Nicht-invasive Hirnstimulation bei Autismus-Spektrum-Störung
laut Studie können Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung nach besonderem Hirn-Stimulationsverfahren besser sozial kommunizieren
bisherige Behandlung besteht vor allem aus Verhaltenstherapie, Hirnstimulation könnte eine Ergänzung bieten
Forschende begrüßen die Studie, erläutern die Limitationen und erklären, warum das Verfahren noch nicht für die Therapie geeignet ist
Durch die nicht-invasive Stimulation eines Hirnareals zeigten Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) Verbesserungen in ihrer sozialen Kommunikation. Dieses Ergebnis einer randomisiert, kontrollierten Studie einer Forschungsgruppe aus China wurde im Fachjournal „British Medical Journal“ veröffentlicht (siehe Primärquelle).
Die Stimulation, um die es sich hier handelt, ist eine Abwandlung der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS). Bei dieser Methode wird eine elektromagnetische Spule über einen ausgewählten Bereich des Schädels gehalten und stimuliert das darunter liegende Hirnareal mit kurzen starken elektrischen Impulsen. Das Verfahren ist in der Regel schmerzlos und wird zunehmend zur Behandlung psychischer Erkrankungen getestet – in diesem Fall bei der ASS. Vorangegangene Übersichtsarbeiten haben bereits auf einen potenziellen Nutzen und die Notwendigkeit weiterer Studien hingewiesen [I] [II].
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Uniklinik Köln
Einordnung der Ergebnisse
„Die Ergebnisse der Studie geben Hoffnung, weil eine Möglichkeit aufgezeigt wird, mit der soziale Kommunikation – eine Kernsymptomatik der Autismus-Spektrum-Störung – günstig beeinflusst werden könnte. Hierzu gab es bisher keine biologischen Therapieansätze – zum Beispiel Medikation. Entscheidend ist, ein therapeutisches Prinzip zu belegen, das überhaupt eine Veränderung ermöglicht.“
„Es sind weitere bestätigende Studien notwendig, da die Interventionsgruppe zu Beginn größere Defizite aufwies als die Sham-Stimulations-Kontrollgruppe und die stärkere Veränderung auf die schwerere Beeinträchtigung zu Beginn der Studie zurückzuführen sein könnte. Auch die Tabelle zum ,inverse probability weighting‘ (inverse Wahrscheinlichkeitsgewichtung: statistische Methode, um Verzerrungen in Beobachtungsstudien zu reduzieren; Anm. d. Red.) nach den Charakteristika der Stichproben zu Beginn der Studie kann die Bedenken hinsichtlich der Effekte der schwerer betroffenen Interventionsgruppe nicht vollständig zerstreuen.“
Stimulierte Hirnregion
„Die Effekte auf soziale Kommunikation sind überraschend, da das Stimulationsziel – der primäre motorische Cortex – in Sprachverständnis oder -produktion oder auch Mimik nicht direkt involviert ist. Die Gestik kann über das sogenannte Spiegelneuronensystem dekodiert werden. Dabei werden beim Beobachter dieselben motorischen Neuronen durch Beobachtung aktiviert, die beim Ausführenden zur Produktion der Bewegung notwendig sind. Dieses spielt jedoch in der humanen Kommunikation keine führende Rolle.“
„Insofern bleibt abzuwarten, ob die Stimulation günstige Effekte auf das Gleichgewicht von Exzitation und Inhibition (Erregung und Hemmung; Anm. d. Red.) über weit verzweigte Netzwerke zur Folge hatte oder ob sich der primäre motorische Cortex selbst als Ziel einer Stimulation besser eignet als bisher angenommen.“
Funktionsweise und Belastung der Stimulation
„Die Grundidee ist, dass eine Verschiebung in der Erregbarkeit des Gehirns zugrunde liegt, die Netzwerke nicht gut funktionieren lässt.“
„Durch eine Stimulation könnten Netzwerke besser funktionieren und die Betroffenen besser in die Lage versetzt werden, ihre sozialen Aufgaben umzusetzen – ohne spezifisches Training, durch die Alltagsherausforderungen – ähnlich wie bei Medikation.“
„Da die Dauer der theta-burst-Stimulation kurz ist, sind die Hauptbelastungen die Wege zum Arzt/in die Klinik. Dies zweimal am Tag für eine Woche durchzuführen ist in Anbetracht der umfangreichen Versorgungsleistungen, die die Eltern für ihre betroffenen Kinder erbringen müssen, beziehungsweise angesichts der Einschränkungen durch die Autismus-Spektrum-Störung für die Patient*innen überschaubar und verhältnismäßig angemessen.“
Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum Frankfurt
Stärken der Studie
„Hirnstimulationsverfahren sind eine innovative Behandlungsoption bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Insofern ist es sehr erfreulich, dass diese Studie durchgeführt wurde. Auch die Stimulationsart und der Stimulationsort sind wissenschaftlich gut hergeleitet und die Untersuchung anhand einer multizentrischen randomisiert-kontrollierten Studie wurde durch eine Vorstudie, die die Umsetzbarkeit untersuchte, entsprechend vorbereitet worden. Die Social Responsiveness Scale (SRS) ist eine häufig verwendete Zielgröße von Interventionsstudien bei ASS.“
Methodische Limitationen: Einschlusskriterien
„Hinsichtlich der Methodik fallen zahlreiche Probleme auf. Die Autoren betonen, dass die Hälfte der Kinder mit ASS eine Intelligenzminderung aufweisen, begrenzen aber den unteren Wert der Einschlusskriterien auf einen Intelligenzquotienten (IQ) von 50. Zudem sind die Kinder ab vier Jahren anhand der Wechsler-Skalen untersucht worden. Kinder mit ASS und Intelligenzminderung bewältigen aber in der Regel die Wechsler-Skalen (WPPSI) noch nicht. Auch entspricht es nicht der klinischen Erfahrung, dass Kinder mit ASS und Intelligenzminderung im Alter von vier Jahren ein so anspruchsvolles Protokoll tatsächlich umsetzen können. Kinder, die nicht ausreichend ruhig sitzen konnten, wurden aus der Studie auch ausgeschlossen, insofern ist davon auszugehen, dass überwiegend ältere Kinder mit ASS ausreichend gut mitgearbeitet haben. Leider fehlen dazu detaillierte Informationen wie beispielsweise die Altersverteilung bei Kindern mit einem IQ unter oder gleich 70 sowie bei Kindern mit einem IQ über 70.”
„Auch in den deskriptiven Daten fehlen zahlreiche Informationen in Tabelle 1, wie zum Beispiel die Verteilung der SRS-Werte, aber auch anderer Verhaltensmaße, die untersucht wurden. Diese Information wäre für den Vergleich der Stimulations- und der Sham-Gruppe wichtig. Zudem fehlen auch Informationen zu zusätzlichen Therapien, die ebenfalls hätten detailliert erhoben werden müssen, da diese natürlich auch die Zielgröße wie Art und Intensität der entsprechenden psychosozialen Interventionen beeinflussen können.“
Methodische Limitationen: Stimulationsprotokoll
„Das Stimulationsprotokoll kann ich aus den vorliegenden Informationen nicht gut einschätzen. Es fehlen zudem ausreichende Belege für das Protokoll. Die Studie, die referenziert wird, ist eine Studie bei Erwachsenen mit chronischer rezidivierender depressiver Störung.“
Methodische Limitationen: Statistische Auswertung
„Obwohl hier sehr viel Text enthalten ist, fehlen wesentliche Informationen und der gewählte statistische Ansatz erscheint fraglich. Der korrekte statistische Auswertungsansatz zur Untersuchung des Effekts auf die primäre Zielgröße (Elternurteil SRS) wäre ein gemischtes lineares Modell für sich wiederholende Datenpunkte (repeated measures) mit der Intervention als zentralem Prädiktor, kontrolliert für SRS zu Beginn, Alter, IQ, Geschlecht als feste Effekte und Zentrum als zufälliger Effekt. Idealerweise – falls erhoben – auch für sozioökonomischen Status der Eltern. Die Reviewer hatten ebenfalls Zweifel an der statistischen Analyse, dies ist aus dem Text ersichtlich, in dem betont wird, dass aufgrund der Reviewer-Kommentare zahlreiche Änderungen an dem primären statistischen Analyseplan vorgenommen wurden. Der statistische Analyseplan wurde auch vor der Datenanalyse nicht finalisiert und veröffentlicht.“
