Welche Maßnahmen stärken Vertrauen in die Integrität von Wahlen?
Effekte von unterschiedlichen Maßnahmen auf Vertrauen in Wahlergebnisse und Wahrnehmung von Wahl-Integrität in Studie untersucht
Präventive Hinweise auf verlässliche Fakten zur Wahl-Sicherheit hatten größten Effekt
Experte ist skeptisch bezüglich Effektivität und Umsetzbarkeit der Maßnahmen, Forschende erläutern Stand der psychologischen und kommunikationswissenschaftlichen Forschung zum Thema
Wie steht es um das Vertrauen in die Integrität von Wahlen? Während in Deutschland dieses Vertrauen laut Umfragen konstant hoch ist, nimmt in den USA die Diskrepanz zwischen Anhängerinnen und Anhängern der unterschiedlichen Parteien stark zu. Bei einer Gallup-Umfrage von 2024 äußerten 84 Prozent der Demokraten Vertrauen in die Richtigkeit der Wahlergebnisse, aber nur 28 Prozent der Republikaner [I].
Ein internationales Team von Forscherinnen und Forschern hat nun untersucht, welche Effekte zwei unterschiedliche Maßnahmen auf Faktoren wie das Vertrauen in die Wahl-Integrität haben. Bei der ersten Maßnahme handelte es sich um „Prebunking“, also präventive Hinweise auf möglicherweise bevorstehende Narrative und Falschinformationen und auf verlässliche Informationen beispielsweise zur Sicherheit von Wahlen. Die zweite Maßnahme waren „credible source corrections“. Damit ist gemeint, dass politische Akteure Aussagen treffen, die ihren eigentlichen parteilichen Interessen zuwiderlaufen – beispielsweise, wenn Republikaner Trump widersprechen. Die Studie ist im Fachjournal „Science Advances“ erschienen (siehe Primärquelle).
Professor für Kommunikationsmanagement und politische Kommunikation, Universität Leipzig
Methodik und Aussagekraft der Studie
„Das Papier präsentiert eine Reihe experimenteller Studien in zwei politischen Kontexten, in denen Zweifel an der Legitimität von Wahlen zuletzt aufgrund entsprechender Anfechtung durch unterlegene Kandidaten hohe Aufmerksamkeit und Verbreitung erfuhren, in den USA und Brasilien.“
„Die Studien untersuchen den Effekt zweier Interventionen: Eine Art rückblickende Korrektur falscher Behauptungen hinsichtlich vergangener Wahlen sowie eine vorausschauende Warnung mit Blick auf falsche Behauptungen hinsichtlich künftiger Wahlen. Die dabei verwendeten Materialien unterscheiden sich deutlich: Zum einen handelt es sich um Aussagen politischer Vertreter der unterlegenen Partei, zum anderen um Aufklärungsmaterialien einer staatlichen Stelle. Somit unterscheiden sich die Interventionen unter anderem hinsichtlich der Spezifität und Quelle, des zeitlichen Horizonts und Stils. Die Studien gewinnen weiter an Komplexität, da sie zahlreiche unterschiedliche abhängige Variablen beleuchten: Vertrauen in frühere und künftige Wahlen, Haltungen gegenüber spezifischen Wahlergebnissen, Annahmen oder Wissen hinsichtlich früherer und künftiger Wahlprozesse. Die im Papier genutzte Terminologie ist teilweise etwas ungewöhnlich und weicht von früheren Studien ab, insbesondere hinsichtlich der vorausschauenden Intervention.“
„Die erste Studie wurde in den USA durchgeführt und findet, dass beide Interventionen Annahmen und Haltungen mit Blick auf frühere Wahlen ein wenig beeinflussen können, allerdings mit kleinen Effekten. Mit Blick auf künftige Wahlen sind die Effekte noch kleiner und zum Teil nicht signifikant. Die Effekte beider Interventionen sind dabei sehr ähnlich. Bei einer erneuten Befragung wenige Wochen später waren die meisten der identifizierten Effekte nicht mehr statistisch signifikant, insbesondere jene der rückblickenden Korrekturen.“
„Die zweite Studie gleicht weitgehend der ersten, wurde jedoch in Brasilien durchgeführt. Die Ergebnisse beider Studien gleichen sich ebenfalls: Studie zwei findet auch kleine Effekte beider Interventionen, wobei beide Interventionen sehr ähnlich wirken. Die deutlich faktenreichere vorausschauende Intervention zeigt etwas größere Effekte auf das Wissen der Teilnehmenden, was vermutlich der Gestaltung der Intervention zugeschrieben werden kann.“
