EU-Emissionshandel: Effekte einer Integration von negativen Emissionen
Integration von BECCS und DACCS in ETS könnte laut Studie zu relevanten Mengen negativer Emissionen und niedrigerem Zertifikatpreis im Jahr 2050 führen
Risiken für verspätete Vermeidung und zu hohe Nutzung von BECCS können demnach durch eine schrittweise Integration verringert werden
Forschende weisen auf Unsicherheiten in den Kosten negativer Emissionstechnologien hin und diskutieren Für und Wider der Integration in den ETS
Ein Forschungsteam aus Deutschland und der Schweiz hat die Effekte modelliert, die eine Integration von negativen Treibhausgasemissionen in das Emissionshandelssystem (ETS) der Europäischen Union hätte. Dazu zählen etwa Bioenergie mit CO2-Abscheidung (BECCS) und der direkte Entzug von CO2 aus der Atmosphäre (DACCS). Im Ergebnis würden Emissionspreise sinken und der Ausbau von BECCS und DACCS gefördert werden, so die Forschenden in ihrer Studie, die in der Fachzeitschrift „Joule“ veröffentlicht wurde (siehe Primärquelle).
Im EU-Emissionshandel müssen Industrieanlagen für jede Tonne ausgestoßenes CO2 ein Zertifikat abgeben, deren Zahl schrittweise sinkt. Negative Emissionen können derzeit nicht genutzt werden, um neue Zertifikate zu erzeugen und zu verkaufen. Mit der Integration von BECCS und DACCS würde sich das ändern: Wer CO2 aus der Atmosphäre entfernt, könnte dafür Zertifikate erhalten und an andere Marktteilnehmende verkaufen. Konkret ergab die Modellierung der Forschenden, dass dadurch im Jahr 2050 der Atmosphäre jährlich zwischen 68 bis 86 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich entzogen werden könnten. Außerdem wäre wegen der zusätzlichen Zertifikate ab dem Jahr 2050 ein ETS-Zertifikat etwa halb so teuer wie ohne diese Möglichkeit.
Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik in der Abteilung Energie und Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin
„Es ist unstrittig, dass die Erschließung von Netto-CO2-Senken – also Carbon Dioxide Removal (CDR) – in erheblichem Maße notwendig ist, um klimaneutral zu werden. Das ist letztlich in allen numerischen Analysen zu Klimaneutralität nachgewiesen. Die Kernfrage ist damit nicht, ob es CDR für Klimaneutralität braucht. Sondern es geht darum, in welchem Umfang CDR benötigt wird, mit welchen Instrumenten es angereizt werden sollte und mit welchen Risiken und nicht intendierten Effekten CDR verbunden ist. Diese Risiken und Effekte resultieren auch aus den Anreiz-Instrumenten.“
„Die Studie untersucht hier die vom EU ETS erfassten Emissionen: also der Energiewirtschaft und der Industrie sowie dem Straßen- und Luftverkehr und der Hochseeschifffahrt. Außerdem betrachtet sie die Anreizung von CDR über den EU ETS sowie zwei spezifische CDR-Optionen: die geologische Speicherung von CO2, das aus der Luft (DACCS) oder im Kontext der Biomassenutzung (BECCS) gewonnen wird.“
„Die Modellierung der beiden CDR-Optionen DACCS und BECCS erfolgt mit einem Fundamentalmodell mit perfekter Voraussicht. Dieses Modell ist vor allem für die Energiewirtschaft erprobt und robust parametrisierbar. Das gilt aber für die aktuelle Analyse in Teilen nur mit großen Fragezeichen. Fraglich ist etwa die Gültigkeit bezüglich der industriellen Emissionsquellen sowie insbesondere der CDR-Optionen. In beiden Bereichen ergeben sich Unsicherheiten vor allem bezüglich der Kosten, auch und besonders mit Blick auf die perfekte Voraussicht.“
