Nutzen und Risiken des Mammographie-Screenings für Frauen ab 45 Jahren
Gemeinsamer Bundesausschuss beschließt Kostenerstattung des Screenings für jüngere Frauen
Einfluss der Mammographie auf die Brustkrebssterblichkeit ist je nach Alter verschieden, ebenso die Risiken
insgesamt überwiege der Nutzen, sagen Forschende; sie dringen aber auch auf eine umfassende Aufklärung
Das Mammographie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs ist eine der bekanntesten Untersuchungen für Frauen. Ab 2005 eingeführt, kann es dazu beitragen, dass Frauen seltener an Brustkrebs versterben. Bislang können Frauen zwischen 50 und 75 Jahren die Röntgenuntersuchung alle zwei Jahre auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen durchführen lassen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) hat nun beschlossen, dass dies auch bereits ab 45 Jahren möglich sein soll. Einer Metaanalyse des Bundesamts für Strahlenschutz zufolge kann durch die Mammographie bei Frauen ab 45 Jahren die Brustkrebssterblichkeit um 18 bis 25 Prozent gesenkt werden . Als Selbstzahlerleistung ist die Untersuchung ab 45 seit März dieses Jahres zulässig . Seit Juli 2024 gilt eine Erweiterung von 70 auf 75 Jahre .
Die Entscheidung des GBAs ist nicht trivial, denn Nutzen und Risiko der Mammographie unterscheiden sich je nach Alter der Frauen . Je älter die Frauen sind, desto eher erkranken sie an Brustkrebs und desto eher hat die Früherkennungsuntersuchung einen relevanten Effekt auf die Sterblichkeit bei Brustkrebs. Bei jüngeren Frauen ist Brustkrebs seltener – dadurch sinkt der sogenannte positiv prädiktive Wert, der in diesem Fall angibt, wie wahrscheinlich bei einem auffälligen Befund tatsächlich Brustkrebs vorliegt. Bei gleicher Testqualität sind dann unter den auffälligen Befunden anteilig mehr Fehlalarme, weil es weniger echte Erkrankungsfälle gibt.
Direktor der Frauenklinik und Leiter des Brustzentrums sowie des Genitalkrebszentrums, Universitätsklinikum Würzburg
Nutzen der Mammographie für Frauen ab 45
„Der relative Nutzen für Frauen, die vor dem 50. Lebensjahr oder nach dem 69. Lebensjahr gescreent werden, ist ähnlich wie bei Frauen im Alter von 50 bis 69 Jahren belegt. Ältere Frauen haben dabei ein höheres Risiko für Überdiagnosen, jüngere Frauen sind einem höheren strahlenbedingten Risiko ausgesetzt. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen sowohl über die potenziellen Vorteile als auch über die Risiken gut informiert werden, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.“
„Eine Metaanalyse von Studien zur Brustkrebsmortalität aus dem Jahr 2023 enthält die Daten von 369.940 Frauen, die bei Studienbeginn unter 50 Jahre alt waren, davon waren 164.411 Frauen in der Screening-Gruppe . Während der Nachbeobachtungszeit von circa zehn Jahren traten insgesamt in der Screening-Gruppe 378 und in der Kontrollgruppe 556 Brustkrebstodesfälle auf. Es zeigt sich damit eine statistisch signifikante relative Reduktion der Brustkrebsmortalität von 18 Prozent. In einer vergleichenden Gruppe von Frauen, die über 70 Jahre alt waren, dürfte die Risikoreduktion durch Screening mit rund 28 Prozent etwas besser sein.“
Strahlenbelastung ab 45 Jahren
„Die Strahlenbelastung einer Mammographie auf den Körper ist insgesamt als niedrig einzuordnen. Eine komplette Untersuchung entspricht etwa 0,2 bis 0,4 Millisievert – das ist deutlich weniger als die jährliche natürliche Strahlenbelastung und entspricht einer natürlichen Exposition von mehreren Wochen. Ein strahlenbedingtes Risiko lässt sich nicht vollständig ausschließen, ist aber sehr gering. Wichtig sind hier die Aufklärung und die Summation über die Lebensjahre hinweg sowie die Tatsache, dass jüngere Frauen ein strahlensensitiveres Gewebe haben.“
Diagnostik je nach Brustgewebe
„Die deutsche S3-Leitlinie und internationale Empfehlungen unterscheiden zwischen der Abklärung eines konkreten Befundes und zusätzlichen Untersuchungen im Screening: Für asymptomatische Frauen mit dichtem Brustgewebe ist der Nutzen einer routinemäßigen zusätzlichen MRT oder Sonographie hinsichtlich patientenrelevanter Endpunkte wie der Brustkrebsmortalität noch nicht abschließend geklärt. Daher ist und bleibt die Mammographie aktuell die relevante Basisuntersuchung, die nur im Einzelfall mit weiterer Diagnostik komplettiert wird.“
Bedeutung der Abtastuntersuchung
„Ein Gespräch ist essenziell, insbesondere um den Nutzen und das Risiko der Maßnahmen zu besprechen. Eine alleinige fachkundige Tastuntersuchung der Brust reicht bei deutlich verbesserter Diagnostik heute nicht mehr aus – weder im Screening noch zur Abklärung von neuen Befunden. Sie kann nur der ersten Orientierung und Einordnung dienen.“
Aktualität der Studienlage
„Therapeutische Entwicklungen der letzten Jahre verbessern die Prognose auch bei später diagnostiziertem Brustkrebs und könnten damit den absoluten Zusatznutzen des Mammographie-Screenings verringern. Gleichzeitig wird eine frühzeitige Diagnose fortgeschrittene Erkrankungen verhindern. In welchem Umfang das Screening damit zusätzliche Todesfälle verhindert, lässt sich daher nicht allein aus historischen Studien oder verbesserten Überlebensraten ableiten.“
Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen, und zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)
Nutzen der Mammographie für Frauen ab 45 Jahren
„Auch für Frauen unter 50 Jahren haben Auswertungen der Screening-Studien Mortalitätsvorteile ergeben, die eine Senkung der Altersgrenzen für das Screening nahelegen. In den Studien konnten zwar nicht immer genau die passenden Altersgruppen ausgewertet werden, für die Frauen unter 50 Jahren insgesamt wurden aber eine ähnliche Größenordnung der Mortalitätsreduktion wie für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren gefunden.“
Strahlenbelastung ab 45
„Die Strahlenrisiken sind als geringfügig höher als bei älteren Frauen einzuschätzen, daher ist die Schaden-Nutzen-Abwägung etwas ungünstiger für die jüngere Altersgruppe, aber immer noch deutlich positiv.“
Diagnostik je nach Brustgewebe
„Die höhere Brustdichte erschwert die radiologische Analyse im Rahmen des Screenings in gewissem Maße, die digitale Mammographie bleibt aber das Verfahren der Wahl. Es liegt bei den Zentren sehr viel Erfahrung mit dieser Methodik und ihrer Qualität vor.“
Bedeutung der Abtastuntersuchung
„Die Abtastuntersuchung ist kein Verfahren für ein systematisches Screening, dazu ist sie zu wenig sensitiv. Tastbare Knoten sind oft größer als das, was in der radiologischen Untersuchung gesehen werden kann. Allerdings bleibt es eine einfache, selbst durchführbare Untersuchung, die das Körpergefühl stärkt. Sie hilft, Veränderungen – auch andere als Krebs – zu entdecken und ist zwischen den Mammographie-Screenings nützlich, um bei schnell wachsenden Tumoren dennoch möglichst frühzeitig Diagnostik und Behandlung einzuleiten.“
Aktualität der Studienlage
„Die randomisierten Wirksamkeitsstudien sind in der Tat schon überwiegend älter, allerdings konnte auch die aktuelle Evaluation des Mammographie-Screening-Programms in Deutschland, durchgeführt mit unterschiedlichen Datenbeständen und modernen statistisch-epidemiologischen Ansätzen, eine Mortalitätsreduktion in Zeiten moderner Mammographie-Geräte und verbesserter Therapien aufzeigen .“
Leiter des Ressorts Nichtmedikamentöse Verfahren, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Köln
Nutzen der Mammographie für Frauen ab 45 Jahren
„In unserem Bericht (S21-01) haben wir 2022 herausgearbeitet, dass Frauen zwischen 45 und 49 Jahren durch eine Teilnahme am Mammographie-Screening ihr Risiko, an Brustkrebs zu versterben, reduzieren können . Auch wenn wir acht randomisierte Studien analysieren konnten, ist dieses positive Fazit aber etwas unsicher. Denn der Effekt der Früherkennung ist sehr klein und muss gegenüber den Nachteilen abgewogen werden. Bereits jetzt gilt: Wenn 1000 Frauen ab dem Alter von 50 Jahren regelmäßig zur Mammographie gehen, werden nur etwa drei bis acht vor dem Tod durch Brustkrebs bewahrt. Da Brustkrebs vor dem 50. Geburtstag seltener ist als danach, ist der Effekt der Früherkennung auf die Brustkrebssterblichkeit nochmals kleiner. Jede Frau sollte also für sich abwägen, ob man angesichts des sehr kleinen Mortalitätsvorteils die Nachteile der Früherkennung in Kauf nehmen will.“
Strahlenbelastung ab 45
„Das Bundesamt für Strahlenschutz hat dies 2023 nachgerechnet und hält die Strahlenbelastung für das Brustgewebe (2,7 Millisievert pro Screening-Runde) für vertretbar . Demnach verhindert die Mammographie ab dem 45. Lebensjahr etwa 35-mal so viele Brustkrebstodesfälle wie sie verursacht. Eine Mammographie vor dem 45. Lebensjahr wird aber kritisch gesehen.“
Diagnostik je nach Brustgewebe
„Derzeit bietet die Mammographie eine gute, qualitätsgesicherte Früherkennung – auch für viele Frauen unter 50. Bei dichtem Brustgewebe aber kommt die Mammographie an ihre Grenzen. Seit Ende 2024 prüft das Bundesamt für Strahlenschutz die digitale Tomosynthese als mögliche Ergänzung. Zu den häufig in diesem Zusammenhang diskutierten Verfahren MRT (Magnetresonanztomographie) bei dichtem Brustgewebe und Ultraschall zur Brustkrebsfrüherkennung ist die Datenlage aktuell noch sehr dünn.“
Bedeutung der Mammographie zur Reduktion der Sterblichkeit
„Das Überleben mit Brustkrebs ist heute etwas länger als noch vor einigen Jahren. Dieser Vorteil kommt aber allen Frauen mit Brustkrebs in ähnlicher Weise zugute, sodass sich der Unterschied zwischen Früherkennungs- und Symptom-gefundenen Brustkrebsfällen über die Jahre hinweg wahrscheinlich nur wenig geändert hat. Auch sind wir weit entfernt davon, dass wir die Früherkennung aufgeben und uns ganz auf die Therapie verlassen können.“
„Ich koordiniere die deutsche S3-Leitlinie Brustkrebs. Zu der befragten Thematik habe ich aber keine Interessenkonflikte.“
„Ich bin stellvertretender Vorsitzender der Strahlenschutzkommission SSK und habe als Experte an einer Arbeitsgruppe des Bundesamts für Strahlenschutz zur Beurteilung der Absenkung der Altersgrenze beim Mammographie-Screening mitgewirkt.“
Alle anderen: Keine Angaben erhalten
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[] Bundesamt für Strahlenschutz (2025): Evaluation der Brustkrebsmortalität im deutschen Mammographie-Screening-Programm. Ressortforschungsberichte zum Strahlenschutz.
[] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2022): Überprüfung der Altersgrenzen im Mammografie-Screening-Programm.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[] Bundesamt für Strahlenschutz (2023): Brustkrebsfrüherkennung mittels Röntgenmammographie bei Frauen unter 50 Jahren. Wissenschaftliche Bewertung des Bundesamtes für Strahlenschutz gemäß § 84 Absatz 3 Strahlenschutzgesetz.
[] Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (04.03.2026): Brustkrebs-Früherkennung künftig für Frauen ab 45 zulässig. Pressemitteilung.
[] Science Media Center (2023): Neue Altersgrenze für Mammographie-Screening. Statements. Stand: 12.06.2023.
[] Canelo-Aybar C et al. (2021): Benefits and harms of breast cancer mammography screening for women at average risk of breast cancer: A systematic review for the European Commission Initiative on Breast Cancer. Journal of Medical Screening. DOI: 10.1177/0969141321993866.
[] Independent UK Panel on Breast Cancer Screening (2012): The benefits and harms of breast cancer screening: an independent review. The Lancet. DOI: 10.1016/S0140-6736(12)61611-0.
[] Caswell-Jin JL et al. (2024): Analysis of Breast Cancer Mortality in the US—1975 to 2019. Jama. DOI: 10.1001/jama.2023.25881.
Prof. Dr. Achim Wöckel
Direktor der Frauenklinik und Leiter des Brustzentrums sowie des Genitalkrebszentrums, Universitätsklinikum Würzburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich koordiniere die deutsche S3-Leitlinie Brustkrebs. Zu der befragten Thematik habe ich aber keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Hajo Zeeb
Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS), Bremen, und zweiter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin stellvertretender Vorsitzender der Strahlenschutzkommission SSK und habe als Experte an einer Arbeitsgruppe des Bundesamts für Strahlenschutz zur Beurteilung der Absenkung der Altersgrenze beim Mammographie-Screening mitgewirkt.“
Prof. Dr. Stefan Sauerland
Leiter des Ressorts Nichtmedikamentöse Verfahren, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Köln