„Die dritte Studie fokussiert erneut auf die USA und untersucht etwas unterschiedliche vorausschauende Interventionen. Erneut sind die Effekte klein und sehr ähnlich, allerdings zeigt nur jene Intervention signifikante Effekte, die auf faktisches Wissen fokussiert ist – was etwas im Widerspruch zu den Ergebnissen der ersten Studie steht.“
„Insgesamt bestätigt das Papier einige etablierte Befunde aus der Misinformationsforschung: Die Effekte von Korrekturen und Warnungen – De- und Prebunking – sind klein, ähnlich und von recht kurzer Dauer. Die Autoren betonen stark die statistisch signifikanten Effekte beider Interventionen, insbesondere der vorausschauenden. Allerdings ist die externe Validität gerade dieser Interventionen fraglich. Die Studienteilnehmer lasen hier mehrere recht detaillierte Artikel zu technischen Aspekten der Wahlverwaltung und wurden unmittelbar danach zu diesem Thema befragt. Es ist schwer vorstellbar, welchem Szenario in der natürlichen Informationsumgebung von Wählenden dies entsprechen sollte. Die Tatsache, dass die so erzeugten Effekte klein und von kurzer Dauer sind, sollte eher skeptisch mit Blick auf die Wirksamkeit solcher Interventionen stimmen.“
Prebunking in der Praxis
„Die Studien hantieren mit einem etwas ungewöhnlichen Verständnis von Prebunking. Üblicherweise wird darunter eine Warnung mit Blick auf mögliche Misinformation verstanden, deren Wirkung untersucht wird, indem man Menschen experimentell Misinformation aussetzt. In diesem Fall bestand die Prebunking-Intervention aus einer Art kleinen, intensiven faktischen Schulung, welche – wenig überraschend – das Wissen der Teilnehmenden präzisierte. Es ist schwierig vorstellbar, wie Bürgerinnen und Bürger in ihrer natürlichen Informationsumgebung zu einer so intensiven Auseinandersetzung mit doch recht technischen Details der Wahladministration bewegt werden könnten.“
Langfristige Wirkung
„Nur eine Teilstudie wies ein Längsschnittdesign auf, zeigte also etwas längerfristige Wirkungen. Diese Wirkungen bestanden nur im Falle der vorausschauenden, faktenreichen Intervention zumindest teilweise, im Falle der rückwirkenden Intervention gar nicht. Es scheint also ein gewisser, kleiner Lerneffekt im Falle der faktenreichen Intervention eingetreten zu sein. Aussagen über eine langfristige Wirksamkeit können diesen Studien nicht entnommen werden.“
Credible source corrections in der Praxis
„Es ist durchaus plausibel, dass inhaltliche Korrekturen eher angenommen werden, wenn sie von einer glaubwürdigen – hier: politisch gleichgesinnten – Quelle stammen. Das ist für das journalistische Fact-Checking in der Praxis eine Herausforderung, weil die Absender häufig vor allem von jenen nicht als glaubwürdig betrachtet werden, deren Fehlannahmen korrigiert werden sollen. Die Arbeit mit für eine bestimmte Zielgruppe sympathischen Absendern ist also durchaus erprobenswert. Allerdings muss man sagen, dass im vorliegenden Papier die ,credible sources‘ Intervention nur sehr kleine und kurzfristige Effekte zeitigte. Auch hier wachsen die Bäume also nicht in den Himmel.“
Vergleich Prebunking und credible source corrections
„Mir scheint ein Vergleich der beiden Ansätze basierend auf dem vorliegenden Papier etwas heikel, da beide Interventionen sich doch in recht vielen Dimensionen unterscheiden – also nicht alleine etwa hinsichtlich des Zeithorizonts (zurückblickend und vorausschauend). Insbesondere die vorausschauende Intervention war sehr umfang- und faktenreich, sodass Lerneffekte bei Studienteilnehmern, die letztlich für eine Lektüre dieses Materials bezahlt werden, wahrscheinlich sind. So gesehen bestätigt das vorliegende Papier, dass es keine psychologischen Tricks oder ,Wunderwaffen‘ gibt, mit denen man Bürgerinnen und Bürger einfach aufklären oder belehren kann.“
außerordentliche Professorin am Digital Democracy Centre, Süddänische Universität, Odense, Dänemark
Anm. d. Red.: Prof. Dr. Lena Frischlich arbeitet zurzeit mit einer Autorin der Studie zusammen und äußert sich deshalb nicht zur Studie selbst, sondern nur zum Stand der Forschung.
