Scheidung der Eltern beeinflusst eigene Kinderzahl
Kinder geschiedener Eltern bekommen im späteren Leben weniger eigene Kinder, zeigen umfassende niederländische Bevölkerungsdaten
zugrunde liegende Mechanismen könnten auch in Deutschland die Fertilitätsraten beeinflussen, denn bei etwa einem Viertel aller Kinder hierzulande trennen sich die Eltern
Forschende heben Datenqualität und Relevanz der Studie hervor, sind aber skeptisch, ob Ergebnisse einfach auf Deutschland übertragbar sind
Wenn Eltern sich scheiden lassen, bekommen ihre Kinder im späteren Leben selbst weniger Nachkommen als wenn die Eltern verheiratet geblieben wären. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende nach einer Auswertung umfassender Daten über die in den 1970er Jahren geborenen Jahrgänge der Niederlande. Die zugehörige Studie ist im Fachjournal „Demography“ erschienen (siehe Primärquelle). Danach könnte dafür insbesondere ausschlaggebend sein, dass Kinder getrennter Eltern als Erwachsene kürzere Partnerschaften haben.
Da auch andere Faktoren die Anzahl der Nachkommen beeinflussen könnten, wie etwa die sozioökonomische Lage der Eltern oder kulturelle Aspekte, versuchten die Autoren, möglichst viele dieser Einflüsse statistisch zu kontrollieren. Das Ergebnis: Männliche Scheidungskinder blieben 6,1 Prozentpunkte häufiger kinderlos, weibliche Scheidungskinder 2,3 Prozentpunkte öfter als Kinder, deren Eltern verheiratet blieben. Die durchschnittliche Kinderzahl im Lebensverlauf verringerte sich durch die Scheidung der Eltern bei Männern um 0,187 Kinder, etwa 13 Prozent, bei Frauen um 0,093, etwa 5 Prozent. Die Gesamteffekte waren somit für Männer mehr als doppelt so groß. Auch waren die Effekte in den früher geborenen Kohorten etwas ausgeprägter als in den später geborenen, besonders unter Frauen. Die Forschenden analysierten außerdem, welchen Einfluss das Alter der Kinder bei der Scheidung der Eltern hatte. Hier zeigten sich nur für Frauen Effekte, mit einem stärkeren Rückgang der Zahl eigener Nachkommen bei älteren Kindern zum Zeitpunkt der Scheidung.
Professorin für Soziologie und Familiendemografie, Universität Rostock
Bewertung der Methodik und Bedeutung der Ergebnisse
„Die Studie basiert auf Bevölkerungsdaten aus den Niederlanden. Das ist eine einzigartige Quelle für die zu untersuchende Fragestellung. Denn sie ermöglicht es den Autor:innen, den Einfluss einer Scheidung der Eltern auf das Fertilitätsverhalten der Kinder zu untersuchen – vor allem auf das Ausmaß von Kinderlosigkeit und die endgültige Kinderzahl.“
„Die methodische Qualität der Studie zeigt sich in den sorgfältigen Analysen sowie in den zusätzlich durchgeführten Sensitivitäts- und Robustheitsanalysen. Die Studie ordnet sich in soziodemographische Untersuchungen ein. Diese haben gezeigt, dass Kinder geschiedener Eltern häufig selbst ein höheres Trennungs- oder Scheidungsrisiko haben. Ihre wissenschaftliche Relevanz resultiert daraus, dass dieser Zusammenhang hier in Bezug auf das Fertilitätsverhalten untersucht wird. Damit wird der Forschung zur Fertilität eine bislang wenig beachtete Erklärungsdimension hinzugefügt.“
Auswirkung von Scheidungen auf Kinderzahl in Deutschland
„Für Deutschland lässt sich auf Basis des Forschungsstandes Folgendes sagen: Es konnte bislang auch hier eine intergenerationale Übertragung des Scheidungsrisikos von der Kinder- auf die Elterngeneration gezeigt werden. Deren Auswirkungen auf das endgültige Fertilitätsverhalten wurden bislang jedoch nicht untersucht, da vergleichbare Daten, wie in den Niederlanden, nicht verfügbar sind.“
„Bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse wäre ich vorsichtig. Die Niederlande sind deutlich kleiner als Deutschland. Die Auswirkungen von elterlichen Scheidungen auf die nachfolgende Generation sollten in ihrem jeweiligen sozialpolitischen und kulturellen Kontext untersucht werden. Eine derartige Untersuchung wäre aber durchaus interessant.“
Trennungen unverheirateter Paare
„Auch die Übertragbarkeit auf Trennungen unverheirateter Paare würde ich infrage stellen. Denn zumindest in Deutschland heiraten die meisten Paare mit Kindern, auch wenn sie zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes nicht verheiratet sind. Dies bedeutet, dass es eine besondere Selektivität von durchgängig unverheirateten Paaren mit Kindern gibt (Sie sich also wahrscheinlich stark von verheirateten Paaren unterscheiden; Anm. d. Red.).“
Gründe für Kinderlosigkeit von Scheidungskindern
„Die Autor:innen zeigen in ihrer Studie, dass erwachsene Kinder geschiedener Eltern im Vergleich zu denen durchgängig verheirateter Eltern eine geringere endgültige Kinderzahl haben und dass sie häufiger kinderlos bleiben. Dies ist umso beachtlicher, da die Kinder aus Scheidungsfamilien im Durchschnitt früher zum ersten Mal Eltern wurden. Die Studie führt dies darauf zurück, dass Kinder aus Scheidungsfamilien aufgrund ihres höheren Trennungsrisikos kürzere Partnerschaftsdauern aufweisen als die erwachsenen Kinder, die keine Scheidung in der Kindheit erlebt haben. Dies ist ein durchaus plausibler Zusammenhang, der so meines Wissens noch nie gezeigt wurde.“
