Stiko: Kinder mit Grunderkrankungen unzureichend gegen Grippe geimpft
Ständige Impfkommission dringt in aktueller Stellungnahme darauf, bestehende Impfempfehlungen umzusetzen
geprüft wird demnach zudem eine neue generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche
Fachleute unterschiedlicher Disziplinen fordern dies seit Längerem und sehen Nachholbedarf bei der Impfstoff-Logistik und Risikowahrnehmung der Grippe
Kinder und Jugendliche, die gesundheitlich durch bestimmte Grunderkrankungen gefährdet sind, sollen laut Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) eigentlich gegen die Grippe geimpft werden. Doch die Impfquoten seien mangelhaft, wie die Stiko nun in einer Stellungnahme im „Epidemiologischen Bulletin“ feststellt. Aktuelle Auswertungen des Robert-Koch-Instituts (RKI), die zeitgleich veröffentlicht werden, zeigen, dass lediglich rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen, für die eine Impfempfehlung besteht, mit einer Impfung gegen die Grippe geschützt sind. Die Stiko empfiehlt demnach eindringlich, der bestehenden Empfehlung nachzukommen (siehe Primärquellen).
Laut Daten des RKI liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit impfrelevanten Grunderkrankungen unter allen 0- bis 17-Jährigen bei knapp neun Prozent. Und laut dem Statistischen Bundesamt entfielen in den Jahren 2015 bis 2024 von allen Krankenhauseinweisungen aufgrund einer Grippeerkrankung 31,4 Prozent auf unter 18-Jährige.
Clinician Scientist, Institut für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung (IIRVD), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Influenza-Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen
„Aktuell hat die eigentliche Influenza-Saison in Deutschland noch nicht begonnen, man hat also jetzt noch die Chance, vorzusorgen und sich impfen zu lassen. Die Grippewelle kommt so sicher wie das Amen in der Kirche, mit vielen Krankheitsfällen, einer wie jedes Jahr hohen Belastung des Gesundheitssystems, vollen Kinderarztpraxen und Notaufnahmen sowie zahlreichen stationären Aufnahmen und auch Todesfällen unter Kindern und Jugendlichen. Dazu kommt natürlich noch die sozioökonomische Last, verursacht durch fehlende Kitabetreuung und Schulausfällen; diese ist natürlich zusätzlich noch durch kranke Betreuer:innen und Lehrer:innen bedingt. Wie schwer die Saison der Wintermonate 2026/2027 dann ausfallen wird, hängt von mehreren Faktoren ab, insbesondere von der dominierenden Virusvariante und aber eben auch vom Impfverhalten der Bevölkerung.“
Risiko-Nutzen-Verhältnis einer Influenza-Impfung für Kinder
„Die Influenza-Impfung kennen wir seit vielen Jahren und wir haben gute Daten zur hohen Sicherheit und evidenzbasierten Wirksamkeit der verschiedenen zugelassenen Präparate. Die verfügbaren Impfstoffe werden jedes Jahr neu an die jeweiligen zirkulierenden Influenzastämme angepasst, sodass die Wirksamkeit jeweils danach variiert. Es hängt davon ab, wie treffend genau die Vorhersage war und von den Antigenen der Stämme, die schließlich für die Saison ausgewählt wurden. Das Grundgerüst der Impfstoffe aber, also die Inhaltsstoffe und ihre Herstellungsweise, ist jedes Jahr das gleiche.“
