bewegung – ist vergleichsweise komplex. Denn es gibt keine einfachen regulatorischen Maßnahmen wie für die Einschränkung gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen, etwa Rauchverbote oder die Tabaksteuer. Daher braucht es eine zielgerichtete Koordination von Maßnahmen der Bewegungsförderung über politische Sektoren hinweg. Dies wurde auch von der Bundesregierung erkannt, die im Jahr 2021 beschlossen hat, eine zentrale Ansprechstruktur für Bewegungsförderung zu schaffen. Jedoch wurde dieser Beschluss bislang noch nicht umgesetzt. In anderen Bereichen – beispielsweise zur Förderung gesunder Ernährung – gibt es schon länger entsprechende Institutionen.“
„Allerdings ist eine Stärkung der Bewegungsförderung in Deutschland auch im Rahmen der bestehenden Strukturen möglich. Beispielsweise hat die Novelle der Straßenverkehrsordnung im Jahr 2024 die Handlungsoptionen von Kommunen und Ländern in Bezug auf die Einführung von Tempo-30-Zonen erweitert. Vor dieser Gesetzesnovelle lag der Anteil von Tempo-30-Zonen in einigen deutschen Städten um die 20 Prozent. Es wäre wünschenswert, dass Kommunen den neu gewonnenen Handlungsspielraum dafür nutzen, mehr Tempo-30-Zonen auszuweisen und so die Verkehrssicherheit für Radfahrer und Fußgänger zu erhöhen.“
„Ende 2025 hat die Kooperationsplattform ‚Kinder und Jugendsport‘ – in der verschiedene Landesministerkonferenzen, kommunale Spitzenverbände sowie die Deutsche Sportjugend vertreten sind – konkrete Handlungsempfehlungen formuliert. Ein Beispiel ist die Empfehlung, tägliche Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote im schulischen Ganztag zu verankern. Dies soll auch durch verlässliche Partnerschaften mit Sportvereinen ermöglicht werden. Andere Länder zeigen, dass diese Forderung umsetzbar und sinnvoll ist: In Dänemark sind seit 2014 täglich 45 Minuten Bewegung während des Schultags verpflichtend (einschließlich Sportunterricht, aber ohne Pausen). Wissenschaftliche Studien zeigen, dass dänische Schulen daraufhin ihre Sportstunden deutlich ausgeweitet haben und sich Kinder und Jugendliche mehr bewegen.“
„Ähnliche Ideen gibt es in anderen politischen Sektoren. Daher diskutieren wir die Frage der Zukunft der Bewegungsförderung in Deutschland aktuell im Rahmen der Aktualisierung und Weiterentwicklung der Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. In diesen Prozess sind über 100 Akteure aus Politik, Wissenschaft und Praxis eingebunden und kommen am 9. März 2026 zu einem großen Workshop in Berlin zusammen. Zudem entwickeln wir im Rahmen des IMPAQT-Projekts mit diesen Akteuren konkrete politikbezogene Handlungsempfehlungen. Für beide Prozesse werden in der zweiten Jahreshälfte 2026 erste Ergebnisse vorliegen.“
Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit am Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin, Universität Heidelberg
„Die Internationalen Initiativen unter anderem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben zumindest dazu beigetragen, dass Deutschland vor zehn Jahren endlich Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung verabschiedet hatte. Nun werden diese gerade aktualisiert. Deutschland darf aber bei solchen rein politischen Absichtserklärungen nicht stehen bleiben, sondern muss flächendeckend in Bewegung investieren.“
„Die deutsche Bewegungslandschaft leidet seit jeher unter föderaler Zersplitterung und kurzfristiger Projektitis. Unter anderem brauchen wir dringend eine bundesweite, standardisierte und regelmäßige Erfassung von verlässlichen Bewegungsindikatoren – beginnend bei den Kleinsten über unsere Jugendlichen bis zu den Senioren. Nur so lassen sich Präventionserfolge messen, Fehlentwicklungen erkennen und regionale Defizite beheben. Mit anderen Worten: Ohne gute Daten keine guten Taten.“
„Die Deutschen wollen sich bewegen. Der Deutsche Olympische Sportbund meldete gerade wieder Rekordzahlen: 29,3 Millionen Deutsche sind Mitglied in einem Sportverein, die Hälfte davon sind Kinder. Aber es könnten weit mehr sein. Kinder, Jugendliche und Erwachsene stehen mit gepackten Sporttaschen vor den Hallen und kommen nicht rein: Sehr viele Vereine haben lange Wartelisten und Aufnahmestopps, es fehlt vielerorts an Hallen und Trainern.“