„Andere Hypothesen, wie eine höhere Fertilität durch sequenzielle Partnerschaften, kann die Studie nicht bestätigen. Die Autor:innen räumen selbst ein, dass ihre Ergebnisse nicht kausal zu interpretieren sind. Offen bleibt daher, ob es entweder die elterliche Scheidung als solche ist, die das Partnerschafts- und Fertilitätsverhalten der Kinder beeinflusst. Das könnte zum Beispiel durch ‚Lernen‘ am elterlichen Modell der Fall sein. Oder der Grund könnten über die Herkunftsfamilie vermittelte Werte und Einstellungen sein.“
Handlungsimplikationen für Gesellschaft und Politik
„Die Autor:innen leiten selbst ab, dass der in ihrer Studie offengelegte Zusammenhang sozialpolitisch kaum zu beeinflussen ist. Eine Familien- und Sozialpolitik, die vor allem auf die Stabilisierung der Geburtenraten orientiert ist, könnte hier wenig ausrichten. Allerdings verfolgt Familien- und Sozialpolitik im Allgemeinen vielfältige Ziele. Auch räumen die Autor:innen ein, dass die Scheidungsraten in vielen Ländern, in den vergangenen 20 Jahren rückläufig waren. Das gilt auch für Deutschland.“
„Über die Trennungsraten unverheirateter Eltern wissen wir aufgrund der Datenlage deutlich weniger. Die Ergebnisse der Studie fügen der Forschung zur Fertilität eine bislang wenig beachtete Erklärungsdimension hinzu. Für die untersuchte Kohorte der in den 1970er Jahren Geborenen schätzen die Autor:innen einen ‚Scheidungseffekt‘ auf die endgültige Kinderzahl von minus13 Prozent bei Männern und minusfünf Prozent bei Frauen Dieser Effekt korrespondiert auch mit der höheren Kinderlosigkeit der Männer. Ein Effekt dieser Größenordnung wäre unter der Voraussetzung eines hohen Trennungs- und Scheidungsniveaus von Eltern durchaus relevant für die Entwicklung der Fertilität.“
Forschungsdirektor Familie und Fertilität, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, und Professor für Medizinische Soziologie und Familiensoziologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Bewertung der Methodik und Bedeutung der Ergebnisse
„Die Studie ist methodisch überzeugend und wissenschaftlich relevant.“
Auswirkung von Scheidungen auf Kinderzahl in Deutschland
„Möglicherweise trifft es auch auf Deutschland und andere europäische Länder zu, dass Kinder geschiedener Eltern selbst weniger Kinder haben. Hier ist jedoch weitere Forschung notwendig.“
Gründe für Kinderlosigkeit von Scheidungskindern
„Trennungen verlaufen höchst unterschiedlich und sind in unterschiedlichem Ausmaß konfliktreich. Teilweise und im Zeitverlauf zunehmend gibt es Patchworkfamilien mit guter Kommunikation, teilweise destruktive dauerhafte Konflikte zwischen den Eltern. Daher kann man davon ausgehen, dass Trennungen nicht pauschal mit niedrigeren Kinderwünschen zusammenhängen. Es kommt darauf an, wie die Trennungen ablaufen: Bei den Auswirkungen auf den Kinderwunsch der Kinder sind die Art der Kommunikation der Familie nach der Trennung sowie der Kontakt zu beiden Elternteilen entscheidend.“
Handlungsimplikationen für Gesellschaft und Politik
„Es gibt mehrere zentrale Ursachen für die niedrigen Geburtenraten: Da wären als erstes die erschwerte Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die fehlende verlässliche Kinderbetreuung. Dazu kommen Arbeitsmärkte, die auf Eltern wenig Rücksicht nehmen. Eine weitere Ursache ist teurer Wohnraum – und zudem seit einigen Jahren die Unsicherheit wegen multipler Krisen.“
„Das Trennungsthema kann kaum zur Erklärung der niedrigen Geburtenraten insgesamt herangezogen werden.“
„Ich habe keine Interessenkonflikte. Ich kenne die Autor:innen der Studie persönlich nicht.“
„Interessenkonflikte bestehen nicht.“
Primärquelle
Palmaccio S et al. (2026). Fertility Outcomes of Adult Children With Divorced Parents: Evidence From Population Data. Demography. DOI: 10.1215/00703370-12487209.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[1] Walper S (2024): Wenn Eltern sich streiten und trennen. Deutsches Jugendinstitut.
Prof. Dr. Heike Trappe
Professorin für Soziologie und Familiendemografie, Universität Rostock
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Ich habe keine Interessenkonflikte. Ich kenne die Autor:innen der Studie persönlich nicht.“
Prof. Dr. Martin Bujard
Forschungsdirektor Familie und Fertilität, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Wiesbaden, und Professor für Medizinische Soziologie und Familiensoziologie, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Angaben zu möglichen Interessenkonflikten
„Interessenkonflikte bestehen nicht.“