„Kontraindikation gegen die verfügbaren Injektionsimpfstoffe ist die schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie) nach einer vorherigen Impfung oder eine bekannte schwere Allergie gegen einen Impfstoffbestandteil. Früher war das häufig die schwere Hühnereiweißallergie, allerdings gibt es seit einigen Jahren die Zellkultur-basierte Herstellungsweise, sodass man unproblematisch ein Hühnereiweiß-freies Präparat auswählen kann. Die nasale lebend-attenuierte Influenza-Vakzine (LAIV) ist als Lebendimpfstoff ab zwei Jahren zugelassen, allerdings bei angeborener oder erworbener Immunschwäche, bei schwerem Asthma, für Schwangere und während einer Salicylat-Therapie (zum Beispiel Acytylsalicylsäure, ASS) ungeeignet.“
Gründe für niedrige Influenza-Impfquoten
„Die Hauptursache ist wahrscheinlich die nicht optimale Kommunikation bezüglich der Risiken einer Infektion mit Influenzaviren sowie mangelnde Aufklärung über den hohen protektiven Nutzen der jährlichen Impfung. Hier hilft es leider auch nicht, dass – zu Unrecht – der Ruf der Influenza-Impfung nicht nur in Teilen der Bevölkerung, sondern auch unter Mitarbeitern des Gesundheitssystems in Bezug auf Nebenwirkungen und Wirksamkeit nicht gut ist.“
„Vielleicht sind die Zahlen der komplizierten und tödlichen Krankheitsverläufe schwer in Relation zu den vielen weniger dramatisch kranken Kindern zu setzen – oder, sarkastisch gesagt, die Todeszahlen einfach nicht hoch genug, damit jede/r Kinderärzt:in dies einmal bei seinen eigenen Patient:innen miterlebt hat, um den Stellenwert der Influenza-Impfung zu erkennen. Auch denken viele betroffene Kinder und Jugendliche, deren Eltern, aber auch ältere Menschen oder Schwangere wahrscheinlich, mich betrifft das nicht wirklich. Zudem würde es mit Sicherheit helfen, wenn Kinder und Jugendliche frei wählen könnten, ob sie das Nasenspray bekommen oder ob sie auch mit einer Injektion einverstanden sind.“
„Hausärzt:innen und Allgemeinmediziner:innen könnten wahrscheinlich konsequenter Patienten ab 60 Jahren aufklären, auch jene, die subjektiv fit sind, und dadurch die jährliche Impfung zur Routine machen, wenn das Gesundheitssystem sie darin mehr unterstützen würde.“
„Schwangere selbst sind hochgradig gefährdet, doch der hohe Nutzen der Impfung, auch für den wichtigen Nestschutz der ersten Lebensmonate für das Neugeborene sind noch nicht allgemein bekannt genug. Hier gibt es dieselben bereits genannten Wissens-, Kommunikations- und gesundheitssystemischen Defizite in der so wichtigen Zeit der Schwangerschaftsvorbereitung und -vorsorge.“
„Manchmal scheitert es auch daran, dass die Zuständigkeit der Indikationsstellung und Durchführung der Impfung zwischen Kinderärzt:in und den spezialisierten Fachkolleg:innen (zum Beispiel Kinderkardiologie, Pulmologie, Immunologie) nicht gut abgesprochen wurde. Zudem stehen kinderärztliche Praxen häufig leider unter großem logistischem und ökonomischem Druck.“
„Positiv hervorzuheben ist, dass auch die Adipositas (BMI über 30) in der aktuellen Stiko-Stellungnahme klar als Indikation genannt wird, was ja (leider) viele Kinder und Jugendliche in Deutschland betrifft und nun hoffentlich zu erhöhten Impfraten führen wird.“
Bisheriger Fokus auf Risikogruppen
„Andere europäische Länder, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die deutsche Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen im Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V. (Bündnis KJG) empfehlen die universale Influenzaimpfung, also auch für gesunde Kinder. Lediglich die Altersspanne der allgemeinen Impfempfehlung unterscheidet sich jedoch von Land zu Land. Auch die Stiko bewertet derzeit die Evidenz für ein solches Vorgehen in Deutschland, was natürlich formal wichtig ist, aber leider auch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Persönlich bin ich wie viele andere Kinderärzt:innen und Infektiolog:innen seit Langem ein eindeutiger Befürworter der Influenza-Impfung für alle Kinder und Jugendlichen – und meine beiden gesunden Söhne lassen sich jedes Jahr impfen.“
