Krebsrisiko von nikotinhaltigen E-Zigaretten
laut Review sind E-Zigaretten wahrscheinlich krebserregend
bisher gibt es noch keine Einordnung zum Krebsrisiko von E-Zigaretten durch internationale Behörde
Forschende erläutern Mehrwert des Reviews und wie das Krebsrisiko von reinem E-Zigaretten-Konsum anhand bisher verfügbarer Evidenz einzuordnen ist
Der regelmäßige Konsum von E-Zigaretten ist „wahrscheinlich krebserregend“ und kann Lungen- oder Mundhöhlenkrebs verursachen – das trifft möglicherweise auch auf Menschen zu, die zuvor noch nie konventionelle Zigaretten geraucht haben. Zu dieser Einschätzung kommen australische Forschende, die sich in einer Übersichtsarbeit die Frage vorgelegt haben, wie das Krebsrisikos von nikotinhaltigen E-Zigaretten qualitativ zu bewerten ist aufgrund der bisher vorliegenden Evidenz (siehe Primärquelle).
Potenziell krebserregende Substanzen klassifiziert die Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Gefahrengruppen (1, 2a, 2b und 3 [I]). Die Einteilung der Gruppen basiert auf der Sicherheit der Evidenz dafür, dass ein Stoff, eine Exposition oder ein Verhalten Krebs verursachen kann. Zigarettenrauchen gehört beispielsweise in die Gruppe 1: Es gibt ausreichende Belege, dass die Exposition Krebs beim Menschen verursacht. Rotes Fleisch gehört zur Gruppe 2a und ist damit „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ [II].
Professor für Krebsprävention und -Screening und Direktor des European Translational Oncology Prevention and Screening (EUTOPS), Universität Innsbruck, Österreich
„Die Evidenz muss in zwei Schichten getrennt werden. Was wir noch nicht haben: Direkte epidemiologische Daten zur Krebsinzidenz bei ausschließlichen E-Zigaretten-Nutzern ohne Tabak-Vorexposition existieren praktisch nicht. Das hat strukturelle Gründe: E-Zigaretten sind erst seit etwa 2010 breit verfügbar, Lungenkrebs hat aber eine Latenzzeit von 20 bis 40 Jahren. Hinzu kommt, dass in den bisher verfügbaren Studien bis zu 97 Prozent der E-Zigaretten-Nutzer auch Tabak geraucht haben, was die Isolierung eines eigenständigen Vaping-Effekts erschwert. Das ist jedoch keine Entwarnung, sondern eine Frage der Zeit.“
„Was wir haben: Die mechanistische, epigenetische und präklinische Evidenz ist substanziell. Expositionsbiomarker zeigen bei E-Zigaretten-Nutzern deutlich erhöhte Spiegel bekannter Karzinogene – tabakspezifische Nitrosamine, volatile organische Verbindungen wie Acrylamid und Acrylnitril sowie Schwermetalle aus den Heizelementen, von denen viele bereits als IARC-Gruppe-1-Karzinogene klassifiziert sind. DNA-Schadensbiomarker belegen erhöhte Addukte in oralen Epithelzellen. Unsere eigene Arbeit hat gezeigt, dass E-Zigaretten-Nutzer mit nur sehr geringer Tabak-Vorexposition dieselben epigenetischen Veränderungen aufweisen, die bei Tabakrauchern das Lungenkrebsrisiko bis zu 22 Jahre vor der Diagnose vorhersagen – ein doch alarmierender Befund [1]. Im Tiermodell entwickelten 22,5 Prozent der Mäuse nach inhalativer E-Zigaretten-Exposition Lungenadenokarzinome [2]. Schließlich erfüllen E-Zigaretten-Aerosole alle zehn ‚Key Characteristics of Carcinogens‘ des IARC.“
„Aus meiner persönlichen Sicht ist zudem ein grundlegendes Prinzip relevant: Alle Substanzen, die zu erhöhtem Zelltod führen – durch Zytotoxizität, Entzündung, oxidativen Stress oder andere Mechanismen –, erhöhen den Regenerationsdruck auf Stammzellen und damit sehr wahrscheinlich das Krebsrisiko, unabhängig von spezifischen Karzinogen-DNA-Addukten.“
„Die Forschenden kommen in der aktuellen Studie zu folgendem Schluss: ‚Nicotine-based e-cigarettes are likely to be carcinogenic to humans, causing lung cancer and oral cancer.‘ Im IARC-System entspricht dies der Gruppe 2A (‚wahrscheinlich karzinogen für den Menschen‘). Eine formale IARC-Bewertung steht noch aus – das IARC hat jedoch die Evaluation elektronischer Nikotinabgabesysteme für 2025 bis 2029 als ‚High Priority‘ eingestuft. Eine Einstufung in Gruppe 1, wie sie für Tabakrauch gilt, erfordert epidemiologische Langzeitdaten, die zeitbedingt noch nicht vorliegen können. Beim Tabak hat es Jahrzehnte gedauert, bis die Epidemiologie die Biologie einholte – diesen Fehler sollten wir bei E-Zigaretten nicht wiederholen.“
Leiterin der Abteilung Primäre Krebsprävention, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg
„E-Zigaretten stehen bereits seit vielen Jahren unter dem Verdacht, Krebs auslösen zu können. Im Wesentlichen stützte sich dieser Verdacht darauf, dass das Aerosol von E-Zigaretten Substanzen enthält, die als gesichert oder wahrscheinlich krebserzeugend eingestuft sind. Der vorliegende Beitrag von Stewart et al., der eine Zusammenfassung eines bereits im Juli 2025 veröffentlichten Berichts darstellt, fasst nun die bisher verfügbare Evidenz aus experimentellen Tierstudien, Zellstudien und Studien am Menschen zusammen. Er schlussfolgert, dass E-Zigaretten wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen sein könnten und insbesondere Lungen- sowie Mundhöhlenkrebs verursachen könnte.“
„Allgemein anerkannte Bewertungen der Karzinogenität von Substanzen auf Basis der wissenschaftlichen Datenlage werden üblicherweise von Expertengruppen vorgenommen, die von der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (International Agency for Research on Cancer, IARC) eingesetzt werden. Eine solche Bewertung für E-Zigaretten liegt bislang nicht vor, es ist aber zu erwarten, dass die IARC in den kommenden Jahren eine solche Bewertung beauftragen wird. Würde man die im Beitrag dargestellte Evidenz nach der Logik der IARC bewerten, wäre die derzeitige Datenlage am ehesten mit einer Einstufung als ‚möglicherweise karzinogen für den Menschen‘ (Gruppe 2B) vereinbar, da Hinweise auf Tumorentwicklung aus Tierstudien sowie Befunde aus Tier- und Laborstudien vorliegen, die verschiedene krebserzeugende Mechanismen stützen. Für eine höhere Einstufung scheint die Datenlage noch nicht konsistent genug und nicht ausreichend stark.“
„Zudem fehlen bislang überzeugende epidemiologische Studien, die ein erhöhtes Krebsrisiko bei Personen belegen, die ausschließlich E-Zigaretten verwenden. Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen sind die Beobachtungszeiträume oft noch zu kurz, da Krebsentstehung ein komplexer Prozess ist, der sich über viele Jahre bis Jahrzehnte erstreckt. Zum anderen haben die meisten Personen, die regelmäßig E-Zigaretten nutzen, zuvor über längere Zeit herkömmliche Zigaretten geraucht. Daher lassen sich die Effekte des E-Zigarettenkonsums nur schwer von denen des Zigarettenrauchens trennen.“
„Zur Einordnung des Beitrags ist darüber hinaus wichtig zu berücksichtigen, dass die Autorengruppe das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten an sich beurteilt hat und nicht im Vergleich zu herkömmlichen Zigaretten. Da die Menge und Konzentration krebserzeugender Substanzen im Aerosol von E-Zigaretten in der Regel deutlich geringer ist als im Rauch herkömmlicher Tabakzigaretten, ist davon auszugehen, dass auch das karzinogene Potenzial von E-Zigaretten geringer ist als das von Tabakzigaretten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass E-Zigaretten als unbedenklich einzustufen sind.“
„Zum Vergleich: Das Rauchen herkömmlicher Tabakzigaretten ist von der IARC in die Gruppe 1 eingestuft (‚karzinogen für den Menschen‘). Diese Einstufung basiert auf umfangreicher und konsistenter epidemiologischer Evidenz sowie einer starken Untermauerung durch tierexperimentelle und mechanistische Studien. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebsentstehung gilt damit als gesichert. Laut der IARC verursacht Rauchen mindestens 20 verschiedene Arten von Krebs.“
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Primary source
Stewart BW et al. (2026): The carcinogenicity of e-cigarettes: a qualitative risk assessment. Carcinogenesis. DOI: 10.1093/carcin/bgag015.
Weiterführende Recherchequellen
Science Media Centre UK (2026): expert reaction to qualitative risk assessment on the carcinogenicity of e-cigarettes. roundup. Stand: 30.03.2026
Literaturstellen, die von den Expert:innen zitiert wurden
[1] Herzog C et al. (2024): Cigarette Smoking and E-cigarette Use Induce Shared DNA Methylation Changes Linked to Carcinogenesis. Cancer Research. DOI: 10.1158/0008-5472.CAN-23-2957.
[2] Tang MS et al. (2019): Electronic-cigarette smoke induces lung adenocarcinoma and bladder urothelial hyperplasia in mice. PNAS. DOI: 10.1073/pnas.1911321116.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] International Agency of Cancer Research: IARC Monographs on the Identification of Carcinogenic Hazards to Humans. Stand: 27.03.2026.
[II] WHO: Cancer: Carcinogenicity of the consumption of red meat and processed meat. Stand: 26.10.2015.
Prof. Dr. Martin Widschwendter
Professor für Krebsprävention und -Screening und Direktor des European Translational Oncology Prevention and Screening (EUTOPS), Universität Innsbruck, Österreich
Prof. Dr. Ute Mons
Leiterin der Abteilung Primäre Krebsprävention, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg