Medizin und Lebenswissenschaften

Statements

23. März 2020

Philosophen zum Umgang mit COVID-19 und politischen Maßnahmen

  • Viele Maßnahmen zielen darauf ab, das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen zu bringen (Shutdown). Es sind gravierende, im Einzelnen noch nicht absehbare Folgen für den eigenen Lebensstandard und den Fortbestand des bis dato vertrauten gesellschaftlichen Lebens zu erwarten. Unter welchen Bedingungen ist es vernünftig, maximal invasive Maßnahmen in komplexen Systemen anzuordnen, wenn zugleich unklar ist, welche nationalen und globalen Auswirkungen das zeitigen wird? Gebietet die Komplexität von Systemen immer minimalinvasive Maßnahmen, wenn die Effekte nicht weitgehend oder gar vollständig zu überblicken sind? Oder sind minimalinvasive Eingriffe moralisch zu problematisch, weil sie am Ende nicht bewirken können, was zum Schutz des Lebens aktuell dringend geboten wäre?

  • Einige Staaten wie Großbritannien oder die Niederlande haben (zeitweise) andere Strategien des Umgangs mit der Pandemie verfolgt, die auf einen raschen Ausbau der Herdenimmunität zielten. Ist es ethisch vertretbar, große Kollektive in dieser Form einem Krankheitsrisiko auszusetzen? Sind die dadurch dennoch zu erwartenden Todesfälle in der gezielt infizierten Gruppe moralisch problematischer, weil sie Opfer einer bewussten staatlichen Entscheidung sind, als wenn sie Opfer des mehr oder weniger gelenkten viralen Ausbreitungsgeschehens geworden wären?

  • In Italien sind so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert, dass in Krankenhäusern Engpässe bei der medizinischen Intensivversorgung von Patienten auftreten (Triage-Probleme). Nach welchen ethischen Grundsätzen sollten diese Triage-Probleme gelöst werden, die unter Umständen auch in Deutschland auftauchen werden, sollte die Zahl der Schwerkranken in kurzer Zeit sehr stark ansteigen? Eine aktuelle Richtlinie der Italienischen Gesellschaft für Anästhesie, Schmerztherapie, Reanimation und Intensivmedizin empfiehlt, medizinische Leistungen so zuzuteilen, dass jene bevorzugt werden, die im Anschluss an die medizinische Intervention über die vermutlich meiste Lebenszeit verfügen. Damit werden älteren Menschen systematisch zu Gunsten jüngerer Menschen Leistungen vorenthalten. Ist das eine ethisch sinnvolle Empfehlung? Welche Alternativen dazu sind denkbar?