OpenAI-Modell nutzt Schwachstelle in Testumgebung aus
KI-System von OpenAI hat laut dem Unternehmen während eines internen Tests Sicherheitsvorkehrungen überwunden und versucht, auf die IT-Infrastruktur der Plattform Hugging Face zuzugreifen
Cyberangriffe durch agentische KI gewinnen an Bedeutung – umso wichtiger sind sichere Testumgebungen, um die Fähigkeiten der Modelle zu evaluieren
Forscher: Modell hat wohl erwartbar und nach Anweisung gehandelt; Vorfall spiegelt Kapazitäten neuer Modelle wider
Ein KI-System von OpenAI hat sich anscheinend während eines internen Tests Internetzugang verschafft und die Testumgebung überwunden. Das teilte das Unternehmen am Dienstagabend mit [I]. Der Vorfall sei bereits vergangene Woche während einer Evaluierung der Cyberfähigkeiten mehrerer Modelle passiert – darunter GPT‑5.6 Sol und ein noch unveröffentlichtes Modell. Das KI-System fand laut Angaben von OpenAI eine bis dato unbekannte Schwachstelle in dem Code der „Sandbox“, dem Testumfeld, das eigentlich eine kontrollierte Umgebung mit nur sehr eingeschränktem Internetzugang stellen sollte. Es nutze diese Schwachstelle aus und konnte so ohne Restriktionen auf das Internet zugreifen. Die agentische KI hätte daraufhin versucht, illegal Zugang zu Daten der Internetplattform Hugging Face zu erlangen. Hugging Face hatte den Versuch bereits am 16.07.2026 dokumentiert [II].
Laut OpenAI hatten die Entwickelnden der KI Aufgaben aus dem Benchmark ExploitGym [III] gestellt. Darin sind Probleme enthalten, die testen sollen, wie gut KI-Systeme eigenständig Sicherheitslücken in Code finden und ausnutzen können. OpenAI gibt außerdem an, dass während solcher Tests modellinterne Sicherheitsvorkehrungen teilweise bewusst nicht angewendet werden, um die maximalen Fähigkeiten der KIs zu überprüfen. In diesem Fall habe man den Modellen explizit den Auftrag gegeben, mit allen Mitteln fortgeschrittene Cyberangriffe auszuführen. Auf der Plattform Hugging Face liegen diverse Datensätze zu bekannten Benchmarks – inklusive derer Lösungen. Nachdem sie sich Internetzugang verschafft hatten, versuchten die KIs, die Sicherheitsvorkehrungen von Hugging Face zu umgehen, um an die Lösungen für ExploitGym zu kommen.
Leiter der Forschungsgruppe „Safety- & Efficiency-aligned Learning“, ELLIS Institut Tübingen, und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Tübingen
Einordnung des Vorfalls
„Der Vorfall ist ein interessantes, anschauliches Beispiel der starken offensiven Cyberkapazitäten neuerer Modelle. Eine wichtige Information zur Einordnung ist, dass die Modelle technisch gesehen nach Anweisungen gehandelt haben. Das steht auch in dem zweiten OpenAI Report [1] für einen ähnlichen Vorfall. Die Anweisungen waren aber teilweise ungenau formuliert oder hatten diese Strategie nicht explizit ausgeschlossen.“
„Im berichteten Fall war das Modell damit beschäftigt, ein Problem aus dem Benchmark ‚ExploitGym‘ [III] zu lösen. Es war also ein expliziter Test der Fähigkeiten des Modells, Sicherheitslücken zu finden.“
Grundsätzliche Sicherheit von Testumgebungen
„Diese Berichte zeigen, dass in der Sicherheit der Testumgebungen, in denen diese Modelle getestet und eingesetzt werden, viel mehr Arbeit geleistet werden muss. Langfristig ist auch die Frage spannend, inwiefern diese Vorfälle ein ‚Alignment‘-Problem sind, also eine Frage über die Fähigkeit und Motivation der Modelle, Aufgabenstellungen im Einklang mit menschlichen Wertesystemen und Erwartungen zu erfüllen.“
Leiter des Lehrstuhls für Maschinelles Lernen und Sicherheit, Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data (BIFOLD), Technische Universität Berlin
Einordnung des Vorfalls
„Der aktuelle Vorfall bei OpenAI zeigt erneut, wie leistungsfähig KI-Modelle im Bereich der IT-Sicherheit inzwischen sind. Spektakulär ist er deshalb aber nicht. Ähnliche Vorfälle gibt es schon seit einer Weile. Wer prüfen will, wie gut ein KI-Modell Schwachstellen in Software findet, muss sicherstellen, dass die Testumgebung selbst keine Schwachstellen enthält. Andernfalls findet und nutzt das Modell eben auch diese. Genau das ist bei OpenAI passiert.“