Relevanz für die Behandlung
„Aufgrund der zuvor genannten methodischen Probleme beziehungsweise Einschränkungen hat die Studie zum jetzigen Zeitpunkt keine Relevanz für die Behandlung von Kindern mit ASS.“
Behandlung der sozialen Kommunikation für Kinder mit ASS
„Die soziale Kommunikation ist eine sehr übliche Zielgröße in Studien zur Behandlung bei Kindern mit ASS. Da die Intervention basierend auf der vorliegenden Studie leider nicht beurteilt werden kann, kann auch nicht beurteilt werden, ob sie einen möglichen Mehrwert hätte.“
Sicherheit der Behandlung
„Grundsätzlich sind die Verfahren sicher, das heißt, sie können eingesetzt werden, wenn die Kinder mitmachen.“
„Die Stimulation reduziert eine zu starke Hemmung, insofern ist die Anwendung pathophysiologisch sehr gut begründbar. Wie geschrieben: Hirnstimulationsverfahren sind eine grundsätzlich sinnvolle, aber noch gut zu prüfende Interventionsmöglichkeit bei ASS.“
„Ich forsche zu und führe auch rTMS-Behandlungen bei unterschiedlichen Störungsbildern durch. Ich bekomme Förderung für Forschung durch öffentliche Institutionen wie DFG, gemeinnützige Stiftungen, BMG, BMBF, EU, Netzwerk Universitätsmedizin, Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ich besitze weder Anteile/Aktien oder ähnliches und bekomme auch keine Vorteile oder Unterstützung durch Firmen, die Neurostimulationsgeräte herstellen oder vertreiben.“
„Ich bin Leitlinienbeauftragte der DGKJP, Koordination der AWMF-S3-LL zu Autismus-Spektrum-Störungen.“
Primary source
Tan H et al. (2026): Accelerated continuous theta burst stimulation targeting left primary motor cortex for children with autism spectrum disorder: multicentre randomised sham controlled trial. British Medical Journal. DOI: 10.1136/smj-2025-086295.
Literaturstellen, die vom SMC zitiert wurden
[I] Smith JR et al. (2022): Treatment Response of Transcranial Magnetic Stimulation in Intellectually Capable Youth and Young Adults with Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuropsychology Review. DOI: 10.1007/s11065-022-09564-1.
[II] Oberman LM et al. (2023): The use of noninvasive brain stimulation techniques in autism spectrum disorder. Autism Research. DOI: 10.1002/aur.3041.
[III] Tan H et al. (2025): Evaluating the feasibility, safety and efficacy of accelerated continuous theta-burst stimulation targeting the left primary motor cortex to improve social communication impairment in children with autism. General Psychiatry. DOI: 10.1136/gpsych-2024-102012.
Prof. Dr. Stephan Bender
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Uniklinik Köln
Information on possible conflicts of interest
„Ich forsche zu und führe auch rTMS-Behandlungen bei unterschiedlichen Störungsbildern durch. Ich bekomme Förderung für Forschung durch öffentliche Institutionen wie DFG, gemeinnützige Stiftungen, BMG, BMBF, EU, Netzwerk Universitätsmedizin, Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ich besitze weder Anteile/Aktien oder ähnliches und bekomme auch keine Vorteile oder Unterstützung durch Firmen, die Neurostimulationsgeräte herstellen oder vertreiben.“
Prof. Dr. Christine Freitag
Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum Frankfurt
Information on possible conflicts of interest
„Ich bin Leitlinienbeauftragte der DGKJP, Koordination der AWMF-S3-LL zu Autismus-Spektrum-Störungen.“