„Hier verstärken sich kommunale und institutionelle Defizite gegenseitig:
Auf kommunaler Ebene hat der Investitionsstau vielerorts zu einem katastrophalen Zustand der Sportinfrastruktur geführt. Geschlossene Schwimmbäder, verrottete Sporthallen und gestrichener Schulsport senden eine klare Botschaft an unsere Kinder und Jugendlichen: Uns ist es egal, ob ihr euch bewegt.“
„Neben dem Sportstättenbau kommt der Staat auch auf institutioneller Ebene seiner Verantwortung nicht nach: Der Staat könnte den zum großen Teil ehrenamtlich organisierten Breitensport viel besser unterstützen, indem er Freiwilligendienste im Sport finanziell besser unterstützt, Bürokratie abbaut, Vereinen Zugang zu Fördermaßnahmen verschafft und die Aus- und Weiterbildung von Übungsleitern finanziert. Auch der Schulsport wird sträflich vernachlässigt. Bundesweit fehlen Sportlehrkräfte, sodass selbst die drei von der Kultusministerkonferenz geforderten Sportstunden vielerorts fachfremd unterrichtet werden oder sogar ausfallen müssen. Damit wird eine große Chance vertan: Sport reduziert nicht nur volkswirtschaftlich hohe Gesundheitskosten, sondern stärkt Selbstbewusstsein, fördert die psychische Entwicklung, schafft Freundschaften und integriert sozial Benachteiligte. Und auch der Schulsport nutzt nicht sein Potenzial: Denn nirgends sonst erreicht man mit einem motivierenden und niedrigschwelligen Bewegungsangebot eine gesamte Alterskohorte.“
„Unter anderem laut des Public Health Index 2025 [I] hat Deutschland in Europa mittlerweile die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf – vor allem, weil wir seit Jahrzehnten Prävention und Gesundheitsförderung sträflich vernachlässigen. Im internationalen Vergleich schneiden unsere Nachbarn, wie etwa Frankreich, Luxemburg, Dänemark und Polen, im Bereich Sport und Bewegung deutlich besser ab, weil sie Bewegung auf ihrer politischen Agenda weit oben ansiedeln und überall – in Schulen, am Wohnort und im Alltag – fördern. Vergleicht man Deutschland mit diesen Staaten, ließe sich in drei Präventionsfeldern besonders viel erreichen: Erstens durch einen deutlichen quantitativen und qualitativen Ausbau des Schulsports. Zweitens durch finanzielle Förderung und bürokratische Entlastung der Vereine. Und drittens durch massive Investitionen in die Sportinfrastruktur – nicht nur in Sport- und Schwimmhallen, sondern auch in Bewegungsangebote im öffentlichen Raum wie Spielplätze, Skateparks, Bolzplätze und Calisthenics-Anlagen (robuste Outdoor-Trainingsstationen aus Stahl oder Edelstahl, Anm. d. Red.).“
„Andere Nationen wie Japan und die Niederlande sowie Kommunen wie Kopenhagen oder Paris machen es uns vor: In Japan wird der Unterricht regelmäßig für Bewegungspausen unterbrochen. In den Niederlanden sind die Ampeln mit Regensensoren ausgestattet, die Radfahrer bei Regen nicht so lange bei Rot warten lassen. In Kopenhagen gibt es kreuzungsfreie Schnellradwege und lange innerstädtische Brücken ausschließlich für Radfahrer. Und in Paris erhöhte sich innerhalb von einem Jahr dank der Neuschaffung von Spielflächen, dem Ausbau der Radwege und der Reduktion des touristischen Autoverkehrs der Radverkehr um rund 40 Prozent. In allen Fällen haben städtebauliche und strukturelle Maßnahmen dazu geführt, dass sich Bewegung als einfachere und angenehmere Alternative in den Alltag integrieren lässt.“
Tenure-Track-Assistenzprofessor am Institut für Sportwissenschaften, Universitätsspital Lausanne, Schweiz
„Global gesehen stellen vor allem die ‚Global Strategy on Diet, Phyiscal Activity and Health’ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2004, der Global Action Plan on Physical Activity der WHO von 2018 und die acht Investments der internationalen Gesellschaft für körperliche Aktivität und Bewegung ISPAH (2013/2020) wichtige Leitlinien für die internationale Forschung und die Entwicklung politischer Initiativen dar. Für die Definition der Zielsetzungen auf Bevölkerungsebene werden normalerweise die Bewegungsempfehlungen der WHO (2010, 2020 und 2019 für Kleinkinder) herangezogen.“
„Für Europa und Deutschland haben aber auch Initiativen der Europäischen Union wichtige Impulse gegeben, vor allem die Empfehlung des Europäischen Rats ‚Health-Enhancing Physical Activity across Sectors’ von 2013.“
„Es ist jedoch zu beachten, dass Politikentwicklung nicht linear von der internationalen hin zur nationalen Ebene verläuft. Die nationalen Akteure (Ministerien, große Sportverbände) sind in der Regel auch in die Politikentwicklung der Europäischen Union und WHO eingebunden. Neue Initiativen für Bewegung entwickeln sich somit oft parallel auf nationaler und internationaler Ebene. So wurden zum Beispiel der nationale Aktionsplan für Ernährung und Bewegung IN FORM (2012, erneuert 2021) und die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung 2016 zwar von Prozessen auf der internationalen Ebene beeinflusst, ihre Entwicklung wurde aber nicht erst durch die Publikation internationaler politischer Dokumente in Gang gesetzt.“
„Die neue Studie von Ramirez et al. verzeichnet einen starken Anstieg an politischen Maßnahmen zur Bewegungsförderung in den vergangenen Jahren. Das ist an sich schon als Erfolg zu werten, da das Thema im Vergleich zu den anderen ‚großen‘ Risikofaktoren für nichtübertragbare Krankheiten (Tabak, Alkohol, Ernährung) in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert bleibt. Versucht man allerdings, den Erfolg dieser Maßnahmen auf Bevölkerungsebene zu messen, so fällt das Ergebnis ernüchternd aus: Das Bewegungsverhalten in der Bevölkerung hat sich praktisch nicht verändert.“
„Gründe könnten unter anderem die in der neuen Studie von Ramirez et al. identifizierten Punkte sein: ein zu gesundheitszentrierter Gesamtansatz, das Fehlen einer klaren politischen Zuordnung des Themas zu einem einzigen Regierungsressort und ein Mangel an intersektoraler Zusammenarbeit. Es ist aber auch zu beachten, dass im Bereich Bewegung aktuell vor allem ‚weiche‘ politische Steuerinstrumente, wie Empfehlungen und Aufklärungskampagnen, genutzt werden. Bei Tabak und Alkohol hingegen dominieren ‚harte‘ Instrumente wie Besteuerung und Verbote. Auch hierin könnte ein Grund liegen, warum wir beim Bewegungsniveau aktuell keine Veränderungen beobachten.“
„Es wäre aber verfrüht, von einem Scheitern der Politik in der Bewegungsförderung zu sprechen: Zum einen brauchen Veränderungen Zeit, gerade wenn es, wie in der Bewegungsförderung, um ein komplexes Verhalten mit vielen möglichen politischen Stellschrauben geht. Zum anderen werden unsere Lebensbedingungen immer bewegungsärmer – beim Transport, in der Arbeitswelt und auch in der Freizeit. Hätte es in den vergangenen 20 Jahren keine politischen Maßnahmen gegeben, wäre das Bewegungsniveau in der Bevölkerung vielleicht sogar zurückgegangen.“
„Nach dem aktuellen Stand der Forschung sind Maßnahmen im Handlungsfeld Bewegung besonders bei Kindern und Jugendlichen erfolgversprechend. Zugleich ist Bewegung im höheren Lebensalter von großer Bedeutung, da sie zum Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität beiträgt. Gesamtgesellschaftlich gilt die Förderung von Radfahren und Zufußgehen als wichtiger Hebel, der Ziele wie Gesundheit, Lebensqualität und Reduktion von CO₂-Emissionen miteinander verbindet.“
„Internationale und nationale Forschungen zeigen eine mangelnde Verbindung (‚disconnect‘) zwischen nationalen Politiken und deren Implementierung auf den nachgeordneten politischen Ebenen. Gerade die kommunale Ebene ist jedoch für den Bereich Bewegung sehr wichtig, da hier wichtige Entscheidungen zu lokalen Infrastrukturen, Sportförderung und Bewegungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche getroffen werden.“
„Zum einen haben nationale Politiken und Empfehlungen auf der kommunalen Ebene nicht immer den Bekanntheitsgrad, den man sich erhoffen würde. Zum anderen fehlen oft die finanziellen und personellen Ressourcen, um Politiken zur Bewegungsförderung effektiv umzusetzen. Gerade im ländlichen Raum fehlt zum Beispiel oft die personelle Ausstattung, um komplexe Förderanträge für Bewegungsprogramme zu stellen. Gelder wären somit zwar auf Bundes- oder Landesebene vorhanden, können aber von ländlichen Kommunen nicht abgerufen werden.“
„Laut den Ergebnissen des Public Health Index 2025 [I] bestehen in Deutschland unter anderem Defizite bei der Förderung von Radverkehr und Zufußgehen sowie bei der Nutzung von mHealth-Strategien (mobile Gesundheitsstrategien; Anm. d. Red.), zum Beispiel in Form von Smartphone-Anwendungen zur Bewegungsförderung.“
„Allerdings ist zu den Ergebnissen anzumerken, dass die Datenlage zu Politiken in der Bewegungsförderung deutlich schlechter ist als in den anderen drei Bereichen der nicht-übertragbaren Krankheiten (NCD): Tabak, Alkohol und Ernährung. Die verfügbaren Daten basieren auf einer Selbsteinschätzung nationaler Regierungen im Rahmen mehrerer WHO-Umfragen; eine objektive Verifizierung der Informationen ist derzeit nicht möglich. Da die meisten Länder im Bereich Bewegung – anders als in den anderen drei betrachteten NCD-Feldern – relativ eng beieinander liegen, führen bereits kleine Unterschiede in der Selbsteinschätzung zu einem großen Unterschied im Ranking.“
„Für Deutschland konnten einige neuere Politiken (zum Beispiel die bundesweite Strategie zur Förderung des Zufußgehens von Februar 2025) im Public Health Index noch nicht berücksichtigt werden, ebenso wenig wie die Politiken der Bundesländer. Dies führt unter Umständen zu einem schlechteren Abschneiden.“
„Andererseits sind auch einige Indikatoren, die Deutschland laut des Public Health Index bereits erfüllt, kritisch zu hinterfragen. Beispielsweise erwähnt der nationale Aktionsplan IN FORM das Thema Bewegungsförderung in verschiedenen Sektoren und stellt auch die Finanzierung für entsprechende Projekte bereit. Ob dies allerdings ausreicht, um den Indikator für die gesamte Bundesrepublik als erfüllt zu betrachten, liegt im Auge des Betrachters.“
„Aus meiner Sicht gibt es in jedem Fall noch weiteres Verbesserungspotential, zum Beispiel bei der flächendeckenden Umsetzung von Bewegungsförderungsprogrammen für verschiedene Ziel- und Altersgruppen, bei Initiativen im Gesundheitssektor wie dem ‚Rezept auf Bewegung‘ und bei der Förderung der gesundheitlichen Chancengleichheit.“
„Deutschland verfügt mit dem Aktionsplan IN FORM sowie den Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung bereits jetzt über wichtige strategische Dokumente in der Bewegungsförderung. Die Bestandsaufnahmen des Bundesgesundheitsministeriums zur Bewegungsförderung bei verschiedenen Zielgruppen (2022 bis 2024) zählen zudem eine Vielzahl von etablierten Programmen auf, mit denen zum Beispiel in Schulen oder über den organisierten Sport viele Menschen erreicht werden.“
„Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Welche Länder dabei am ‚erfolgreichsten‘ sind, hängt von den betrachteten Kenngrößen ab. Länder wie Großbritannien haben zum Beispiel einen beeindruckenden ‚Output‘ an Politiken in der Bewegungsförderung, aber aktuell auch eine ähnlich hohe Krankheitslast durch nichtübertragbare Krankheiten wie Deutschland. Andere Länder, wie zum Beispiel die Schweiz, stehen bei Politiken zur Bewegungsförderung eher schlecht da (siehe Public Health Index), zählen jedoch auf Bevölkerungsebene zu den aktivsten Ländern in Europa.“
„Ich würde insgesamt vor allem in die Niederlande und nach Skandinavien schauen: Hier gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine stetige Ausrichtung der Politik auf aktiven Transport, aktive Freizeitgestaltung und Bewegungsförderung in der Schule, an denen sich die deutsche Politik orientieren kann.“
Professorin für Sozialraum und Gesundheit, Hochschule Bochum – University of Applied Sciences
„Der Artikel greift ein sehr relevantes und auch für Deutschland aktuelles Thema auf: die Umsetzung von Strategien für Bewegungsförderung. Derzeit werden in Deutschland die Nationalen Empfehlungen zur Bewegungsförderung überarbeitet und heute, am 9. März 2025, findet hierzu im Bundesgesundheitsministerium ein Workshop statt.“
„Die im Artikel benannten Konzepte und Monitoring-Ansätze haben auch Einfluss auf die deutsche Debatte. So werden insbesondere Strategien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Berichte des Fachjournals ‚The Lancet’ herangezogen, um die Relevanz des Themas zu untermauern. Bedeutend sind auch vor diesem Hintergrund konkrete Möglichkeiten der Bewegungsförderung nach dem Präventionsgesetz (Paragraf 20 des fünften Buchs des Sozialgesetzbuchs). Demnach sind Krankenkassen verpflichtet, Gesundheitsförderung und Prävention in den Lebenswelten von Menschen zu fördern. Es werden also nicht nur ihre Mitglieder persönlich gefördert, sondern auch Maßnahmen in Schulen, Kitas, Betrieben und auch dem Wohnumfeld. Hierzu zählt auch Bewegungsförderung. Der Leitfaden Prävention des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV), der als Grundlage für die Förderung der Krankenkassen dient, bezieht sich mehrfach auf Erkenntnisse der WHO zu Bewegungsförderung.“
„Auf dieser Grundlage sind unterschiedliche Projekte entstanden. So wurden Projekte zur Bewegungsförderung im Rahmen von Projekten der integrierten Stadtentwicklung gefördert. Es fand also eine Zusammenarbeit zwischen Stadterneuerung und Gesundheit statt. In Bochum Wattenscheid wurde mit dem Projekt ‚WAT gesund‘ aufgezeigt, wie Stadterneuerung, Gesundheitsamt und Sportbund unterstützt von Krankenkassen zusammenarbeiten können und Menschen in benachteiligten Städten real in Bewegung bringen [4].“
„Wichtig ist es, Ansätze der Bewegungsförderung in Verwaltungsroutinen zu integrieren. Die Autor:innen beschreiben den Mangel einer zuständigen Behörde als einen Grund. Die Frage ist, was ein spezifisches Ressort, das nicht Bewegung im Titel trägt, zu Bewegungsförderung beitragen kann.“
„Der auch in Deutschland verfolgte Ansatz der WHO einer ‚Health in All Policies‘ oder Gesundheit in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung bietet hier eine Antwort. Diesem Ansatz folgend hat beispielsweise das Land Hessen die Initiative ‚Sportland Hessen‘ ins Leben gerufen.“
„Insgesamt ist das Potenzial der aktiven Mobilität in Deutschland noch zu wenig umgesetzt, welches auch von den Autor:innen als wichtig benannt wird. Die tagesaktuelle Debatte über Spritpreise an den Tankstellen zeigt, dass eine Mobilitätswende vom motorisierten Individualverkehr hin zu aktiver Mobilität viele Ziele erreichen kann: weniger Luft- und Lärmemissionen vor Ort, eine aktive Bevölkerung, weniger Ressourcenverbrauch und global wirksame Emissionen. Die Konzepte sind auch in Deutschland umfangreich, die Umsetzung erfolgt jedoch sehr zögerlich. Die Autor:innen benennen hier klar die Bedeutung kommerzieller Determinanten von Gesundheit als einen weiteren zu betrachtenden Punkt, der in der deutschen Debatte noch nicht ausreichend betrachtet wird.“
„Im ‚Nature‘-Artikel wird klar herausgearbeitet, dass bestehende Konzepte soziale Ungleichheit bei Gesundheit zu wenig adressieren. In einer zunehmend diversen Gesellschaft ist dieser Ansatz, der mittlerweile auch in Deutschland als Community Health bezeichnet wird, zentral.“
„Die Umsetzung von Bewegungsförderung in Deutschland braucht eine Überführung in Verwaltungsroutinen und ein Zusammenspiel verschiedener Akteur:innen. Das Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur kann klar auf Bewegungsförderung bezogen werden, indem in Rad- und Fußwege sowie Spiel-, Bewegungs- und Begegnungsflächen sowie deren Erhalt investiert wird.“
„Die in Entwicklung befindlichen Empfehlungen für Bewegungsförderung des Bundes nehmen klar Bezug auf Umsetzungsmöglichkeiten und binden bereits bei ihrer Entwicklung mögliche Umsetzer:innen ein.“
„Strategien in Bundesländern, wie die Initiative ‚Sportland Hessen‘ oder die in Erarbeitung befindliche ‚Health in All Policies‘-Strategie in Baden-Württemberg, können klare Impulse auch für Bewegungsförderung setzen.“