„Im Kern gilt: Schwachstellen können nur behoben werden, wenn man sie auch findet. Daher sind die Fähigkeiten der aktuellen KI-Modelle eigentlich eine gute Nachricht für die IT-Sicherheit.“
Grundsätzliche Sicherheit von Testumgebungen
„Wichtig ist allerdings, dass KI-Modelle unter kontrollierten Bedingungen getestet werden. Dass ein Modell aus seiner Testumgebung ausbricht, ist zwar gute PR. Es stellt sich aber die Frage, warum die Testumgebung nicht zuvor mit dem KI-Modell selbst auf Schwachstellen untersucht wurde. Das halte ich für eine Nachlässigkeit.“
Departmental Lecturer, Oxford Internet Institute, University of Oxford, Vereinigtes Königreich
Einordnung des Vorfalls
„Dieser Vorfall zeigt sehr deutlich zwei konkrete Risiken fähiger KI: Erstens greifen KI-Modelle, wenn wir ihnen ein Ziel setzen, potenziell zu allen möglichen Mitteln, um dieses Ziel zu erreichen. Zweitens sind die fähigsten KI-Modelle heute sehr gut darin, Sicherheitslücken in Software zu finden und auszunutzen. Beide Risiken sind nicht neu, aber sie sind bisher noch nie in dieser Deutlichkeit gemeinsam aufgetreten.“
„Wichtig zu erwähnen ist, dass für den Test die üblichen Schutzmaßnahmen abgeschaltet waren, die die Modelle normalerweise davon abhalten, gezielt nach Sicherheitslücken zu suchen. Zudem bestanden die Aufgaben in der Testumgebung selbst darin, Cyberangriffe durchzuführen.“
„Für eine tiefergehende Analyse müsste man genauer wissen, wie die Modelle instruiert wurden und wie die Testumgebung aufgebaut war.“
Weitere Implikationen
„Insgesamt glaube ich, dass dieser Vorfall der Debatte über einen möglichen KI-Kontrollverlust (‚loss of control‘) mehr Aufwind geben wird. Modellentwickler werden mehr in die Sicherheit ihrer Testumgebungen investieren, um ähnliche Vorfälle zu vermeiden. Die Forschung wird weiter daran arbeiten, KI-Modelle besser nach vorgegebenen Zielen auszurichten (‚alignment‘). Ansonsten gilt, was spätestens seit der Veröffentlichung von Mythos klar war: Starke KI schafft größere Cyberrisiken. Vor allem dann, wenn der Zugang dazu ungleich verteilt ist.“
Leiter der Forschungsgruppe „AI Safety and Alignment“, ELLIS – European Laboratory for Learning and Intelligent Systems, und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Tübingen
Einordnung des Vorfalls
„Es wäre ein Fehler, diesen Vorfall einfach als PR-Stunt abzutun. Misalignment (Alignment: der Versuch, KI so zu gestalten, dass sie nach vorgegebenen Werten handelt; Anm. d. Red.) und Kontrollverlust sind keine hypothetischen Szenarien mehr: Sie sind bereits mögliche Ergebnisse des Einsatzes der aktuellen autonomen Agenten ohne ausreichende Aufsicht.“
„Auch wenn wir noch auf weitere Details zu diesem Vorfall warten, liegt das Kernproblem mit ziemlicher Sicherheit im stark zielorientierten Verhalten von LLM-basierten Agenten. Der von einem OpenAI-Forscher betriebene Agent versuchte, eine Benchmark-Aufgabe um jeden Preis zu lösen – ohne Rücksicht auf die negativen Folgen seines Handelns.“
„Dies ist kein neues Phänomen: Es steht im Einklang mit früheren Beobachtungen. Beispielsweise dem von Anthropic dokumentierten zielgerichteten Verhalten [2] bei der Lösung einer anspruchsvollen Benchmark. Wir haben ähnliche Tendenzen bei Benchmarks beobachtet, die unsere Forschungsgruppe entwickelt hat, etwa bei PostTrainBench [3] oder InferenceBench [4]. Je leistungsfähiger Agenten werden, desto eher finden sie unerwartete Wege, um die Ziele zu erreichen, die Nutzer ihnen gesetzt haben. Daher ist davon auszugehen, dass solche Vorfälle in Zukunft häufiger auftreten werden.“
Ursache für Vorfälle wie diesen
„Die Hauptursachen für solche Vorfälle werden in der KI-Sicherheitscommunity schon seit Langem diskutiert. Für weitere Informationen zu Misalignment und Kontrollverlust empfehle ich die entsprechenden Abschnitte des ‚International AI Safety Report‘ [5]. Er wurde unter der Leitung des Turing-Preisträgers Yoshua Bengio erstellt. Insbesondere Abschnitt 2.2 (‚Risiken durch Fehlfunktionen‘) enthält einen aktuellen wissenschaftlichen Konsens zu diesem Thema.“
„Keine Interessenkonflikte.“
„Kein Interessenkonflikt.“
„Im September dieses Jahres verlasse ich Oxford, um in Deutschland eine Forschungsgruppe zu KI-Sicherheit aufzubauen. Bis September bin ich neben meiner Tätigkeit als Departmental Lecturer in Oxford außerdem als Research Scientist am UK AI Security Institute angestellt.“
„Ich bin Berater bei Exponential Security Labs, einem Start-up, das wir gegründet haben, weil wir davon ausgegangen sind, dass die Sicherheit von Agenten zu einem wichtigen Thema werden würde.“
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Center (2026): Wie verändert künstliche Intelligenz Cybersicherheit? Press Briefing. Stand: 13.05.2026.
Science Media Center (2026): Anthropics KI-Modell schürt Angst vor Cyberangriffen. Statements. Stand: 09.04.2026.
Science Media Center (2026): Anordnung der US-Regierung: Anthropic schränkt Zugang zu neuen KI-Modellen ein. Statements. Stand: 15.06.2026.
Abdelnabi S et al. (2026): Measuring Security Without Fooling Ourselves: Why Benchmarking Agents Is Hard. Arxiv.
Hinweis der Redaktion: Es handelt sich hierbei um eine Vorabpublikation, die noch keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen und damit noch nicht von unabhängigen Expertinnen und Experten begutachtet wurde.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] OpenAI (20.07.2026): Safety and alignment in an era of long-horizon models.
[2] Coleman R et al. (06.03.2026): Eval awareness in Claude Opus 4.6’s BrowseComp performance. Anthropic.
[3] Rank B et al. (2026): PostTrainBench. Benchmark für KI-Agenten.
[4] Yeon J et al. (2026): Benchmarking Open-Ended Inference Optimization by AI Agents. Benchmark für KI-Agenten.
[5] Bengio Y et al. (2026): International AI Safety Report 2026. Übersichtsarbeit eines internationalen Forschungskomitees.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] OpenAI (21.07.2026): OpenAI and Hugging Face partner to address security incident during model evaluation.
[II] Hugging Face (16.07.2026): Security incident disclosure — July 2026.
[III] Wang Z et al. (2026): ExploitGym: Can AI Agents Turn Security Vulnerabilities into Real Attacks? Arxiv. Preprint zum ExploitGym-Benchmark.
Hinweis der Redaktion: Es handelt sich hierbei um eine Vorabpublikation, die noch keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen und damit noch nicht von unabhängigen Expertinnen und Experten begutachtet wurde.
Dr. Jonas Geiping
Leiter der Forschungsgruppe „Safety- & Efficiency-aligned Learning“, ELLIS Institut Tübingen, und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Tübingen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Keine Interessenkonflikte.“
Prof. Dr. Konrad Rieck
Leiter des Lehrstuhls für Maschinelles Lernen und Sicherheit, Berlin Institute for the Foundations of Learning and Data (BIFOLD), Technische Universität Berlin
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Kein Interessenkonflikt.“
Dr. Paul Röttger
Departmental Lecturer, Oxford Internet Institute, University of Oxford, Vereinigtes Königreich
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Im September dieses Jahres verlasse ich Oxford, um in Deutschland eine Forschungsgruppe zu KI-Sicherheit aufzubauen. Bis September bin ich neben meiner Tätigkeit als Departmental Lecturer in Oxford außerdem als Research Scientist am UK AI Security Institute angestellt.“
Maksym Andriushchenko, Ph.D.
Leiter der Forschungsgruppe „AI Safety and Alignment“, ELLIS – European Laboratory for Learning and Intelligent Systems, und Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Tübingen
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin Berater bei Exponential Security Labs, einem Start-up, das wir gegründet haben, weil wir davon ausgegangen sind, dass die Sicherheit von Agenten zu einem wichtigen Thema werden würde.“