Allgemeine Impfempfehlung zum Schutz vulnerabler Gruppen
„Eine allgemeine Impfempfehlung, wenn sie dann auch durchgeführt würde, verhindert nicht nur individuelle, schwere Krankheitsverläufe, sondern reduziert auch das Risiko für weitere Übertragungen. Dieser Effekt von Herdenimmunität ist natürlich besonders wichtig für die unter uns lebenden Risikopersonen, also für Oma und Opa, Schwangere oder auch die herztransplantierte Mitschülerin im Klassenraum. In diesem Zusammenhang ist es mir noch wichtig zu erwähnen, dass die Stiko in der aktuellen Stellungnahme zwar die Impfung für Personen erwähnt, die im selben Haushalt der genannten Risikopersonen leben, nicht aber auch eine ihrer weiteren bestehenden Empfehlungen wiedergibt. Diese beinhaltet Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr sowie Personen, die als mögliche Infektionsquelle für von ihnen betreute Risikopersonen fungieren können. Hierzu zählt für mich eindeutig auch das gesamte Personal in Kitas und Schulen. Eine allgemeine Impfempfehlung könnte hier Impfprogramme gegen Influenza mobilisieren und eine Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst wecken, zum Beispiel auch unter Einbindung von geschulten Schulgesundheitsfachkräften.“
Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, Sana-Klinikum Lichtenberg
Influenza-Risikogruppen
„Anhand der wissenschaftlichen Datenlage ergibt es Sinn, sich auf Risikogruppen zu fokussieren. Denn diese haben in der Tat ein erhöhtes Risiko, einen schweren Verlauf zu nehmen. Das hat sich in den vergangenen Jahren in der Literatur bestätigt. Das betrifft hohe Altersgruppen, Schwangere und Kinder mit Grunderkrankungen, insbesondere Lungenerkrankungen und neurologische Erkrankungen. In diesen Patientengruppen kommt es vermehrt zu Krankenhausaufenthalten bis zum Tod.“
„Wir haben in Deutschland keine umfassenden nationalen Register wie in Skandinavien und deshalb leider keine vergleichbare Datenqualität im pädiatrischen Bereich im Hinblick auf Krankenhaus- und Todesfälle. Aus Großbritannien, Kanada und anderen Ländern erhalten wir zum Teil sehr gute pädiatrische Daten und wissen, dass insbesondere Kinder mit Risikofaktoren ein höheres Risiko haben zu versterben. Die Mehrzahl aller pädiatrischen Influenzafälle, die im Krankenhaus behandelt werden, sind allerdings gesunde Kinder. Das ist vergleichbar mit RSV-Infektionen: Die Mehrheit, der mit RSV hospitalisierten Kinder haben keine Risikofaktoren, aber die mit Risiko, wie Frühgeborene und Kinder mit schwerem Herzfehler, haben schwerere Verläufe.“
Kosten-Nutzen-Verhältnis einer Influenza-Impfung für Kinder
Niedrige Influenza-Impfquoten
„Die Impfempfehlung für eine Influenza-Impfung ist in der Europäischen Union sehr unterschiedlich. Allerdings sind die Impfquoten überall niedrig. Es scheitert also nicht unbedingt an der Empfehlung, sondern an der Umsetzung. Wichtige Gründe für niedrige Impfquoten sehe ich in der Logistik, der Erreichbarkeit der Patient:innen, Unterschätzung der Krankheitslast sowie dem Bewusstsein für Risikofaktoren. Darüber hinaus ist vielen Personen nicht bekannt, dass Impfungen ja auch noch eine breitere Wirkung erzielen können, als ausschließlich gegen die Infektion zu schützen. So verringert die Influenza-Impfung auch das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse bei Erwachsenen.“
„Nun soll in Apotheken geimpft werden, damit der Zugang vor allem auch älteren Personen vereinfacht werden kann. Eine weitere gute Option wäre es, in den Krankenhäusern zu impfen. Hierfür ist aber leider die Struktur nicht vorhanden, beispielsweise können Krankenhäuser die Impfungen nicht abrechnen. Auch Schulimpfungen wären zu diskutieren.“
Potenzielle Hürden für eine Impfung
„Ich möchte das an einem Beispiel veranschaulichen: Ein rollstuhlpflichtiges psychomotorisch-retardiertes Kind mit einem hohen Risiko für eine Influenza-Infektion kommt regelmäßig in eine spezielle Gesundheitseinrichtung wie das Sozialpädiatrische Zentrum. Diese Zentren haben in der Regel keine zeitlichen und personellen Kapazitäten, ihre Patientinnen und Patienten zu impfen. Sie empfehlen eine Impfung beim niedergelassenen Kinderarzt. Das bedeutet zum einen, die Familie müsste einen weiteren Arzt aufsuchen. Zum anderen haben sie eventuell Sorge, dass sich ihre Kinder beim Kinderarzt einen anderen Infekt einfangen, weshalb dieser Schritt möglicherweise nicht gegangen wird.“
„Eine weitere Hürde bei der Influenza-Impfung ist, dass eine jährliche Impfung durchgeführt werden muss. Das heißt, dass eine relativ große Gruppe jährlich geimpft werden muss. Um das zu bewältigen, braucht man eine andere Infrastruktur, welche in Deutschland nicht vorhanden ist. In anderen Ländern gibt es Konzepte wie ‚community nurses‘, die solch eine Versorgung ermöglichen.“
„Ein weiteres Problem ist die gestiegene Impfskepsis seit der Corona-Pandemie, die sich potenziell auf alle Impfungen auswirkt, so beispielsweise auch auf die Pneumokokken-Impfung. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass gehäuft eine Ko-Infektion von Pneumokokken und Influenza bei schwerem Verlauf mit Lungenentzündung beobachtet wird. Wenn also Patientinn:innen eine Influenza bekommen und dann auch nicht gegen Pneumokokken geimpft sind, dann haben sie doppelt schlechte Karten.“
Oberarzt an der Kinder- und Jugendklinik und Leiter der Sektion für pädiatrische Infektionsforschung und Infektionsepidemiologie, Universitätsklinikum Freiburg
Influenza-Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen
„Influenza zählt zu den wichtigsten viralen Erregern von Atemwegsinfektionen bei Kindern. Gemessen an der Zahl der nachgewiesenen Infektionen sind Kinder sogar die am häufigsten betroffene Altersgruppe überhaupt. Für Kinder mit Grunderkrankungen wie neurologische Erkrankungen oder Herzerkrankungen ist das Risiko schwerwiegender Influenzaerkrankungen deutlich erhöht. Die Influenzaimpfung stellt gerade für diese Kinder die beste Präventionsmaßnahme dar, da die effektive Vermeidung von Ansteckungsmöglichkeiten für Kinder im Alltag äußerst schwierig ist.“
„Ab dem Alter von sechs Monaten stehen für Kinder sehr sichere und gut verträgliche Impfstoffe zur Verfügung. Bei Kindern mit Grunderkrankungen zeigt sich in Übersichtsstudien, dass durch die Impfung in etwa jede zweite Hospitalisierung verhindert werden kann.“
Gründe für niedrige Impfquoten
„Die Gründe für die niedrigen Impfquoten bei Kindern mit Grunderkrankungen sind vielschichtig. Sicherlich sollte aber eine transparente positive Kommunikation der Impfung verbessert werden: um die Wichtigkeit der Impfung besser verständlich zu machen, um Misstrauen abzubauen und um durch digitale Erinnerungssysteme schlichtweg an die Impfung zu erinnern. Natürlich hat jede einzelne Impfung das Potenzial, einen schweren Krankheitsverlauf oder die Ansteckung einer gefährdeten Person zu vermeiden. Eine Verbesserung der Impfquoten für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche und deren Kontaktpersonen hat aber sicherlich einen besonders hohen Stellenwert.“