„Jüngere Untersuchungen des Öko-Instituts zu den ersten Marktdaten in den Bereichen Transport und Speicherung von CO2 haben Folgendes gezeigt [1]: Die realweltlichen Kosten weichen von sehr vielen ex ante modellierten Einschätzungen ab. Die Unsicherheiten von DACCS und BECCS liegen ganz maßgeblich im Bereich der Transport- und Speicherkosten. Bei DACCS liegen sie zusätzlich in den zukünftigen Kosten der CO2-Abscheidung aus der Luft. Die in der aktuellen Studie unterstellten Kosten für BECCS und DACCS liegen im Licht der oben genannten eigenen Untersuchungen für konventionelle CCS-Anwendung eher im optimistischen Bereich. Konventionelle CCS-Anwendung bedeutet ohne Berücksichtigung der vergleichsweise teuren Biomasse und der teuren CO2-Abscheidung aus der Luft.“
„Mit Blick auf die durch CDR zu adressierenden Mengengerüste liegen die Modellierungsergebnisse der Studie jenseits der Variante mit sehr niedrigen DACCS-Kosten aber durchaus im Bereich des derzeitigen Analyse-Mainstreams.“
„Der Effekt der beiden CDR-Optionen für die Preisniveaus der EU ETS-Zertifikate tritt erst sehr spät ein – trotz der tendenziell sehr optimistischen Kostenannahmen für BECCS und DACCS. Denn diese beiden CDR-Optionen sind trotz dieser optimistischen Annahmen deutlich teurer als alle anderen Vermeidungsoptionen in der Industrie, dem Straßen- und Luftverkehr sowie der Hochseeschifffahrt.“
„BECCS und DACCS werden damit erst preissetzend, wenn nach 2040 alle anderen Vermeidungsoptionen sehr weitgehend ausgeschöpft worden sind. Dann müssen nämlich nur noch die extrem schwer oder nicht zu vermeidenden industriellen Restemissionen ersetzt beziehungsweise kompensiert werden. Wenn die Kosten-Annahmen für BECCS und DACCS sehr optimistisch sind, liegen die Resultate für die EU ETS-Zertifikatspreise ab 2040 notwendigerweise auch im sehr optimistischen Bereich.“
„Die Prämisse der Studie ist zunächst, dass CDR-Optionen primär über das EU ETS angereizt und refinanziert werden sollen. Die Interpretation der Ergebnisse bezüglich der Risiken einer solchen CDR-Einbindung verbleibt sehr vage („identified risks can be increasingly mitigated over time as technology and policy learning progress“). Dies ist problematisch, da das Portfolio der CDR-Optionen durchaus breiter ist als die beiden Optionen BECCS und DACCS. Diese sind trotz großer Unsicherheiten immer noch vergleichsweise gut parametrisierbar. Das gilt vor allem mit Blick auf weitaus risikoreichere und bezüglich der Kosten noch weitaus unsichere Senkenoptionen wie etwa natürliche Senken oder Biokohle in problematischen Nutzungen .“
„BECCS und DACCS behindern vorhandene Emissionsminderungsoptionen mit vergleichsweise hoher Sicherheit nicht (Mitigation Deterrence). Für andere CDR-Optionen mit fraglicher, aber methodisch schlecht fassbarer Permanenz der Speicherung und Integrität gilt das nicht ohne weiteres.“
„Es stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob die Erschließung sowohl des teuren Teils der Vermeidungsoptionen – in der Studie nicht behandelt – als auch der CDR-Optionen primär über das EU ETS (und Zertifikatspreise von deutlich jenseits der 200 €/t CO2) aus Gründen der Verteilungs-, Wettbewerbs- und ähnlicher Implikationen überhaupt eine sinnvolle Strategie ist.“
„Gerade wegen dieser Verteilungs- und Wettbewerbsfragen kann die Erschließung dieser Emissionsvermeidungs- und CDR-Optionen durch gesonderte Politiken sehr sinnvoll sein. Das ist der Fall, obwohl damit rein theoretisch ökonomische Effizienzverluste einhergehen können. Letztlich ist es eine Frage von Grundüberzeugungen, die durch die methodisch aufwändige Modellanalyse jedoch weitgehend verdeckt wird.“
„Außerdem ist der vorgeschlagene Drei-Stufen-Prozess für die Integration von CDR in das EU ETS durch eine ganze Reihe sehr komplexer und teilweise extrem schwer zu parametrisierender Sicherheitsmaßnahmen charakterisiert – zum Beispiel mit Blick auf Gateways. Das sindquantitative Begrenzungen für die Nutzung von CDR-Zertifikaten anstelle von Emissionszertifikaten. Außerdem sind ist auch das das vorgeschlagene Borrowing von CDR-Zertifikaten schwer zu parametrisieren (wenn zukünftige CO2- Zertifikate ‚geliehen‘ und schon jetzt genutzt werden; Anm. d. Red.).“
