Schwellenwerte für Cannabiskonsumstörung
Forschende beschreiben Schwellenwerte für Cannabiskonsum, ab denen Personen in der Regel eine Cannabiskonsumstörung entwickeln
Schwellenwerte werden anhand von Einnahmeeinheiten („Units”) festgelegt, die beispielsweise für Alkohol bereits existieren und den Konsum quantifizierbar machen
Forschende diskutieren Potenzial und Schwierigkeiten solcher Einheiten und Schwellenwerte
Die Menge des Cannabiskonsums wirkt sich auf das Risiko aus, eine Cannabiskonsumstörung zu entwickeln. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Großbritannien in einer Studie, die im Fachjournal „Addiction“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle). Das Team identifizierte sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene Schwellenwerte, die zwischen einem noch nicht klinisch relevanten und einem krankhaften Konsum unterscheiden.
Die Cannabiskonsumstörung beschreibt laut dem US-amerikanischen Diagnosemanual DSM-5 eine problematische Art des Cannabiskonsums, bei dem beispielsweise mehr Cannabis als beabsichtigt konsumiert wird und wichtige Verpflichtungen vernachlässigt werden. Verschiedene Faktoren – wie Konsumform und -motive sowie die Potenz des konsumierten Produkts – können das Risiko dieser Störung beeinflussen. Bislang gibt es jedoch kaum wissenschaftlich belegte Anhaltspunkte dafür, welches Ausmaß des Cannabiskonsums wie risikoreich ist. Eine Forschungsgruppe aus Großbritannien hat nun untersucht, ab welcher wöchentlichen Menge Tetrahydrocannabinol (THC) – der psychoaktiven Substanz im Cannabis – eine Cannabiskonsumstörung eintritt. Dabei quantifiziert sie den THC-Konsum über Einnahmeeinheiten – sogenannte „Units“. Eine Unit entspricht dabei fünf Milligramm THC [I]. Für Alkohol sind solche Units und riskante Konsummengen bereits etabliert [II].
Arbeitsgruppenleiter „Substanzkonsum und Public Health“ am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Methodik und Aussagekraft der Studie
„Die Stärke der Studie liegt im längsschnittlichen Design. Zwei methodische Eigenschaften schwächen wiederum die Aussagekraft der Studie: Zum einen die kleine Stichprobe. Zum anderen, dass nicht bekannt war, wie viel THC die konsumierten Produkte wirklich enthielten. Der THC-Gehalt wurde mithilfe externer Datenquellen imputiert (fehlende Werte werden anhand weiterer Daten abgeschätzt; Anm. d. Red.) (siehe Tabelle 1). Es ist bekannt, dass die Konsumfrequenz eine zentrale Determinante für das Risiko einer Cannabiskonsumstörung ist. Daher würde mich interessieren, inwiefern der THC-Gehalt über die Frequenz hinweg relevant war. Das lässt sich auf Basis der verfügbaren Materialien jedoch nicht beurteilen beziehungsweise ich kann nicht prüfen, ob dies untersucht wurde.“
Bedeutung von Schwellenwerten
„Schwellenwerte sind grundsätzlich sehr nützlich, um Gesundheitsrisiken zu kommunizieren. Das ist uns auch aus den Bereichen Ernährung und Alkoholkonsum bekannt. Grundsätzlich besteht bei Schwellenwerten jedoch auch die Gefahr, dass ein Konsum unterhalb des Schwellenwertes als harmlos oder gar gesundheitsfördernd interpretiert wird. Dabei erleben manche Personen bereits bei einer geringen Konsummenge unangenehme, akute Zustände wie Angst oder psychotische Symptome. In seltenen Fällen sind diese behandlungsbedürftig. Hinzu kommt, dass auch bei geringer Konsummenge die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt sein kann. Für die Verkehrssicherheit sind diese Schwellenwerte also nicht geeignet.“
THC als Indikator für die „Gefährlichkeit“ von Cannabisprodukten
„Im Gegensatz zu Alkohol oder den meisten anderen Drogen enthält Cannabis viele verschiedene Wirkstoffe. THC ist sicherlich der relevanteste dieser Wirkstoffe, weshalb der Fokus auf diese Substanz für die Risikokommunikation auch gerechtfertigt ist.“
„Die subjektive Wirkung und das Risikopotenzial von Cannabis werden allerdings nicht nur durch den THC-Gehalt, sondern auch durch andere Wirkstoffe (Cannabinoide) sowie durch die Konsumform und den damit verbundenen Metabolismus beeinflusst. Im Vergleich zur Inhalation wirkt die gleiche Menge THC beispielsweise in Form einer cannabishaltigen Backware sehr viel stärker, wenn sie oral eingenommen wird.“
Wirksamkeit von Units
„In der Forschung wird der Alkoholkonsum in der Bevölkerung durch sogenannte Standarddrinks erhoben und so international vergleichbar gemacht. So ist bekannt, dass eine 0,5 Liter Flasche Bier etwa zwei Standarddrinks enthält. Rauschtrinken, also sechs Standarddrinks bei einer Gelegenheit, gehen mit einem stark erhöhten Risiko von Verletzungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Dieses Wissen hat sich in der deutschen Allgemeinbevölkerung vermutlich kaum etabliert, allerdings kenne ich auch keine genauen Daten hierzu.“