Influenza als „Türöffner“
„Neben den direkten Influenza-bedingten Erkrankungen ist es wichtig zu betonen, dass Influenzaviren ‚Türöffner‘ für bedrohliche bakterielle Folgeinfektionen sein können – häufig auch bei Kindern ohne Grunderkrankung. Diese indirekten Folgen einer Influenzainfektion sind viel schwieriger zu quantifizieren, da sie oft einige Wochen nach der Virusinfektion auftreten oder die vorangegangene Influenzainfektion nicht labordiagnostisch erfasst wurde. Während der COVID-19-Pandemie zeigte sich eindrücklich, dass mit dem Rückgang von Virusinfektionen bei Kindern auch ein starker Rückgang bakterieller Folgeinfektionen zu verzeichnen war.“
Leiterin der Krankenhaushygiene, Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Universitätsklinikum des Saarlandes
Influenza-Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen
„Die Krankheitslast bei Kindern und Jugendlichen ist sehr hoch. Das ist an den Daten der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am Robert-Koch-Institut gut erkennbar: Die Zahl der Arztkontakte steigt in jeder Influenzasaison massiv an, sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen. Auch bei den Hospitalisierungen sind vor allem kleine Kinder besonders häufig betroffen. Bei Kindern unter vier Jahren haben wir praktisch ähnlich hohe Hospitalisierungsraten wie bei Personen über 80 Jahren.“
„Schwieriger ist es, verlässliche Daten zu verstorbenen Kindern aus Deutschland zu erhalten. Aus einigen anderen Ländern liegen solche Daten vor: In Großbritannien wurden in den vergangenen Jahren etwa 30 bis 100 Todesfälle bei Kindern pro Jahr erfasst, in den USA knapp 200 und in Kanada rund 80. Überträgt man diese Größenordnungen auf Deutschland, ergäben sich hierzulande etwa 40 bis 160 Todesfälle bei Kindern pro Jahr. Etwa die Hälfte der betroffenen Kinder hatte keine Vorerkrankung, das ist besonders wichtig zu wissen. Wir haben es also mit einer erheblichen Krankheitslast und einer relevanten Sterblichkeit zu tun. Zudem muss man die langfristigen Folgeschäden durch die Influenza noch mit ins Kalkül ziehen, diese werden aktuell kaum beachtet.“
Risiko-Nutzen-Verhältnis einer Influenza-Impfung für Kinder
„Die Impfung ist gut verträglich. Damit sind die Risiken der Influenza-Impfung minimal. Der Nutzen ist in vielen Studien und auch durch Real-World-Daten belegt. Die Schutzraten der Influenza-Impfung sind allerdings variabel, unter anderem wegen der Passgenauigkeit zwischen Impfstoff und den später tatsächlich zirkulierenden Viren. Insgesamt gibt es verschiedene Impfstoffe, sodass für jedes Kind ein passender Impfstoff ausgewählt werden kann. Kontraindikationen sind im Wesentlichen nur allergische Reaktionen auf die Inhaltsstoffe der Impfstoffe.“
Gründe für niedrige Impfquoten
„Häufig wird die Grippe nicht als Bedrohung wahrgenommen, das ist möglicherweise ein Hauptgrund. In vielen Situationen kommen auch das schlichte Vergessen der Impfung oder die fehlende Ansprache durch Ärztinnen und Ärzte hinzu. In vielen Studien hat sich gezeigt, dass die Angst vor Nebenwirkungen der Impfung nur eine untergeordnete Rolle spielt.“
„Persönlich halte ich auch die Impfempfehlung der Stiko mit dem Fokus auf Risikogruppen für ein Hauptproblem der niedrigen Impfquoten. Bei bestimmten Personen kann sich die Empfehlung zu impfen jedes Jahr ändern. Gerade in der Schwangerschaft ist es nicht einfach, Frauen von einer Impfung zu überzeugen, wenn sie bis dahin keine persönlichen Erfahrungen mit der Grippeimpfung haben. Deutlich einfacher wäre es, wenn die Impfung schon seit der Kindheit regelmäßig erfolgt wäre und in der Schwangerschaft lediglich fortgesetzt werden müsste.“
„Die Umsetzung der bestehenden Indikationsempfehlung ist für Ärztinnen und Ärzte im Alltag zudem komplex, es bestehen Unsicherheiten im Einzelfall, und bei zu freier Auslegung der Indikation droht sogar ein Regressrisiko. Das dürfte ein wesentlicher, bislang zu wenig beachteter Grund für die nach wie vor geringen Impfquoten sein, auch bei chronisch kranken Kindern. Man macht es den Ärztinnen und Ärzten nicht leicht, wenn sie impfen wollen.“
Bisheriger Fokus auf Risikogruppen
„In meinen Augen ist der Fokus auf Risikogruppen nicht sinnvoll und sogar kontraproduktiv. Man muss die hohe Krankheitslast und auch die relevante Sterblichkeit insgesamt in den Blick nehmen. Die Argumentation über Risikogruppen ergibt aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn Impfstoff extrem knapp ist (zum Beispiel bei der SARS-CoV-2-Impfung zu Beginn der Impfstoffversorgung), die Nutzen-Risiko-Bilanz der Impfung wegen hoher Nebenwirkungen sehr schlecht wäre (und des deswegen eines sehr hohen Risikos bedarf, um die Nebenwirkungen zu rechtfertigen) oder die Grippe in bestimmten (Alters-)Gruppen praktisch nicht vorkäme oder immer harmlos verliefe. Keine der drei Voraussetzungen ist hier gegeben. Die Grippe kann jeden treffen – in jedem Alter – und jeder kann schwer erkranken, Folgeschäden erleiden oder sterben. Dafür braucht es nicht einmal eine Vorerkrankung, weil beispielsweise eine bakterielle Superinfektion ausreichen kann, um den Verlauf deutlich zu verschlimmern. Deshalb verdient aus meiner Sicht auch jeder den Schutz durch eine Impfung.“
„Hinzu kommt, dass die Beschränkung auf Risikogruppen dem eigentlichen Problem nicht vollständig gerecht wird: Wie bereits erwähnt, hat etwa die Hälfte der an Influenza verstorbenen Kinder keine Vorerkrankung. Eine Empfehlung, die ausschließlich auf Risikogruppen abzielt, lässt diese Kinder strukturell ungeschützt. Was es daher braucht, ist eine klare, allgemeine Impfempfehlung für alle Kinder der betreffenden Altersklasse – medizinisch gut begründbar und in der Praxis deutlich einfacher umsetzbar, ohne Graubereiche, ohne Regressrisiko, ohne komplizierte Einzelfallabwägung.“
Allgemeine Impfempfehlung zum Schutz vulnerabler Gruppen
„Die Grippeimpfung hat neben dem individuellen Schutz, der absolut im Vordergrund stehen sollte, auch Effekte auf den Herdenschutz und kann damit andere Personen zusätzlich schützen, die selbst nicht geimpft wurden oder aufgrund einer Erkrankung nur schlecht einen Schutz nach der Impfung aufbauen können. Das ist auch der Grund, warum es eine Impfempfehlung für Personen gibt, die in Kontakt mit besonders vulnerablen Menschen stehen. Dies ist sicher ein wichtiger Aspekt, ich möchte aber davor warnen, diesen Punkt besonders bei Kindern und Jugendlichen als Hauptargument für eine allgemeine Impfempfehlung zu verwenden. Mir ist wichtig, die eigene Krankheitslast der Kinder wahrzunehmen und sie nicht nur als Überträger zu sehen. Der Fremdschutz ist sicher zusätzlich zum Eigennutzen vorhanden, sollte aber nicht im Mittelpunkt stehen.“
„Ich habe keine direkten Interessenkonflikte. Jedoch bin ich Co-Vorsitzender der Gesellschaft für Tropenpädiatrie und internationale Kindergesundheit (GTP), erweitertes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und Mitglied der Kommission für Kinder- und Jugendgesundheit, Klimawandel und Umwelt (Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V.).“