„Ich habe mit zwei Autoren dieser Studie bereits zusammen publiziert und arbeite aktuell mit diesen zusammen. Daraus erwächst aber für mich kein Interessenkonflikt, insbesondere da sich mein Statement primär auf den deutschen Kontext bezieht.“
„Ich habe keinerlei Interessenkonflikte oder Kontakte zur Industrie. Ich arbeite als Sportsoziologe an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg an Projekten zur Bewegungsförderung.“
„Es bestehen keine Interessenkonflikte, ich möchte jedoch folgende Punkte klarstellen: Ich war an der Studie von Ramirez et al. nicht als Autor beteiligt, wurde aber für den Artikel als Experte interviewt. Zudem kooperiere ich mit den meisten Autor*innen seit Jahren im Rahmen verschiedener Projekte und Publikationen. Außerdem war ich an der Entwicklung des unten erwähnten Public Health Index des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums sowie am Update der Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung als Experte beteiligt und habe hierfür jeweils ein Honorar erhalten.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Primärquelle
Varela AR et al. (2026): Low global physical activity despite two decades of policy progress. Nature Health. DOI: 10.1038/s44360-025-00044-3.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Rütten A et al. (2017): Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung. BZgA: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Sonderheft 03.
[2] Birkholz L et al. (2026): Bestandsaufnahme zu politischen Maßnahmen der Bewegungsförderung in Deutschland. Eine Analyse anhand des Politikindex für bewegungsförderliche Lebenswelten (Physical Activity Environment Policy Index, PA-EPI). Stand Februar 2026.
[3] Messing S et al. (2025): Bewegung und Bewegungsförderung in Deutschland – Ein Überblick. Journal of Health Monitoring. DOI: 10.25646/13544.
[4] Böhme C et al. (2023): Gemeinsam planen für eine gesunde Stadt – Empfehlungen für die Praxis. Umweltbundesamt.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] AOK-Bundesverband und Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): Public Health Index 2025. Stand: November 2025.
[II] Salvo D et al. (2026): Physical activity for public health in the 21st century. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04237-5.
[III] Hinckson E et al. (2026): Benefit of physical activity initiatives for climate change mitigation and adaptation. Nature Health. DOI: 10.1038/s44360-026-00057-6.
Dr. Sven Messing
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im WHO-Kooperationszentrum für Bewegung und Gesundheit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe mit zwei Autoren dieser Studie bereits zusammen publiziert und arbeite aktuell mit diesen zusammen. Daraus erwächst aber für mich kein Interessenkonflikt, insbesondere da sich mein Statement primär auf den deutschen Kontext bezieht.“
Prof. Dr. Sven Schneider
Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit am Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin, Universität Heidelberg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keinerlei Interessenkonflikte oder Kontakte zur Industrie. Ich arbeite als Sportsoziologe an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg an Projekten zur Bewegungsförderung.“
Prof. Dr. Peter Gelius
Tenure-Track-Assistenzprofessor am Institut für Sportwissenschaften, Universitätsspital Lausanne, Schweiz
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Es bestehen keine Interessenkonflikte, ich möchte jedoch folgende Punkte klarstellen: Ich war an der Studie von Ramirez et al. nicht als Autor beteiligt, wurde aber für den Artikel als Experte interviewt. Zudem kooperiere ich mit den meisten Autor*innen seit Jahren im Rahmen verschiedener Projekte und Publikationen. Außerdem war ich an der Entwicklung des unten erwähnten Public Health Index des AOK-Bundesverbandes und des Deutschen Krebsforschungszentrums sowie am Update der Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung als Experte beteiligt und habe hierfür jeweils ein Honorar erhalten.“
Prof. Dr. Heike Köckler
Professorin für Sozialraum und Gesundheit, Hochschule Bochum – University of Applied Sciences