Psychologische Perspektive
„Aus kognitionspsychologischer Perspektive ist die Korrektur von Fehlinformationen ein Prozess des Umlernens. Wenn wir neue Informationen oder Fehlinformationen wahrnehmen, werden diese von unserem Gehirn zunächst verarbeitet, stehen für kurze Zeit im Arbeitsgedächtnis zur Verfügung, werden mit dem abgeglichen, was wir schon über die Welt wissen, wie wir uns bei Inhalten fühlen und erst dann werden Informationen oder Fehlinformationen vielleicht im Langzeitgedächtnis abgelegt, also gelernt [1]. Fehlinformationen führen vor allem dann zu Fehlwahrnehmungen – werden also ‚gelernt‘ –, wenn wir wenig Vorwissen über das Thema haben, wenn die Fehlinformation gut zu unserem Weltbild passt, oder wenn wir dazu neigen, Inhalte eher intuitiv als reflektiert zu betrachten [2] [3].“
„Prebunking setzt genau da an und versucht, durch das Aufklären über Themen das Entstehen von Fehlwahrnehmung zu verhindern – aber auch dadurch, dass Menschen verschiedene Manipulationsstrategien kennenlernen. Die wenigsten von uns werden nämlich gerne manipuliert. Je mehr Vorwissen wir haben, desto eher springt unser ‚kognitives Immunsystem‘ an und verhindert, dass aus Fehlinformationen Fehlwahrnehmungen werden [4].“
„Beim Umlernen müssen Fehlwahrnehmungen aus dem Langzeitgedächtnis ‚herausgesucht‘ und angesichts der Korrektur neu bewertet werden. Und auch die neue Information muss dann abgespeichert werden. Verschiedene Faktoren stehen dem Umlernen von Fehlwahrnehmungen jedoch im Wege.“
„Erstens: Fehlwahrnehmungen bieten in der Regel eine Erklärung von bestimmten Ereignissen oder Zusammenhängen – ein ‚mentales Modell‘. Wenn diese Erklärung als falsch deklariert wird, führt das zu einem unangenehmen Spannungszustand. Menschen haben nämlich ein großes Bedürfnis, die Welt um sie herum zu verstehen. Erfolgreiche Korrekturen müssen deswegen nicht nur irgendeine, sondern eine bessere Erklärung – ein besseres mentales Modell – bieten [5].“
„Zweitens: Menschen haben auch das Bedürfnis, sich in einem positiven Licht zu sehen und nehmen generell an, dass sie die Welt im Großen und Ganzen korrekt wahrnehmen – die Psychologen Lee Ross und Andrew Ward nennen das ‚naiven Realismus‘. Die Korrektur von Fehlinformationen erschüttert diese Annahme, was zu einem unangenehmen Spannungszustand, der sogenannten ‚kognitiven Dissonanz‘, führt [6]. Kognitive Dissonanz können wir reduzieren, indem wir die unangenehme Information abwerten (‚Wer glaubt schon den Mainstream-Medien?‘), indem wir uns auf unsere anderen positiven Eigenschaften konzentrieren (‚Ich bin eben eine besorgte Bürgerin.‘), und zu guter Letzt, indem wir unsere Fehlwahrnehmung korrigieren. Das ist aber am unangenehmsten und oft ziehen Menschen es vor, sich abzulenken, anstatt den eigenen Fehlern ins Auge zu schauen [7].“
„Drittens: Besonders gut gelingt die Ablenkung, wenn wir der Quelle der Korrektur misstrauen. Eine Studie aus Österreich hat beispielsweise gezeigt, dass vor allem die Abwertung der Quelle der Information – zum Beispiel als Lügenpresse – dazu führt, dass Fehlwahrnehmungen auch dann beibehalten werden, wenn korrigierende Informationen vorliegen [8].“