„Daher kann sehr gut begründbar folgende Position vertreten werden: Eine Adressierung der unzweifelhaft benötigten CDR-Optionen über ein klar separiertes Segment der EU-Klimaschutzpolitik kann deutlich einfacher, risikoärmer und möglicherweise sogar ökonomisch effizienter sein.“
„Die Zertifizierungs- und Haftungsfragen für die speicherbezogenen Unsicherheiten von BECCS und DACCS sind für Speicher in der EU konzeptionell und praktisch weitgehend gelöst. Dies gelänge über stringente Monitoringvorschriften und die Einbeziehung der Speicher in den EU ETS.“
„Die Nachhaltigkeitssicherung der verwendeten Biomasse für BECCS-Anwendungen ist bereits innerhalb der EU eine Herausforderung. Aber wegen der übergreifenden EU-Klimaschutzarchitektur ist sie letztlich handhabbar. Die aktuelle Studie deutet an, dass auch internationale BECCS- und DACCS-Projekte im EU ETS anerkannt werden sollen. Sollte dem so sein, sind die hierfür nötigen und hinreichend robusten Grundlagen für Zertifizierung, Integritätssicherung und Haftung derzeit und für die Zukunft noch in keiner Weise erkennbar. Auch hieraus kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass CDR-Optionen vorzugsweise und auch längerfristig in einem gesonderten Segment der EU-Klimapolitik adressiert werden sollten.“
Direktor des Forschungszentrums Global Commons und Klimapolitik, Institut für Weltwirtschaft (IfW), Kiel
„Die Studie liefert wichtige Ergebnisse für die zukünftige Ausgestaltung des europäischen Emissionshandels. Dessen Zukunft erfordert, dass atmosphärische CO2 Entnahme integriert wird. Die beiden untersuchten Methoden, DACCS und BECCS, kommen sicherlich am ehesten für eine Integration in den europäischen Emissionshandel in Frage. Voraussichtlicht ist aber zusätzlich auch die Integration weiterer Methoden erforderlich. Dies gilt insbesondere dann, wenn das Emissionshandelssystem der Europäischen Union ausgeweitet wird und in Zukunft auch Verkehr und Wohnen umfasst.“
„Das gewählte Modell ist für die untersuchten Fragen geeignet und die getroffenen Annahmen bezüglich der Kostenentwicklung sind plausibel. Selbstverständlich sind diese Modellergebnisse für den gewählten Zeitraum nicht als Prognosen zu verstehen, sondern zeigen unterschiedliche Szenarien relativ zu einem Referenzszenario ohne CDR. Die Veränderungen verglichen mit dem Referenzszenario liefern wichtige Informationen, während die modellierten Größenordnungen bei den DACCS- und BECCS-Mengen plausibel sind, aber nicht als Prognose interpretiert werden sollten.“
„Nach meinem Verständnis wird in Abbildung drei die Preisentwicklung unter der Integration von Carbon Dioxide Removal (CDR) mit BECCS und DACCS dargestellt. „Die Preisentwicklung ohne CDR zeigt die Grenzvermeidungskosten (
Kosten, um bei einem bestimmten Emissionsziel eine weitere Tonne CO2 zu vermeiden – unter der Annahme, dass man erst die günstigsten Emissionen vermeidet; Anm. d. Red.) der Emissionen in der Industrie. Das bedeutet, dass bei dem zweiten Preispfad ohne CDR nach dem Jahr 2045 entweder alle Emissionen vermieden oder die emissionsverursachende Aktivität eingestellt wird. Dieser Preispfad ist aber durch eine Annahme nicht zeitkonsistent mit den Preisen von vor dem Jahr 2045 verbunden: Banking (
dabei werden Zertifikate von Marktakteuren für zukünftige Handelsperioden angespart, anstatt sie sofort zu nutzen; Anm. d. Red.) solle nur bis 2045 erlaubt sein. Der dort dargestellte Preis sind also die Grenzvermeidungskosten und nicht mehr ein Marktpreis, da es ohne CDR und ohne Banking nach 2045 keine Zertifikate mehr gibt. Interessant wäre der Preispfad ohne CDR aber mit Banking (