„In Großbritannien wurden vor ein paar Jahren die, Low-Risk Drinking Guidelines‘ angepasst. Die Ankündigung dieser Änderung ging nicht mit einem stark veränderten Konsumverhalten einher [1]. Das Wissen über die Risiken des Konsums stellt jedoch nur eine von mehreren Determinanten für den Konsum selbst dar. Es konkurriert mit anderen Determinanten, unter anderem mit Werbung für die Substanz. Daher kann ein risikoarmer Konsum in der Bevölkerung meiner Meinung nach nur durch ein Zusammenspiel von Verhältnis- und Verhaltensprävention (Präventionsmaßnahmen, die beim individuellen Verhalten – Verhaltensprävention – oder bei der Umgebung – Verhältnisprävention – ansetzen; Anm. d. Red.) erreicht werden.“
Umsetzbarkeit und Kommunikation von Units
„Die Umsetzung eines Unit-Systems wäre als dritter Schritt sehr sinnvoll. Als Erstes haben wir seit kurzem Empfehlungen für einen risikoarmen Umgang mit Cannabis von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Zweitens brauchen wir eine wissenschaftlich robuste, aber auch allgemein verständliche Definition von riskantem Cannabiskonsum. Einen entsprechenden Vorschlag haben meine Kollegen und ich unterbreitet [2]. Auf Basis dieser Definition können auch THC-Units und Schwellenwerte etabliert werden. Meiner Meinung nach wird es mit der aktuell geltenden Regulierung aber zu keiner flächendeckenden Kommunikation von THC-Units kommen, da Konsumierende häufig keine zuverlässige Möglichkeit haben, den THC-Gehalt der verfügbaren Produkte zu kennen. Zwar ist der THC-Gehalt von Cannabis aus Apotheken und Anbauvereinigungen bekannt, für Cannabis aus Eigenanbau oder illegalen Quellen besteht jedoch keine rechtssichere Möglichkeit, den THC-Gehalt zu testen. Dabei ist Eigenanbau eine relevante Bezugsquelle, vor allem durch die Weitergabe an Bekannte.“
„Ich bin der Koordinator des Forschungsprojektes EKOCAN (finanziert durch das BMG) und Leiter einer Studie zum Einfluss der Cannabisgesetzgebung auf die Verkehrssicherheit (von der Bundesanstalt für Straßenwesen in Auftrag gegeben) und war Leiter einer Studie zu den Effekten einer Legalisierung von Cannabis (ECaLe) (vom BMG in Auftrag gegeben). Ich habe Honorare für Vorträge in Zusammenhang mit der Cannabislegalisierung erhalten, nur von staatlichen und nichtstaatlichen Gesundheitsorganisationen und berate die WHO im Zusammenhang mit Cannabispolitik. Ich habe keine finanziellen Beziehungen zur Cannabisindustrie.“
Primärquelle
Thorne RL et al. (2026): Estimating thresholds for risk of cannabis use disorder using standard delta-9-tetrahydrocannabinol (THC) units. Addiction. DOI: 10.1111/add.70263.
Weiterführende Recherchequellen
Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e. V. (DG-Sucht), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) & Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) (2025): S3-Leitlinie Behandlung cannabisbezogener Störungen. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Stand: 02.12.2025.
Science Media Centre UK (2026): expert reaction to paper proposing thresholds for cannabis use, as published in Addiction. roundup. Stand: 12.01.2026.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Holmes J et al. (2020): Effects on alcohol consumption of announcing and implementing revised UK low-risk drinking guidelines: findings from an interrupted time series analysis. Journal of Epidemiology & Community Health. DOI: 10.1136/jech-2020-213820.
[2] Manthey J et al. (2025): Riskanter Cannabiskonsum: Vorschlag einer Arbeitsdefinition. Suchttherapie. DOI: 10.1055/a-2554-7205.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Freeman TP et al. (2020): ‘Standard THC units’: a proposal to standardize dose across all cannabis products and methods of administration. Addiction. DOI: 10. 1111/add.14842.
[II] National Institute of Health. Alcohol Units. Stand: 27.08.2024.
Dr. Jakob Manthey
Arbeitsgruppenleiter „Substanzkonsum und Public Health“ am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin der Koordinator des Forschungsprojektes EKOCAN (finanziert durch das BMG) und Leiter einer Studie zum Einfluss der Cannabisgesetzgebung auf die Verkehrssicherheit (von der Bundesanstalt für Straßenwesen in Auftrag gegeben) und war Leiter einer Studie zu den Effekten einer Legalisierung von Cannabis (ECaLe) (vom BMG in Auftrag gegeben). Ich habe Honorare für Vorträge in Zusammenhang mit der Cannabislegalisierung erhalten, nur von staatlichen und nichtstaatlichen Gesundheitsorganisationen und berate die WHO im Zusammenhang mit Cannabispolitik. Ich habe keine finanziellen Beziehungen zur Cannabisindustrie.“