„Ich erhielt Honorare für Beratertätigkeit und Vorträge, die allerdings nicht persönlich, sondern institutionell gezahlt wurden (Sanofi, Astra Zenece, Biomerieux, Abbott).“
„Ich habe keine Interessenkonflikte in diesem Zusammenhang.“
„Ich bin Mitglied bei verschiedenen Fachgesellschaften, etwa GFV, DVV, DGHM, BAEMI. Zudem arbeite ich im Projekt „Grippeschutz“, das von AstraZeneca und Seqirus unterstützt wird. Ich habe Vortragshonorare erhalten oder war/bin in Advisory Boards von verschiedenen Impfstoffherstellern. Dazu gehören Moderna, Pfizer, AstraZeneca, Seqirus, Sanofi, Viatris, GSK.“
Primärquellen
Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut (2026): Stellungnahme der Stiko zur Bedeutung der Influenza-Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung. Epidemiologisches Bulletin. DOI: 10.25646/14444.
Steffen A et al. (2026): Influenza-Impfquoten bei Kindern und Jugendlichen mit Grunderkrankung in Deutschland. Epidemiologisches Bulletin. DOI: 10.25646/14439.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Scholz SM et al. (2021): Cost-Effectiveness of Routine Childhood Vaccination Against Seasonal Influenza in Germany. Value in Health. DOI: 10.1016/j.jval.2020.05.022.
[2] Schmidt-Ott R et al. (2020): Assessing direct and indirect effects of pediatric influenza vaccination in Germany by individual-based simulations. Human Vaccines & Immunotherapeutics. DOI: 10.1080/21645515.2019.1682843.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V. (10.04.2025): Impfung von Kindern gegen Influenza (Grippe) in Deutschland. Stellungnahme.
[II] Moderna (06.08.2026): Moderna Receives U.S. FDA Approval for Influenza Vaccine mFLUSIVA. Pressemitteilung.
PD Dr. Robin Kobbe
Clinician Scientist, Institut für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung (IIRVD), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine direkten Interessenkonflikte. Jedoch bin ich Co-Vorsitzender der Gesellschaft für Tropenpädiatrie und internationale Kindergesundheit (GTP), erweitertes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und Mitglied der Kommission für Kinder- und Jugendgesundheit, Klimawandel und Umwelt (Bündnis Kinder- und Jugendgesundheit e.V.).“
Prof. Dr. Tobias Tenenbaum
Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, Sana-Klinikum Lichtenberg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich erhielt Honorare für Beratertätigkeit und Vorträge, die allerdings nicht persönlich, sondern institutionell gezahlt wurden (Sanofi, Astra Zenece, Biomerieux, Abbott).“
PD Dr. Roland Elling
Oberarzt an der Kinder- und Jugendklinik und Leiter der Sektion für pädiatrische Infektionsforschung und Infektionsepidemiologie, Universitätsklinikum Freiburg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte in diesem Zusammenhang.“
Prof. Dr. Barbara Gärtner
Leiterin der Krankenhaushygiene, Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, Universitätsklinikum des Saarlandes
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich bin Mitglied bei verschiedenen Fachgesellschaften, etwa GFV, DVV, DGHM, BAEMI. Zudem arbeite ich im Projekt „Grippeschutz“, das von AstraZeneca und Seqirus unterstützt wird. Ich habe Vortragshonorare erhalten oder war/bin in Advisory Boards von verschiedenen Impfstoffherstellern. Dazu gehören Moderna, Pfizer, AstraZeneca, Seqirus, Sanofi, Viatris, GSK.“