„Entsprechend wichtig ist es, das Vertrauen in das politische System, in unabhängige Medien und in Fakten langfristig und auch jenseits konkreter Anlässe zu fördern, um dem Teufelskreis aus Misstrauen und Fehlwahrnehmungen zu begegnen [9].“
„Ein Interessenkonflikt besteht nicht.“
„Eine der Autorinnen, Marília Gehrke, hat am gleichen Institut wie ich gearbeitet und wir geben derzeit ein gemeinsames Special Issue heraus. Insofern liegt ein klarer Interessenkonflikt vor. Ich habe daher davon Abstand genommen, die Fragen zum Artikel zu beantworten. Stattdessen habe ich mich auf die Frage zum Stand der Forschung konzentriert und diese aus Perspektive der psychologischen Forschung beantwortet.“
Primärquelle
Carey JM et al (2025): Prebunking and credible source corrections increase election credibility: Evidence from the US and Brazil. Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.adv3758.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Rapp DN (2016): The consequences of reading inaccurate information. Current Directions in Psychological Science. DOI: 10.1177/0963721416649347.
[2] Pennycook G et al. (2021): The psychology of fake news. Trends in Cognitive Sciences. DOI: 10.1016/j.tics.2021.02.007.
[3] Ziemer CT et al. (2024): Identity is key, but Inoculation helps – how to empower Germans of Russian descent against pro-Kremlin disinformation. Advances in Psychology. DOI: 10.56296/aip00015.
[4] Van der Linden S (2023): Foolproof: Why misinformation infects our minds and how to build immunity. W. W. Norton & Company.
[5] Ecker UKH et al. (2011): Correcting false information in memory: Manipulating the strength of misinformation encoding and its retraction. Psychonomic Bulletin and Review. DOI: 10/cs2d6c.
[6] Festinger L (1957): A theory of cognitive dissonance. Stanford University Press.
[7] McGrath A (2017): Dealing with dissonance: A review of cognitive dissonance reduction. Social and Personality Psychology Compass. DOI: 10.1111/spc3.12362.
[8] Stubenvoll M et al. (2022): Four paths to misperceptions: A panel study on resistance against journalistic evidence. Media Psychology. DOI: 10.1080/15213269.2021.1951767.
[9] Frischlich L et al. (2021): Trust, democratic resilience, and the infodemic. Israel Public Policy Institute: Policy Paper Series. DOI: 10.5167/uzh-202660.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Saad L (25.09.2024): Partisan Split on Election Integrity Gets Even Wider. Gallup.
Prof. Dr. Christian Hoffmann
Professor für Kommunikationsmanagement und politische Kommunikation, Universität Leipzig
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ein Interessenkonflikt besteht nicht.“
Prof. Dr. Lena Frischlich
außerordentliche Professorin am Digital Democracy Centre, Süddänische Universität, Odense, Dänemark
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Eine der Autorinnen, Marília Gehrke, hat am gleichen Institut wie ich gearbeitet und wir geben derzeit ein gemeinsames Special Issue heraus. Insofern liegt ein klarer Interessenkonflikt vor. Ich habe daher davon Abstand genommen, die Fragen zum Artikel zu beantworten. Stattdessen habe ich mich auf die Frage zum Stand der Forschung konzentriert und diese aus Perspektive der psychologischen Forschung beantwortet.“