dabei werden Zertifikate von Marktakteuren für zukünftige Handelsperioden angespart, anstatt sie sofort zu nutzen; Anm. d. Red.) nach 2045 gewesen, dann würde ich einen deutlich größeren Preisunterschied zum Szenario mit CDR erwarten.“
„Hier zeigt sich aber eine grundsätzliche Schwierigkeit bei dieser Modellanalyse: In der Regel wird die Obergrenze der Emissionen als festgesetzt angenommen. Allerdings würde ab einem gewissen Preisniveau der politische Druck so hoch, dass die Obergrenze ausgeweitet werden würde. Daher wäre es für die in der Studie aufgeworfene Frage eine interessante Untersuchung gewesen, unterschiedliche Maximalpreise zu definieren und dann zu vergleichen wie sich die Nettoemissionen durch die Integration von CDR verändern.“
„Die Studie liefert wichtige Orientierungspunkte für anstehende Reformen des EU ETS. Die Integration von CDR in das EU ETS ist nicht nur wichtig für den Zeitraum nach 2040, sondern unabhängig von der Integrationsform bereits heute entscheidend. Denn ohne Informationen darüber, wie CDR in das EU ETS integriert wird, können Firmen keine Preiserwartungen bilden und keine Investitionsentscheidungen treffen.“
„Dies gilt umso mehr, da das EU ETS bereits jetzt zunehmend unter Druck gerät. Die veränderte geopolitische Situationen lässt Stimmen laut werden, die den CO2-Preis abschwächen werden. Vor diesem Hintergrund ist eine möglichst schnelle, aber dafür idealerweise schrittweise Integration ein sinnvoller Ansatz. Er sollte bei der Reform des EU ETS berücksichtigt werden.“
„In dem Maße wie CDR-Firmen in das EU ETS integriert sind, haben sie auch die Pflicht, für ihre Emissionen Zertifikate abzugeben. Damit würden zum einen die Betriebsemissionen abgedeckt – idealerweise in einem dann integrierten EU ETS 1 und EU ETS 2.Außerdem würden damit auch Life-Cycle-Analysen gewissermaßen hinfällig, weil bei Erfassen der Prozessemissionen nur netto-negative CDR-Projekte profitabel sind.“
„Zum anderen wären Betreiber dann auch in der Pflicht, Zertifikate zu entrichten, wenn CO2 aus der Speicherung entweicht. Hier stellt sich aus akademischer Sicht die Frage, welchen Mechanismus man wählt, wenn mehrere Betreiber einen gemeinsamen, geologischen Speicher nutzen. Allerdings ist die Befürchtung, dass Emissionen nicht permanent der Atmosphäre entzogen werden, für die diskutierten Methoden DACCS und BECCS kein signifikantes Problem.“
„Darüber hinaus werden aber auch weitere CDR-Methoden für die EU-Klimapolitik benötigt. Das sind etwa die Beschleunigung der natürlichen Verwitterung, die Erstellung von Pflanzenkohle aus Biomasseabfällen und die regionale Erhöhung der Alkalinität im Ozean sowie natürlich die Aufforstung. Diese Methoden variieren in ihrer Dauer der CO2-Speicherung und auch in den Möglichkeiten, die CO2 Speicherung zu verifizieren. Entsprechend benötigt man hier zusätzliche Institutionen, die das Ausfallrisiko der CO2-Speicherung abdecken.“
Meinerseits bestehen keine Interessenkonflikte.
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“
Primary source
Sultani D et al. (2026): How the EU can utilize its carbon market to scale up carbon dioxide removal. Joule. DOI: 10.1016/j.joule.2026.102395.
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Somers J et Al. (2026): Carbon Capture and Storage (CCS) in der Energiewende zur Klimaneutralität.
Dr. Felix Christian Matthes
Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik in der Abteilung Energie und Klimaschutz, Öko-Institut e.V., Berlin
Information on possible conflicts of interest
Meinerseits bestehen keine Interessenkonflikte.
Prof. Dr. Wilfried Rickels
Direktor des Forschungszentrums Global Commons und Klimapolitik, Institut für Weltwirtschaft (IfW), Kiel
Information on possible conflicts of interest
„Ich habe keine Interessenkonflikte.“